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Eine Designerin wird wieder entdeckt:Rädelsführerin

Die ovalen Formen stammen aus dem Flugzeugbau: Charlotte Perriands „Chaise longue basculante, B306“ (1928-29).

(Foto: Le Corbusier, P. Jeanneret, C. Perriand, F.L.C, /ADAGP)

Mehr als Le Corbusiers Gestalterin: Eine Pariser Ausstellung zeigt das Werk von Charlotte Perriand. Sie schlug die Brücke von der Architektur in die Kunst der Moderne.

Von Joseph Hanimann

Stabile Stühle, auf die man mit den Füßen steigen, Tische, auf die man die Ellbogen stützen kann, und Gegenstände, "die schwer und beruhigend in den Händen liegen", wünschte sich der modernitätskritische Architekturtheoretiker Vittorio Magnago Lampugnani in den Neunzigerjahren. Wenn es eine Persönlichkeit gab, die diesem Bedürfnis nach Dauerhaftigkeit und Solidität nachkam, ohne die Errungenschaften der Moderne zu opfern, war das zweifellos die französische Designerin Charlotte Perriand. Allzu oft wird dieses Genie der Objekt- und Innenraumgestaltung einfach als Mitarbeiterin Le Corbusiers abgetan. Das subtile Formgefühl und das eigenständige Denken dieser 1999 verstorbenen Grande Dame des zeitgenössischen Raumdesigns ist trotz diverser Retrospektiven nicht über einen engeren Fachkreis hinaus publik geworden. Eine große Ausstellung im Frank-Gehry-Bau der Pariser Fondation Louis Vuitton feiert sie nun nicht nur als einflussreiches Talent, sondern als wahre Rädelsführerin der Moderne in den Grenzbereichen zwischen Architektur, Design, Städtebau und der bildenden Kunst von Fernand Léger, Picasso, Calder, Braque, Miró. Durch ihren Umfang und ihre Qualität könnte diese Schau eine Wende in der Rezeption Charlotte Perriands einleiten.

Als Le Corbusier 1927 nach dem Gipfeltreffen der Architekturmoderne in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung nach Paris zurückkehrte, hatte er einen Vorsatz gefasst. Manche hatten sich dort mokiert, dass dieses Großmaul des neuen Bauens sich mit so konventionellen Holzmöbeln begnüge, wo die Kollegen vom Bauhaus doch schon ganz anderes fertigbrächten. "Kommen Sie zu uns ins Büro und übernehmen Sie da das Möbeldesign", sagte er zu der damals gerade mal 26-jährigen Charlotte Perriand, deren erste Mobiliarkreationen ihm gefallen hatten. Er gab der jungen Mitarbeiterin dann neun unterschiedliche Kategorien von Sitzmöbeln vor, teilweise nach den Kategorien "Männer" und "Frauen" gesondert. Dass Frauen aber nicht ebenso gut wie Männer die Beine hochlagern können sollten, wollte der Designerin nicht in den Kopf. Herauskam dann die berühmte "Chaise longue B 306", in der Perriand sich 1928 selbstbewusst fotografieren ließ und die heute in allen einschlägigen Museen steht.

Ihre Naturverbundenheit zeigt sich im "Haus am Wasser", das ganz auf Stelzen gebaut ist

Als Geschäftspartnerin Le Corbusiers und Pierre Jeannerets arbeitete die junge Frau dann zehn Jahre im schmalen Büro der Rue de Sèvres. Frappierend ist bei ihr die Mischung aus Empfänglichkeit für den Zeitgeist - Standardisierung, Transparenz, Leichtigkeit, offene Räume - und dezidiertem Eigensinn. Ihr Testmodell eines Wohninterieurs für den Pariser Herbstsalon 1929 kommt ausschließlich mit Metall- und Glasmobiliar aus, trennt Schlafzimmer und Bad nur durch ein Mäuerchen ab und stellt die Duschkabine mitten in den Raum. Auch die "Behausung für einen jungen Mann" aus dem Jahr 1935, ein von einem Netz unterteilter hoher Raum, links mit Arbeitstisch, Lesesessel und Aktenschrank, rechts mit Turnseil und Kletterstange vor einem Originalfresko von Fernand Léger, ist ganz auf den Lebensstil des "neuen Menschen" ausgerichtet. Ein Foto aus jenen Jahren zeigt die aus Savoyen stammende Charlotte Perriand, selbst eine leidenschaftliche Skifahrerin, mit nacktem Oberkörper, erhobenen Armen und der berühmten Kette aus verchromten Kugellagerkugeln um den Hals vor einer winterlichen Gebirgslandschaft.

