Eine Einstellung zur Arbeit Wie wir das Leben wegarbeiten

Es ist eine Schwäche des Berliner Projekts, dass man über die Menschen, die da etwas tun, die versuchen, über die Runden zu kommen oder auch sich selbst zu verwirklichen, wenig erfährt. Wie lange noch muss der Kurier, der auf dem Fahrrad durch Berlin saust, noch Briefe und Päckchen ausliefern? Bis zum Semesterbeginn oder bis zur Rente? Würde die Aufsicht im Naturkundemuseum in Łódź lieber etwas anderes tun? Schaut sie auf ihr Mobiltelefon, weil die Zeit nicht vergehen will? Jeder der Filme provoziert Neugier und endet, bevor diese befriedigt ist.

Diese gewollte Schwäche ist aber zugleich die Stärke dieser Ausstellung. Sie verleitet zum Hinschauen. Thesengemurmel und Vorwissen müssen schweigen. Wer sich Zeit nimmt, erlebt Vielfalt und verschiedenste Rhythmen. Und selbstverständlich gehören oft Lärm und Rufe zum Arbeiten oder Musik. Soundduschen sorgen dafür, dass man an jeder Station eine eigene Welt der Geräusche entdeckt; man kann zwar Bilder aus anderen Städten sehen, aber nur den Klang einer Stadt hören.

Was man tut, ist immer mehr als ein Job

Die Teilnehmer der Workshops mussten Anfang und Ende finden, eine Kameraeinstellung - statisch oder bewegt. Manchmal glückte eine anekdotisch anmutende Abrundung, etwa in Mexiko-Stadt. Bani Khoshoudi porträtierte eine Frida-Kahlo-Darstellerin, ("Frida Kallejera"), die sorgfältig kostümiert und geschminkt, vor einer Staffelei auf der Straße sitzt und auf Gaben wartet, die nicht Arbeitskraft verkauft, sondern Straßenkunst anbietet. Ein etwas abgerissen ausschauender Junge eilt vorüber, die transsexuelle Frida ruft ihm zu und gibt ihm ein Geldstück.

Bilder der Arbeitswelt begegnen uns, obwohl es doch an Bildern nicht fehlt, vergleichsweise selten, seltener jedenfalls als Bilder von Wohnungseinrichtungen oder Freizeit-Fun. Auch Filme, die jenseits von Gattungskonventionen und Reporter-Klischees darüber erzählen, wie wir das Leben so wegarbeiten, gibt es nicht allzu viele. Im Haus der Kulturen der Welt kann man gleich Dutzende sehen und es ist - auch dank der feierlich-nüchternen Ausstellungsarchitektur von Kuehn Malvezzi - ein Vergnügen, sich die Zeit zu nehmen für eine Expedition in die exotische Welt des Schaffens, Werkelns, Maschinen oder Menschen Bedienens. Ein Vorhang im Halbrund dunkelt die Ausstellungshalle ab, es wirkt, als gelte es, einen eigenen Kosmos zu vermessen.

Die Steineklopfer von Gustave Courbet oder die Arbeiter in Adolph Menzels "Eisenwalzwerk" glichen Helden, auf den Fotografien August Sanders standen die Arbeitenden als Typen, charakteristisch für eine ganze Welt. Das Heroische wie das Typische wird man in dieser Berliner Ausstellung, der abschließenden des Projektes "Eine Einstellung zur Arbeit", vergeblich suchen. Wer etwas über die Gegenwart erfahren will, sollte sich die Zeit nehmen, in die Gesichter und auf die Hände zu schauen, der sollte sich der Spannung zwischen der Kürze der Filme und der Länge eines Arbeitslebens aussetzen. Es bleiben viele Fragen und die Gewissheit: Nein, egal was wir Arbeit nennen, es ist nie nur ein Job.

Eine Einstellung zur Arbeit. Ein Projekt von Antje Ehmann und Harun Farocki. Haus der Kulturen der Welt, Berlin, bis 6. April. Info: www.hkw.de/arbeit. Die Filme sind zu sehen unter www.eine-einstellung-zur-arbeit.net

Die Recherche zur Zukunft der Arbeit

"Zwischen Ausbeutung und Selbstverwirklichung: Wie arbeiten wir in Zukunft?" Diese Frage hat unsere Leser in der achten Runde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

  • Stechuhr Arbeiten nach dem Lustprinzip

    Führungskraft in Teilzeit, Sparen für das Freizeit-Konto oder Rentnerin auf Abruf: Manche Firmen lassen ihre Beschäftigten arbeiten, wie sie wollen. Fünf Arbeitnehmer berichten.

  • Feelgood Arbeite und fühl' dich wohl

    Gerade jungen Menschen ist Freiheit und Spaß bei der Arbeit wichtiger als das Gehalt. Die Unternehmen reagieren - mit individueller Karriereplanung und "Feelgood-Managern".

  • Seyferth Der Arbeitsverweigerer

    "Arbeit ist scheiße": Mit diesem Slogan wollte Peter Seyferth politische Karriere machen. Heute ist er freiberuflicher Philosoph und verweigert noch immer die Arbeit. Zumindest im Kopf.

  • Zukunft der Arbeit Wie wir in Zukunft arbeiten könnten

    Schneller, flexibler, vernetzter: Die digitale Revolution wird unsere Arbeit komplett verändern. Zum Guten oder zum Schlechten? Fünf Zukunftsvisionen.

  • Geriatric nurse talking to age demented senior woman in a nursing home model released Symbolfoto pro Who cares?

    Leben bedeutet heute Berufsleben. Doch wer kümmert sich ums Baby, wer macht den Einkauf, wer schaut nach der dementen Tante, wenn alle so viel arbeiten? Der Care-Bereich blutet durch die Ökonomisierung der Gesellschaft aus.

  • Bloggerkonferenz re:publica Warum wir nie ausstempeln

    Arbeit macht Spaß - und Arbeit macht kaputt: Die heutige Berufswelt vereinnahmt den ganzen Menschen. Und wir machen das mit. Warum eigentlich?

  • Roboter "Bürojobs sind stärker als andere bedroht"

    Was passiert, wenn kluge Software und mit Sensoren ausgestattete Roboter plötzlich zur Konkurrenz für den Menschen werden? Nichts Gutes, sagt der IT-Experte Martin Ford. Ein Gespräch über eine Zukunft ohne Arbeit.

  • Sie wollen arbeiten

    Tausende Flüchtlinge kommen derzeit jede Woche nach Deutschland. Viele von ihnen sind bestens ausgebildet. Doch Deutschland nutzt diese Chance nicht. Wir stellen sechs Menschen vor, die nichts lieber tun würden, als hier zu arbeiten.

  • Callcenter Die Recherche Wir Ausgebeuteten

    Sie arbeiten bis tief in die Nacht, hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten oder werden gekündigt, wenn sie krank sind: SZ-Leser berichten von Missständen in deutschen Callcentern, Krankenhäusern und Unternehmen.

  • Arbeitsagentur "Wir statten Arbeitgeber mit billigem Menschenmaterial aus"

    Ihm begegnen Alleinerziehende, die trotz eines Ingenieurdiploms keinen Job finden, oder Migranten, die die Verträge, die sie unterschreiben, nicht lesen können: Ein Arbeitsvermittler aus einem Berliner Jobcenter gewährt subjektive Einblicke in das System Hartz IV.