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Einst verbotener Roman "Stunde der Stille":Dann lieber Krieg

Was er beschrieb, sollte lange niemand lesen dürfen. In "Stunde der Stille" erzählte Ivan Klíma 1963 von Menschen, die sich gar in den Krieg zurückwünschen, so bitter scheint ihnen das Leben im Kommunismus der Tschechoslowakei. Nach dem Prager Frühling landete der Roman im Giftschrank, nun erscheint er erstmals in deutscher Sprache.

Gabriel García-Marquez hat einmal gemeint, Roman und Reportage seien "Kinder ein- und derselben Mutter", er selbst habe das Handwerk des Erzählens zuerst als Reporter erlernt. Was der große lateinamerikanische Autor über seine literarische Entwicklung sagte, trifft auch auf die des tschechischen Schriftstellers Ivan Klíma zu. 1958 war dieser aufgebrochen, um den äußersten Osten der Tschechoslowakei mit dem Rad zu erkunden; über den wie aus der Zeit gefallenen Landstrich an der Grenze Polens, Ungarns und der Ukraine hatte in der Zwischenkriegszeit bereits der sozialistische Erzähler Ivan Olbracht berichtet, doch war das Gebiet auch dreißig Jahre später, in der kommunistischen Tschechoslowakei, Terra incognita geblieben.

IVAN KLIMA

Roman und Reportage sind Geschwister: Ivan Klíma im Jahr 1993.

(Foto: dpa)

Klíma war damals 27 Jahre alt und im Auftrag der Literárni noviny unterwegs, der wichtigsten tschechischen Literaturzeitschrift, deren stellvertretender Chefredakteur er später wurde. 1960 erschienen seine Reportagen unter dem Titel "Zwischen drei Grenzen" auch in Buchform. Sie ähneln den frühen Reportagen des um ein Jahr jüngeren Ryszard Kapuscinski, der zur selben Zeit die rückständigen Regionen des benachbarten Polen bereiste. Beide, Kapuscinski und Klíma, hofften damals noch auf eine gerechte, sozialistische Ordnung, erkannten aber als unbestechliche Reporter bereits, dass sich die Verhältnisse ganz anders entwickelten, als es die ideologische Propaganda verhieß.

Was er in der Region am Rande gesehen und erlebt hatte, ließ Klíma nicht mehr los. Anfangs plante er einen Film, dessen Drehbuch aber keine Gnade vor den Zensoren fand; dann schrieb er einen Roman, in dem er mit den Mitteln des Erzählers noch einmal aufgriff und neu gestaltete, was er zuvor penibel als Reporter recherchiert und beschrieben hatte. "Stunde der Stille" kam 1963 heraus, machte Klíma zu einem der bekanntesten Autoren des Landes und wurde nach dem "Prager Frühling" - wie alle seine Werke - verboten. Erst 2009 neuerlich auf Tschechisch aufgelegt, ist der Roman nun in der ambitionierten Übersetzung von Maria Hammerich-Maier erstmals in deutscher Sprache erschienen.

Beachtlich, mit welcher Wucht Klíma erzählt

"Stunde der Stille" spielt in den Jahren des sozialistischen Aufbaus, als Idealisten und Opportunisten das Land mit seinen großen Unterschieden zwischen städtisch-industriellen und abgeschieden-ländlichen Gebieten zum "großen Sprung nach vorne" nötigen wollten. Jedes der acht Kapitel führt aber zugleich auch in die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs zurück, als deutsche und ungarische Truppen im Land standen und die faschistischen Garden der Slowaken Jagd auf Juden und Kommunisten machten. Es ist beachtlich, mit welcher Wucht Klíma in seinem ersten Roman von einer archaisch anmutenden Welt erzählt und mit welcher Wahrhaftigkeit er die Abgründe seiner Protagonisten auslotet. Er bietet dazu ein gutes Dutzend an Gestalten auf, deren Lebensläufe meist unheilvoll miteinander verflochten sind und deren moralische Entwicklung er wie nebenhin mit den historischen Ereignissen zu verweben weiß.

Der Ingenieur und Landvermesser Petr hat seine Familie im Konzentrationslager verloren, mit geradezu verzweifeltem Idealismus verschreibt er sich nun einem Projekt, das er für den Sozialismus hält. Er zieht in die Region zwischen den drei Grenzen und bemüht sich, den Fluss, der dort alle paar Jahre über seine Ufer tritt und Dörfer und Felder überflutet, mit einem ausgeklügelten System von Deichen zu bändigen. Die Leute, auf die er trifft, nehmen die regelmäßige Wiederkehr des großen Wassers, das sie um den Ertrag ihrer Arbeit bringt, jedoch als ein Verhängnis wahr, das schicksalhaft über sie kommt und an dem sich nichts ändern lässt.

