Einführung des großen Eszett Hilfe! Ein Buchstabe fehlt!

Die allgemeine Buchstabenknappheit soll überwunden werden: Zum kleinen Eszett soll sich endlich das große Eszett gesellen.

Von Von Martin Z. Schröder

Die ganze Geschichte kurz: Die Reihen unseres Alphabets zeigen eine Lücke. Wir verwenden nicht bloß sechsundzwanzig Typen (oder mit den drei Umlauten neunundzwanzig), wir setzen auch ß. All die Mütter namens Kloß, Fuß, Heißsporn usw. wissen, wenn sie den KREIßSAAL verlassen: Wieder wird die Behörde ein Dokument auf einen neuen Menschen ausstellen und dabei dessen Namen verstümmeln.

Das große Eszett in Aktion.

(Foto: Foto: www.germantype.com)

Weil dem kleinen ß der große Bruder fehlt. In amtlichen Dokumenten mit großen Buchstaben wird ein Minuskel-ß in die Versalreihe gemischt, was dann aussieht, als sitze ein großes B auf dem Klosett. In jedem amtlichen Papier in Versalschreibung steht das kleine ß zwischen Großbuchstaben, denn die Ersetzung von ß durch zwei Buchstaben (SS) kann zu Verwechslungen führen: Wüsste man sonst, ob Herr PREUSS in der Normalschreibung Preuss bleibt oder zu Preuß wird?

Auch auf Friedhöfen wird das ß nicht ersetzt, bleibt aber seine Gestalt der Geschicklichkeit der Steinmetze überlassen. Nicht zuletzt kämpfen Designer mit dem Fehlen des versalen Scharf-S, wenn sie FUßCREME, MAßHEMDEN und SOßE in GROßBUCHSTABEN beschriften wollen.

Allgemeine Buchstaben-Knappheit

Mehr als 120 Jahre währen die Bemühungen, dem einsamen kleinen Eszett auch offiziell ein großes beizugesellen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die Gelegenheiten zu, ganze Wörter in Versalien zu schreiben, weil die lateinischen Buchstaben stärker in Gebrauch kamen. In den gebrochenen Schriften benötigen wir kein großes Eszett, denn die Versalien von Textura, Rotunda und Fraktur wirken so ornamental, dass sie wortbildend nur zum Rätsel gefügt werden können.

Erhebt sich in diesen Minuten Protest im Publikum derart: Man könne nicht mir nichts, dir nichts eine neue Type ins Alphabet setzen, unsere 26 Buchstaben seien seit Urzeiten . . .? Die Initiative, die vom Deutschen Institut für Normung (DIN) ausgeht, trägt nur einem oben geschilderten Bedürfnis Rechnung. Und genau darin besteht die Aufgabe eines jeden Alphabets: Der Schreib- und Lesegemeinschaft die benötigten Werkzeuge zur Verfügung zu stellen.

Noch in den Frakturschriften, aus denen im 20. Jahrhundert Bücher gesetzt wurden, findet sich kein Unterschied zwischen I und J. Das U ist sichtbar spät hinzugekommen und war danach immer stiefväterlich behandelt worden, wenn Schnörkel zugeteilt wurden. Das ursprüngliche lateinische Alphabet hatte weder G noch J, es kam ohne U und W aus, die Typen K, Y und Z entlehnte es dem griechischen, eben weil die Benutzer mit den vorhandenen Buchstaben nicht auskamen.

Kleiner Buchstabe ganz groß

Jetzt findet die ß-Not allgemach Linderung. Eine Arbeitsgruppe der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO) hat kürzlich in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt dem Antrag des DIN auf digitale Kodierung des versalen Eszett zugestimmt. Binnen Jahresfrist, solange dauert der Lauf solcher Anträge durch alle Gremien, soll das neue Zeichen in den "Unicode-Standard" und in den identischen internationalen Zeichensatz "ISO-10646" aufgenommen werden.

Das heißt, in dem großen digitalen Setzkasten, der alle Schriftzeichen aller Sprachen enthält und dem unentwegt von allen Kontinenten neue wie uralte Zeichen zufließen, bekommt unser großes Eszett ein eigenes Fach. Nach gut 120 Jahren, in denen mehrfach zur Einführung des versalen Eszett angesetzt wurde, zeitigen die Bemühungen jetzt amtlichen Erfolg.

Zwar haben Schriftenhersteller schon zu Bleisatzzeiten um 1900 das große Eszett angeboten und trug es der "GROßE DUDEN" der DDR bereits in mehreren Ausgaben Mitte des 20. Jahrhunderts in seine Leinwand geprägt; zwar entwerfen es manche gründlichen Schriftgestalter und verkaufen es manche Foundries (wie man die Vertreiber von digitalen Schriften nennt) - doch den Verbraucher hat das große Eszett bislang nicht erreicht: in Gestalt einer Type in Schulbüchern und Schreibheften, auf Tastaturen von Schreibmaschinen und Computern und in Amtsdokumenten. Allmählich wird sich dies nun ändern. Wir dürfen gespannt sein, welche Formen einer neuen Type sich durchsetzen werden.

Die (R)Evolution des großen Eszett

In dem Magazin "SIGNA - Beiträge zur Signographie", einer großartig recherchierten, reich bebilderten und in ihrer Genauigkeit geradezu köstlichen Material- und Argumentationsübersicht (Heft 9, Edition Wæchterpappel, Grimma 2006, 64 Seiten, 9,80 Euro), stellt Andreas Stötzner, der maßgeblich an den Bemühungen um die neue Type beteiligt ist, die bisherigen Versuche vor.

Die ersten versalen Eszett im Jahr 1879 sahen entweder wie Schlüssellöcher (der Kopf vom S und der Fuß vom Z) oder wie aufgeblasene Minuskel-ß aus. Später kamen verstümmelte Dollarzeichen dazu, dann Diakritika, kleine Punkte oder Häkchen unter dem S, es wurde mit Ligaturen, also Buchstabenverbindungen gespielt. Vor allem in den fünfziger Jahren haben die Schriftentwerfer mit großer Lust neue Formen gesucht.

Heute ist die lateinische Antiqua allerdings schon so lange deutsche Verkehrsschrift, dass eine gänzlich neue Form sich nicht durchsetzen könnte. So wie ein großes a dem kleinen unähnlich ist, hätte sonst die Schlüssellochfigur als Eszett ihre Berechtigung.

Heute muss das große Eszett andere Aufgaben erfüllen: Es muss sich vom kleinen unterscheiden, ihm aber verwandt bleiben. Es darf nicht mit dem B verwechselt werden, es muss sich unauffällig in eine Versalzeile einfügen lassen und dazu handschriftlich leicht zu formen sein.

Der Graphologe Andreas Stötzner und der Sprachwissenschaftler Thorwald Poschenrieder halten den 1955 von einem gewissen Mellhuth im Fachmagazin Papier und Druck veröffentlichten Buchstaben für am besten unterscheidbar, ähnlich und schreibbar und nannten ihn nach seiner Herkunft "Dresdner Form". Es sind bereits mehrere Satzschriften mit der neuen Type auf dem Markt.