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Virtuelle Gemeinschaftsaktion der Hamburger Kinos:Zurück ins Lieblingskino

Roland Klick

Siebzehn Hamburger Programmkinos haben den deutschen Filmrebellen Roland Klick gefeiert - und das gemeinsame Filmegucken.

(Foto: Filmgalerie 451)

"Eine Stadt sieht einen Film": Wie siebzehn geschlossene Hamburger Programmkinos das Gemeinschaftsgefühl beim Filmegucken beschworen haben - mit "Supermarkt" von Roland Klick.

Von Lina Wölfel

Es mag schwerfallen, sich daran zu erinnern, was einen richtig guten Abend im Stammkino ausgemacht hat. War es der leicht miefige Geruch im Kinosaal? Das Gefühl, auf einem etwas zu staubigen und zu durchgesessenen Sessel zu sitzen? Das Knattern der Lüftungsanlagen, das Rattern des Filmprojektors - ja, das gibt es noch -, das Knuspern von Popcorn und das klebrige Gefühl, das man hat, wenn man die Zähne danach von übrig gebliebenen Maisschalen befreit? Oder waren es die pseudo-fachmännischen Gespräche bei Weinschorle und Bio-Limo danach, wenn alle mit halbgarem Filmwissen jede Einstellung analysierten?

Mit dem Gemeinschaftsprojekt "Eine Stadt sieht einen Film" senden siebzehn Hamburger Arthouse- und Programmkinos ein digitales Lebenszeichen und erinnern daran, wie sehr Kinobesuche fehlen. Das Projekt gibt es schon seit 2016. Eine der Initiatorinnen ist Manja Malz. Sie arbeitet im B-Movie auf St. Pauli sowie im Metropolis-Kino Hamburg. "Wir als Programmkinos haben uns früher eher unregelmäßig mit dem Wunsch getroffen, innerhalb der Szene stärker zusammenzuarbeiten und besser vernetzt zu sein. Ich dachte, dass es schön wäre, eine Art "Lange Nacht der Museen" für Kinos ins Leben zu rufen. Matthias Elwardt, Geschäftsführer der Zeise-Kinos hier, hat dann vorgeschlagen, das Projekt 'Eine Stadt liest ein Buch' dafür abzuwandeln", erzählt Malz.

Ziel des Formats ist, dem Publikum die Hamburger Kinolandschaft und die Stadt als Drehkulisse vorzustellen. Der erste gezeigte Film war 2016 Sebastian Schippers "Absolute Giganten" - alle 2500 Kinoplätze waren ausverkauft. "Die Leute, die keine Karte mehr bekommen haben, schauten den Film zeitgleich zu Hause - es war ein Erfolgserlebnis", erinnert sich Malz. Es folgten Hamburg-Filme wie Lars Jessens "Fraktus", Wim Wenders' "Der amerikanische Freund", Hark Bohms "Nordsee ist Mordsee" und Fatih Akins Debüt "Kurz und schmerzlos".

Das Bild Hamburgs in den Siebzigerjahren - prunkvoll und abweisend zugleich

Dieses Jahr fand "Eine Stadt sieht einen Film" am 27. und 28. Februar erstmals online statt. Gezeigt wurde Roland Klicks Milieu-Thriller "Supermarkt". Willi ist gerade volljährig, kleinkriminell, das einzige, was für ihn sicher ist: Es geht bergab. Zwischen der Bruchbude seines Ganovenkumpels Theo, dem Sofa des karrieremotivierten Journalisten Frank und den Betten seiner reichen Freier sucht Willi nach einer besseren Zukunft. Trotz Hilfsangeboten von außen schafft er es nicht, sein Leben zu organisieren.

Letztlich findet er in der Liebe zur Sexarbeiterin Monika ein wenig Hoffnung, die aber nur darauf beruht, dass es ihr noch schlechter geht als ihm. Klicks Genrefilm ist so schonungslos direkt, wie er klassisch ist. Das Bild Hamburgs in den Siebzigerjahren dominiert: prunkvoll für diejenigen, die es sich leisten können, abweisend für alle anderen und geprägt von den Menschenmassen in den Schwellenräumen dazwischen. Man folgt Willi auf St. Pauli, in enge Bahnhofskneipen und durch U-Bahn-Tunnel.

Traditionell wird die Veranstaltung durch Auftritte des Filmteams in den Kinos, Publikumsgespräche und eine Drehorttour an die Originalschauplätze begleitet. Dieses Jahr wurden die Formate vorproduziert. Es gab Interviews mit dem Regisseur Roland Klick und der Hauptdarstellerin Eva Mattes, eine Drehortführung mit Charly Wierzejewski sowie Roland Klicks "Jimmy Orpheus (1966)" und Sandra Prechtels Dokumentation über ihn, "Roland Klick: The Heart Is a Hungry Hunter", die ebenfalls auf der Website Pantaflix und den Seiten der jeweiligen Kinos abrufbar ist.

Zusätzlich ist dem Film ein Vorspann der Betreibenden vorangestellt, die das Publikum zwischen sympathischer Herzlichkeit und Lockdown-Fatalismus aus den Kinos grüßen. Die Clips sind nicht länger als dreißig Sekunden, aber durch sie passiert etwas. Der Stream bekommt Gesichter. Egal ob man alleine zu Hause sitzt, mit Freunden oder dem Partner, man wird wieder Teil einer Gemeinschaft - einer digitalen Gemeinschaft für die Zeit eines Films.

Und genau da liegt der Moment, in dem das Filmerlebnis wieder mehr wird als ein Stream. In dem man sich daran erinnert, was man außer dem Film, dem Popcorn und durchgesessenen Sitzen noch vermisst: die Menschen, die hinter der Theke stehen, Kinokarten abreißen, mit einem zusammen im Saal sitzen, sich gemeinsam erschrecken oder berühren lassen und nach dem Film über das Gesehene unterhalten.

Weil das Format so gut funktioniert, sammeln sich am Ende zwischen Stimmen der Sehnsucht und Danksagungen doch die Schlaumeier und Filmkennerinnen zum digitalen Nachgespräch in den sozialen Netzwerken und im Gästebuch auf der Veranstaltungswebsite. "Filmisch ein wahres Meisterwerk - zeitlos, wie Klick selbst sagt", schreibt eine Nutzerin, ein anderer ergänzt: "Ein echter Kultfilm mit Kult-Vinyl 45er Einsatz". Das Kino ist und bleibt also ein Versammlungsort, auch wenn die Räume, in denen man sich dem kollektiven Erleben hingibt, immer stärker ins Digitale wandern.

© SZ/kni
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