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Eine Entdeckung:Geld oder Leben

Benjamin Quaderer,  2019

Der Erfinder des Epos von der Geldwerdung des Menschen lebt in Berlin: Benjamin Quaderer.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Sechshundert Seiten, die vor fantastischen Einfällen und außergewöhnlichen Stilexperimenten bersten: Benjamin Quaderers Roman "Für immer die Alpen" ist buchförmige Performancelust.

Von Hubert Winkels

Am Ende ist er Zeuge in einem Zeugenschutzprogramm des Bundesnachrichtendienstes. Er hat die Welt für einen Augenblick ins Wanken gebracht. Jetzt jagt sie ihn, um ihn loszuwerden. Für immer. Das einzige Mittel, seine Anwesenheit zu behaupten, ist das Aufschreiben seiner Geschichte, das Buch, das wir lesen: "Für immer die Alpen". Eine Rechtfertigungsschrift. Wir haben es folglich mit einem unzuverlässigen Erzähler zu tun, der sich scheinbar an die Glaubwürdigkeit autobiografischen Schreibens klammert.

Das ist die Ausgangssituation im ersten Roman des noch jungen Liechtensteiner Autors Benjamin Quaderer. Er war von vielen Verlagen heiß begehrt, der Vorschuss für sein Buch ungewöhnlich hoch, die Erwartungen sind es folglich auch. Um es vorweg zu sagen, sie werden erfüllt. Quaderer ist eine Entdeckung.

Der Gejagte also, was hat er verbrochen? Er hat die Finanzdaten internationaler Steuerbetrüger bei der Liechtensteiner Staatsbank gestohlen, was die Wut der weltweiten Wirtschafts- und Verbrecherelite hervorruft. Ein apartes Roman-Setting, nahe am Thriller, einmal postmodern gefaltet. Mit der Lizenz zum Delirium. Denn es gibt kein Gegenüber des Erzählers, der ihn korrigieren könnte. Er ist ganz allein. Also könnte er auch ein ganz anderer sein, könnte alles ganz anders sein. Deshalb lautet der erste Satz des Romans auch: "Mein Name war einmal Johann Kaiser." Und ab geht die wilde Fahrt.

Der Autor weckt Sympathie für seinen Helden, obwohl dieser ein Trickster und Lügner ist

Der kleine Johann ist ein ungewolltes Kind. Der Vater trinkt und knipst in der Gegend herum, einmal in Barcelona am Strand, wo er eine Frau aufnimmt, die ihr orangefarbenes Top von unten her über den Bauchnabel nach oben rollt. Ein wiederkehrendes Bild im Roman. Er sucht sie, spricht aber nicht ihre Sprache. Die beiden leben stumm miteinander im kleinen Fürstentum Liechtenstein und zeugen drei Kinder. Die weiblichen Zwillinge versuchen sogleich, den kleinen Johann mit einem Kissen zu ersticken. Nach einem Streit über das Frauenwahlrecht in Liechtenstein trennen sich die Eltern. Mamá verschwindet, Papa Alfred interessiert sich nicht für Johann, der ins Waisenhaus kommt, wo er von einer bösen Lehrerin malträtiert wird. So pflegen sozial bewegte Entwicklungsromane zu beginnen, die den Helden über etliche Lebensstufen hinweg mit einer tauglichen Identität versehen. Das ist hier entscheidend anders.

Der arme Johann Kaiser beginnt um sein Leben zu lügen, zu betrügen und zu stehlen. Ihm wird übel mitgespielt, aber er ist selbst ein Trickster, ein gemeiner Schelm, ein Böser. In der Berghütte von Heinrich Harrer klaut er einen seltenen Stein, seinem einzigen Freund luchst er das Moped ab, in Barcelona, wo er nach seiner Mamá sucht, schwindelt er sich unter falschem Namen in ein Internat, wo er auf lauter Kinder aus wohlhabenden Familien trifft. Der Waisenjunge Kaiser gibt sich als Erbe einer Bohrmaschinendynastie namens Hilti aus dem Liechtensteinischen aus, schmuggelt sich in die Familie Tobler ein, die ihrerseits den vorgeblich reichen Erben zu betrügen sucht, der jedoch in einer Art länderübergreifenden Betrugsschachspiels die Toblers schwer über den Tisch zieht, völlig ungeniert und mit bestem Gewissen.

