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"Eine Tür aus Glas ...":Terpentin, Tinte

Schriftsteller Christoph Meckel

Christoph Meckel, 1935 in Berlin geboren, starb am 29. Januar 2020 in Freiburg.

(Foto: dpa)

Im Januar ist der Schriftsteller und Zeichner Christoph Meckel gestorben. Jetzt erschien seine "Gesammelte Prosa".

Wirklichkeit ist nicht einfach die triste Gegenwart, sondern immer schon durchsetzt von Kindheitsbildern, Träumen und den Fantasiewelten der Imagination - davon war Christoph Meckel von jeher überzeugt. In seinen Gedichten gibt es Irrlichtjäger und "Goldstaubmühlen", die Tag und Nacht im Dienst der Poesie die Wörter mahlen. Zugleich hatte er einen großen Sinn für historische Spuren, interessierte sich für die Zeit des Nationalsozialismus und die Geschichte der Bundesrepublik. In einem seiner "Suchbilder" hat er sich anhand der Vergangenheit seines Vaters mit dem Typus des Mitläufers im Dritten Reich beschäftigt, zeigt die Mechanismen der Verdrängung, der Lügen und Selbstverleugnungen, die hier wirksam sind.

"Gesammelte Prosa" verspricht der Band, der nun, nach dem Tod Christoph Meckel im Januar, erschienen ist. Meckel hatte an der Zusammenstellung noch selbst mitgewirkt. Darin sind nicht die Romane und Erzählungen enthalten, wie man vermuten könnte, auch nicht die Suchbilder, sondern all die Texte, die ein Schriftstellerleben nebenher abwirft: Dankesreden für Preise, Lobreden auf befreundete Autorinnen und Autoren, kleine Auftragsarbeiten, etwa zum Papier, zu Postkarten oder zu Orten der Kindheit, Aufsätze über Bilder und Freundschaften. Doch diese Texte sind keineswegs bloße Gelegenheitsarbeiten. Sie enthalten gleichsam den Schriftsteller und Zeichner Christoph Meckel in Essenz. Noch im unscheinbarsten Stück ist die ganze Sprachkraft Meckels zu finden, noch in der kleinsten Zeichnung sein genauer Bleistiftstrich erkennbar.

Glas, heißt es hier einmal, sei eine "offene Materie". So wird die titelgebende Tür aus Glas zu einer Schneise nach draußen, im Sommer steht sie offen, "auch nachts und im Regen", im Winter erscheinen die Phänomene hinter der Scheibe. Menschen sind zu sehen, ein Nachbar zum Beispiel, Lavendelbauern aus der Umgebung, aber auch Tiere: Schlangen und Insekten, im nächtlichen Lichtschein eine Kröte. Doch was als Auflistung von Einzelheiten beginnt, weitet sich, sobald der Schreibende seiner "Gedankenlinie" folgt. Jetzt kommen der Weißdorn und das Grasland ins Bild, der Blick geht hin zu den Straßen und Hängen und bis ins Gebirge, die ganze Landschaft wird aufgefaltet, mitsamt den großen und kleinen Geschichten, dem Nachdenken über Gesellschaft und Zeit und das eigene Schreiben.

Dabei zählt vor allem die Art, wie Meckel die Momente verbindet. Ein ganz eigener Rhythmus durchzieht die Sätze, knapp und anschaulich sind sie und man merkt, wie Meckel sein Schreiben (und sein Zeichnen) aus der genauen Beschäftigung mit dem jeweiligen Stoff entwickelt hat, aus einem Sehen, Betasten und Prüfen des Materials: "Es gibt ein farbenverschlingendes, mattes Papier, das saugt sich voll mit Terpentin und Tinte, und es gibt ein löschpapierartig saufendes Weißzeug, das dunkle Ränder bildet um jeden Fleck."

Auch dort, wo sich Meckel der Geschichte zuwendet, beginnt er nicht im Archiv, sondern trifft sich lieber mit seiner Hauptfigur in einer Bar, trinkt Kaffee und hört ihr zu. In einem großartigen kleinen Text folgt er "Monsieur Bernstein", den er in jenem südfranzösischen Ort kennengelernt hat, in den er sich immer wieder für längere Zeit zum Schreiben zurückgezogen hat. Ein jüdischer Freund, der den Holocaust überlebt hat und der sich nun in dem Dorf für eine neue Humanität einsetzt. In sieben Kapiteln gelingt Meckel hier eine Art Geschichte des europäischen Judentums in Kurzform, die er auch noch mit Zeichnungen versieht, "Bilderbogen für Schulkinder in der Provinz".

"Liebes Kindlein, ach ich bitt / Bet fürs bucklicht Männlein mit."

Der Zeichner ist vom Schriftsteller nicht zu trennen, das wusste Meckel genau. Er sei sogar in einer beneidenswerten Situation, wie er einmal notiert, weil er im Gegensatz zum Autor über ein "unanfechtbares Handwerk" verfüge. In diesem Buch ist der Grafiker eher indirekt anwesend, indem über das Zeichnen geschrieben wird etwa oder über das Verhältnis von Schrift und Bild. Aber es gibt auch einige schöne Beispiele für Meckels Kunst. In einer Serie von Bildern hat er sich dem "Bucklicht Männlein" gewidmet, einer Figur aus der Wunderhorn-Sammlung. Dieses gnomartige Wesen klaut den Kindern ihr Essen oder erschreckt sie beim Schlafengehen, dabei will es nur erlöst werden: "Liebes Kindlein, ach ich bitt, / Bet fürs bucklicht Männlein mit." Meckel verwandelt die Welt des Männleins in schraffierte Schattenflächen, zeigt die dunkel gebrochene Atmosphäre, die es umgibt.

Bei aller Dunkelheit wird im Innersten der Texte und Bilder aber jene "gleichbleibend helle Energie" spürbar, von der er an einer Stelle spricht. Sie zeigt sich auch in seinem Einsatz für das, was er ein "horizontales Denken" nennt, ein Denken, das ein ausgeglichenes Nebeneinander aller Menschen ermöglichen soll. Unterwegssein, ein Wissen um den schwankenden Boden, auf dem man geht, und Freude an der eigenen Arbeit - sie waren Christoph Meckel nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ein solches Denken.

Christoph Meckel: Eine Tür aus Glas, weit offen. Gesammelte Prosa. Herausgegeben von Wolfgang Matz. Carl Hanser Verlag, München 2020. 288 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 30.06.2020

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