"Eintagsfliegen" Grass veröffentlicht neuen Gedichtband

"Eintagsfliegen" heißt der neue Gedichtband von Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Darin enthalten: Viel Persönliches, sowie Texte zu Europa, Griechenland und eine kritische Liebeserklärung an Deutschland. Der Band könnte auch wieder Stoff für Kontroversen mit Israel bieten.

Literaturnobelpreiträger Günter Grass am 26. September in Hamburg bei einer Lesung.

(Foto: dpa)

Günter Grass veröffentlicht einen neuen Gedichtband. "Eintagsfliegen" heißt das Buch, das der Steidl-Verlag herausbringen wird. Auf der Seite des Verlags ist eine kurze Erläuterung des Literaturnobelpreisträgers zu finden, die den Entstehungsprozess beschreibt. So hätten sich während einer "intensiven Arbeitsperiode (...) zahllose Gedichte angesammelt, die jetzt zu Papier gebracht werden wollten; ich nannte sie Eintagsfliegen".

Die Nachrichtenagentur dpa berichtet vorab, das Buch biete neben politischen Gedichten - darunter Texten zu Europa, Griechenland und eine kritische Liebeserklärung an Deutschland (Titel: "Trotz allem") - auch viele persönliche Texte. Themen seien das Altern, der Verlust von Freunden und Todesahnungen. Grass malte zu jedem Gedicht eine aquarellierte Federzeichnung. Doch der Band könnte offenbar auch wieder Stoff für neue politische Kontroversen bieten.

"So heißt der Held"

Der deutsche Literaturnobelpreisträger würdige in einem der insgesamt 87 Gedichte den wegen Spionage zu 18 Jahren Haftstrafe verurteilten israelischen Nukleartechniker Mordechai Vanunu als "Held" und "Vorbild". Vanunu hatte 1986 im Ausland das geheime Nuklearprogramm Israels öffentlich gemacht. In dem Gedicht "Ein Held unserer Tage" dichtet Grass demnach über Vanunu: "So heißt der Held, der seinem Land zu dienen hoffte, indem er half die Wahrheit an den Tag zu bringen."

Vanunu wurde nach seinen Enthüllungen vom Geheimdienst Mossad in Rom entführt und nach Israel gebracht, wo er vor Gericht kam. Vanunu war elf Jahre im Gefängnis, kam danach unter Auflagen frei. Weil er sich dennoch mehrfach äußerte, musste er erneut einige Male ins Gefängnis und lebte dazwischen unter Hausarrest.

Die dpa zitiert weiter aus dem Grass-Gedicht: "Drum: Wer ein Vorbild sucht, versuche ihm zu gleichen, entkleide, werde mündig, spreche aus, was anderswo in Texas, Kiel, China, im Iran und Rußlands Weite erklügelt wird und uns verborgen bleibt." Die Kieler Werft HDW baut für Israel U-Boote, die nach Medienberichten atomwaffenfähig sein sollen.

Bereits im April hatte Grass mit dem Gedicht "Was gesagt werden muss" Israels Regierung verärgert. Innenminister Eli Jischai sprach gegen den deutschen Dichter ein Einreiseverbot aus. Grass hielt in dem Text Israel vor, mit seinen Atomwaffen den ohnehin brüchigen Weltfrieden zu gefährden und das Recht auf einen militärischen Erstschlag gegen Irans Atomanlagen zu beanspruchen.

Grass hat die zunächst u.a. in der Süddeutschen Zeitung und der italienischen Repubblica veröffentlichte Fassung des Gedichts für den neuen Band offenbar stilistisch und in einem Punkt inhaltlich überarbeitet: So heiße es jetzt nicht mehr, die "Atommacht Israel" gefährde den Weltfrieden, sondern "die gegenwärtige Regierung der Atommacht Israel".

"Vielleicht gelingt es uns sprachlos zu weinen"

Zu den Gedichten in "Eintagsfliegen" gehört auch eins über den rumäniendeutschen Schriftsteller Oskar Pastior (1927-2006), der von 1961 bis zu seinem Verbleiben im Westen 1968 informeller Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes Securitate gewesen war. Unter dem Titel "Verspäteter Schutzbrief für Oskar Pastior" verteidigt Grass den unter anderem mit dem Büchnerpreis geehrten Autor.

Pastior, selber Opfer des Stalinismus, habe aus größter Angst vor erneuter Haft im damals kommunistischen Rumänien gehandelt und später aus Scham geschwiegen. Erst vier Jahre nach dem Tod war die IM-Tätigkeit Pastiors, der Geheimdienstakten zufolge auch Spitzelberichte schrieb, bekanntgeworden. Den Kritikern wirft Grass vor, sich nur noch selbst unfehlbar gesehen und über Pastior den Stab gebrochen zu haben. "Ich aber nehme Dich nun - verspätet, ich weiß - in den Arm; vielleicht gelingt es uns sprachlos zu weinen", schließt das Gedicht.