So geht es pikaresk und heiter weiter, bis Johann Kaiser gut gelaunt auf einer argentinischen Hazienda landet, wo allerdings statt der Geburtstagsgesellschaft die Hölle auf ihn wartet, ein toblereskes Folterteam. Schläge, Schmerz und Wunden. An dieser tiefsten Stelle, wo der sprachlose Körper auf die Gewalt symbolischer Einschreibung trifft, hat der Roman seine Mitte und seinen Kipppunkt, und von da an hat Johannes Kaiser ein durchgehendes Tatmotiv, das all sein Trachten bestimmt: die Rache an der Familie seiner Peiniger, und zwar juristisch auszutragen im fernen Rechtsstaat Liechtenstein.

Das Schöne an dieser Abenteuersause ist die Sympathie, die der Erzähler für seinen Helden zu wecken weiß, obwohl er keinen seiner hinterhältigen Winkelzüge verschweigt. Bei genauerem Hinsehen entdecken wir, dass Johann Kaiser jeweils den ersten Zug im Betrugsspiel macht, ein hinterhältiger Spieler, ja einer mit abgründiger Intelligenz. So sind, man muss aufpassen, das zu merken, seine Selbsttötungsversuche mit Rasierklingen (Handgelenke) und Glasscherbe (Hals) auf der argentinischen Hazienda bereits eingeplante Beweismittel in einem künftigen Strafprozess. Er tötet sich (potenziell) selbst, um andere künftig juristisch zu vernichten. Er lügt und betrügt noch mit dem Schmerz seines Körpers, der den symbolischen Tricksereien doch eigentlich entzogen ist.

Der Rachefeldzug reißt immer größere Teile der geordneten Welt mit sich. Er lebt von wilden Orts- und Zeitwechseln, überraschenden Volten, fantastischen Einfällen und der Rasanz des Erzählens selbst. Mehr als an satirische Schelmenromane erinnert "Für immer die Alpen" mit seinen konkreten und genau umrissenen Szenen an "Mission: Impossible"-Filme, zumal an "Mission: Impossible 5 - Rogue Nation", wo im Geheimdienstkrieg die Unterscheidung zwischen gutem Helden und bösem Gegenspieler kaum möglich ist. Alle betrügen immer - auch den Zuschauer/ Leser. Und alles läuft auf einen definierten geheimen Ort zu, der das eigentlich ortlose Daten-Geld birgt. Hier ist es Liechtenstein, die verschwiegenen Steueroase, der White-Collar-Schurkenstaat mitten in Europa.

Und der rachsüchtige Staatsangestellte Johann Kaiser ist der Datendieb im Zentrum des Geldes. In der Liechtensteiner Stiftungsbank ist er zuständig für die Digitalisierung der Akten, ihre Invisibilisierung. Doch er entwendet sie, verkauft sie an den BND und bereichert sich. Das bringt ihn der Natur des Geldes selbst näher. Sein Fluch: Johann K. wird zum ewig Flüchtenden und Flüchtigen, ein Ahasver des Kapitals. Als solcher wird er dann zum Erzähler, und die große Rätselfrage lautet, wie die literarisch-biografische Schrift zum genauen Gegenstück referenzlosen Geldes wird.

Ist sie das als Erinnerung, Zeugnis, Geschichte und Adressierung an künftige Leser? Oder folgt sie in ihren Sprüngen, Inkonsistenzen, ihrer leeren Artistik und abgehobenen Scherzen der Unnatur von Kapital und Zahl? Das ist die Gretchenfrage des Romans "Für immer die Alpen". Der Titel selbst gibt einen ersten Hinweis: Das Dauernde, Stabile, Feste, Übermächtige ist die Natur selbst, sinnfällig in der steinernen Größe der Gebirgszüge. Doch die Literatur? Sie ist eher reißender Fluss als Berg, ein schwankend Ding, das großen Anteil hat an der Versatilität der geldgetriebenen Welt. Sie setzt, zumal in diesem Prachtexemplar von ausschweifender Romanerzählung, ihre artistisch losgelösten Potenzen frei, spielerisch, angeberisch, zitierend und größenwahnsinnig, ein Doppelwesen aus weltlicher Suche nach Halt und überirdischem Zirkus der Formen.

Die sechshundert Seiten bersten nicht nur vor fantastischen Einfällen, sie quellen zudem über von außergewöhnlichen Stilexperimenten und buchförmiger Performancelust. So besinnt sich der flüchtende Erzähler zum Beispiel seiner Aufgabe, nüchtern Bericht zu erstatten und das Subjektive zu verbannen. Das tut er dann auch, indem er den gesamten Erzählüberschuss unter den Strich in die Anmerkungen verbannt, in denen in kleiner Schrift fast ein Roman im Roman versteckt ist.