Dumpf und gefügig

Gerade so erlebten sie aber auch die Jahre der Okkupation, so dumpf und gefügig beobachteten sie die Massaker, die die fremden Truppen und die slowakischen Gardisten unter ihren Nachbarn verübten; und so erdulden sie jetzt, dass die Staatsmacht, deren Agitatoren sie kein Wort glauben, ihre jämmerlich kleinen Grundstücke enteignet und zu Kolchosen zusammenschließt. Im Ingenieur, der tatsächlich ihr Bestes will, sehen sie bald ihren Feind, er ist ihnen als Repräsentant eines Fortschritts verdächtig, den sie immer nur als Zwang und Nötigung erfuhren. So gilt ihr Hass dem einzigen, der tatkräftig an ihrer Misere etwas ändern will. Sie selbst nämlich wollen gar nichts ändern, hat "Änderung" für sie doch stets bedeutet, dass sich ihre Dinge zum Schlimmeren wendeten.

Was sind das für Leute? Da ist der Pfarrer, der vor acht Jahren als junger Mann in den Ort kam und damals so schön war, dass "die Mädchen keine einzige Messe ausließen und die alten Frauen sich empörten". In der Stunde der Bewährung versagt er und verrät, selbst mit dem Tode bedroht, den slowakischen Schwarzhemden den Namen jenes jungen Mannes, der zu den Partisanen übergelaufen ist. Dessen Familie wird, von der Großmutter bis zum jüngsten Bruder, aus dem Haus getrieben und erschossen. Der Pfarrer tröstet sich in seiner Gewissensnot mit der allzu nachsichtigen Formel, dass der "Mensch eben sündhaft ist" und auch "ich bloß ein Mensch bin".

Ein paar Jahre später wird er von Smoljak, dem einstigen Partisan, der seine Tage in Grimm verlebt und an die Menschheit nicht mehr recht zu glauben vermag, gestellt. Es ist eine großartige Szene, wie der feige, doch in seiner Schwäche menschlich fassbare Pfarrer und der von seiner Wut getriebene, aber innerlich bereits gebrochene Smoljak aufeinander treffen. Im Dachboden des Pfarrhauses legt Smoljak dem Pfarrer die Schlinge um den Hals, um ihn dann doch nicht am Balken zu erhängen, sondern vor ihm und der Versuchung, Rache zu üben, geradezu davonzulaufen. "In ihm flackerte der Wunsch auf, wegzugehen, zu den alten Genossen zurückzukehren, wieder im Schnee zu liegen, im tiefen, nassen Schnee und zu wissen, dass der neben ihm ihn nicht verraten würde und der gegenüber der Feind war."

Die gefährliche, heroische Zeit im Untergrund erscheint dem Widerstandskämpfer schöner als die tristen, grauen Jahre, die auf die Befreiung folgen. Der Kommunismus wird weder die Gerechtigkeit bringen noch dem Leben des einzelnen einen dauerhaften Sinn verleihen, das zeigen alle Biografien, die Klíma entwirft. Die alte Jurcova stirbt verbittert, weil ihr die einzige Kuh, die sie hatte, nicht mehr gehört, ihre Tochter Janka, die Ansprüche ans Leben stellte und aus Enge und Ehe ausbrach, wird grausam enttäuscht; und auf Petr, den wohlmeinenden Ingenieur, hetzen die Leute am Ende ihre Hunde. Seine Frau, die als Lehrerin hochgemut antrat, die brüderliche Gesellschaft zu preisen, bekennt am Ende resigniert: "Ich habe mir alles ganz anders vorgestellt. Mein ganzes Leben. Ich dachte, ich könnte der Menschheit helfen, glücklich zu werden."

Erfolg haben in dieser düsteren Welt nur der kleine Ganove, dessen Dienste auch bei den neuen Herren gefragt sind, und der früher so oft gedemütigte Kleinbauer, der rasch zum despotischen Parteisekretär aufsteigt. Glücklich werden auch sie nicht, denn Klíma behauptet sich schon in seinem ersten Roman als Moralist, der weiß, dass es das größte Unglück des Menschen ist, zu lügen, zu betrügen, sich und den nächsten zu verraten. Immerhin einen Lichtblick gewährt er den Lesern: dass im Scheitern des Idealisten mehr Hoffnung liegt als in den Siegen der Opportunisten.

IVAN KLÍMA: Stunde der Stille. Roman. Aus dem Tschechischen von Maria Hammerich-Maier. Transit Verlag, Berlin 2012. 253 Seiten, 19,80 Euro.