Die europäischen Staaten haben ihren Frieden gemacht mit dem Schurkenstaat

Ein anders Mal wird, was auf der linken Buchseite von einem Kriminalpsychologen in roter Schrift konstatiert wird, auf der gegenüberliegenden Seite vom Helden in Schwarz konterkariert. Und das über rund achtzig Seiten hinweg, auf denen dann auch noch der Psychologe ein Buch aus seinen Aufzeichnungen verfasst, welches der Erzähler Kaiser liest und auf seiner Seite bespöttelt und so weiter.

Oder das Aussetzen der Erinnerung nach den Folterszenen auf der argentinischen Hazienda. Sie manifestiert sich in einer Reihe fast leerer Seiten. Oder der Versuch des Erzählers, seine Geschichte mit Zeugnissen anderer, anonymer Zeugen anzureichern: Hier müssen so viele Identitätshinweise geschwärzt werden, dass die Lesbarkeit schwindet. Manchmal so stark, dass nur noch vier, fünf Wörter auf der Seite überhaupt zu entziffern sind, "es tut mir leid, dass ich nicht mehr sagen kann" zum Beispiel. Und nicht nur hier ist Quaderer witzig. So gibt es Dialoge wie: "'Merrill Lynch', sagte Carl Tobler. / Mehr nicht. / 'Die Schauspielerin'?, fragte ich. / 'Nein', sagte er, 'die Bank', und alles brach aus ihm heraus."

Doch nichts ist hier digressiv, witzig, seriell, grafisch extravagant, was nicht einen direkten Bezug zum eigentlichen Thema des Romans hat, zur Entmaterialisierung der Welt durch das Geld. Die sprachlichen Mittel entfernen sich in ihrer formalen Eigenqualität so weit vom Romangeschehen und -thema, dass das Band zwischen Inhalt und Form ständig zu zerreißen droht. Ist hier ein Angeber am Werk oder ein Naturtalent von einem Virtuosen?

Bei diesem Befund wirkt es geradezu unwahrscheinlich, dass es mit dem immer noch gesuchten Liechtensteiner Bankangestellten Heinrich Kieber ein reales Vorbild gibt für Datendieb Johann Kaiser. Kiebers Verrat hatte die Bestrafung vieler Geldwäscher auf der ganzen Welt nach sich gezogen, der bekannteste Fall in Deutschland ist der des Ex-Postchefs Klaus Zumwinkel. Kieber hat darüber ein Buch geschrieben mit dem schönen Titel "Der Fürst. Der Dieb. Die Daten", das Quaderer dankend nutzt. Auch die so anrührenden, aber vor allem exzentrischen Lebensstationen des Waisenkindes und Betrügers Kaiser haben schon einen Sachbuchautor gefunden. Den schlichten Titel "Der Datendieb" hat Sigvard Wohlwend seiner detailreichen Biografie Kiebers gegeben.

Eine unglaubliche Realgeschichte, hier nun, bei Quaderer, auseinandergenommen, einmal wild in die Luft geworfen und zu einer unglaublichen literarischen Geschichte geworden, die sich auch als Parodie und Kontrafaktur des nie geschriebenen Nationalepos des Staates Liechtenstein lesen lässt, verfasst mit Witz statt Pathos, mit Ausschweifung und Verve statt mit Heldenverehrung, aber mit voller Repräsentanz aller historischen und symbolischen Dimensionen der Geldrepublik.

Deren Historie wird übrigens auch erzählt, und es wundert nicht, dass die eigentliche Gründung des rechtlich eigenen Staatswesens eine Frage des Geldes war: 160 Quadratkilometer für 405 000 Gulden, bezahlt von Fürst Johann Adam II. (!) im Jahr 1699. Und wenn man bei einem solch historisch informierten Epos der Geldwerdung des Menschen das Menschliche selbst vermisst, so halte man sich an die einzig rundum gute und schöne Person in diesem Roman, an die zweite Mutter Johanns, die Liechtensteiner Fürstin Gina. Sie hat sich früh in den hellen Waisenknaben verguckt und wird ihn ihr zu kurzes Leben lang mit Zuneigung beschützen.

Ginas Ehemann, Fürst Johannes Adam II., hingegen, ist der böse und hässliche Mann des Geldes. Geldwäscher aller Länder stehen hinter ihm. Die europäischen Regierungen und globalen Institutionen haben ihren Frieden mit seinem Staat gemacht. Doch wir Leser sagen: Lang lebe Heinrich Kieber, lang lebe Johann Kaiser. Und wir danken Benjamin Quaderer. Auch wenn wir nicht ganz genau wissen, ob seine schelmische Schläue und seine schnellen Maskenspiele der nichtenden Kraft des Geldes näherstehen oder der erinnernden und Ich-bildenden Kraft der Literatur.

Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen. Roman. Luchterhand Verlag, München 2020. 589 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 23.03.2020
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