Das charakteristisch ovale Stahlrohrprofil ihrer Stuhl- und Tischbeine hatte sie von den stromlinienförmigen Konstrukten aus dem Flugzeugbau übernommen. Geschwindigkeit, Eleganz und Kohärenz zwischen allen Lebensbereichen sollten fortan den Alltag der Menschen bestimmen. Auch politisch hielt Perriand nicht zurück. Ab 1931 fuhr sie wiederholt nach Moskau, liebäugelte eine Zeit lang mit dem Kommunismus und entwarf im Jahr der französischen Volksfrontregierung 1936 ein scharf gesellschaftskritisches Monumentalpanorama über die Wohnmisere in Paris. "Die Maschinen schaffen enorme Reichtümer, doch wohin gehen diese Reichtümer?", war da etwa zu lesen. Industrialisierung, Serienproduktion und neue Produktionsverhältnisse sollten ihrer Ansicht nach die Gesellschaft von Grund auf verbessern.

Im Unterschied zu den meisten Zeitgenossen inklusive Le Corbusier kam die Rückbesinnung auf Natur und organische Formen bei dieser Frau aber nicht hinterher als Korrektiv gegen Rationalisierung und Funktionalismus. Beide durchdrangen einander praktisch von Anfang an. Auf diesen Punkt legt die Pariser Ausstellung besonderen Wert. Und überzeugt damit weitgehend. Während Perriand ihre stilisierten Stahlrohrsessel entwarf, fotografierte sie gleichzeitig knorrige Baumstämme, sammelte Tierknochenwirbel, Steine und Treibholz, schuf Tische und Stühle mit unregelmäßigen Formen aus massiven Baumscheiben. Diese dicken Holztischplatten habe man beim Dasitzen unwillkürlich immerfort Lust zu streicheln, sagt Jacques Barsac, einer der Ausstellungskuratoren und Schwiegersohn Charlotte Perriands. Er spricht aus Erfahrung, denn jahrelang habe er mit so einem Tisch gelebt. Die hochsensible Naturverbundenheit der Künstlerin zeigt sich auch in dem 1934 entworfenen, aber zu Lebzeiten nie realisierten "Haus am Wasser", ganz aus Holz gemacht und auf Stelzen gebaut, mit einem offenen Patio zwischen den beiden Wohnflügeln. Im Jahr 2012 wurde dieses Haus nach den Plänen realisiert und steht nun - ein Wunderding - für die Zeit der Ausstellung im Wasserbassin vor der großen Kaskade des Gehry-Baus.

Erst als Perriand 1940 auf Einladung der japanischen Regierung als Beraterin für Industriedesign nach Tokio übersiedelte, kam auch ihr organisatorisches Talent zur Entfaltung. Aus praktisch nichts richtete sie im Land ohne Sitzmöbelkultur auf die Schnelle eine wegweisende Ausstellung ein, indem sie, angeregt durch den Anblick einer Zuckerzange aus Bambus, Bambusstauden zu Stühlen bog, Wandteppiche stricken ließ und von ihrem Freund Fernand Léger aus Paris ein verkleinertes Schwarz-Weiß-Foto des "Papageien"-Gemäldes schicken ließ. Auch für die Ausstellung "Synthèse des Arts" wusste sie 1955 in Tokio Möbelmodule und stapelbare Stühle wie die "Chaise Ombre" mit dem Werk ihrer Künstlerfreunde in Verbindung zu bringen. Wohnen war für sie eine Kunst und Kunst musste im Alltag allgegenwärtig sein. Schade nur, dass die Ausstellung jenen Begriff nicht in ihren Kontext stellt. Das Konzept einer "Synthese der Künste" war von Le Corbusier schon 1950 für eine Pariser Ausstellung thematisiert worden. Perriands Ideen wurden gewiss rücksichtslos von anderen ausgeschlachtet, doch wusste auch sie selbst sich bei Kollegen zu bedienen.

Die Originalmodelle sind weitgehend verloren. Sie landeten nicht selten im Sperrmüll

Charlotte Perriand arbeitete unermüdlich bis in ihre letzten Lebenstage. Zusammen mit Jean Prouvé war sie Teilhaberin an der Pariser Galerie Steph Simon. Ihre stützenlos an die Wand montierten Wolken-Regale ("Nuage") stehen exemplarisch in allen Designhandbüchern. Die Originalmodelle des Mobiliars sind aber weitgehend verloren. Im schnellen Wechsel der Moden landeten sie nicht selten im Sperrmüll. Die einzige Kreation, mit der sie dauerhaften kommerziellen Erfolg hatte, waren die übereinander stapelbaren Schrankteile aus Plastik und Metall. Charlotte Perriand war ein schlechter Impresario ihres Werks. Der Möbelfabrikant Cassina liefert aber bis heute einige ihrer Modelle weiterhin nach.

Seltsam gigantisch wirkt indessen das, was die Designerin - ohne Architektendiplom - ab den Sechzigerjahren für den Wintersportort Les Arcs in Savoyen entwarf. Wohnblöcke mit insgesamt 30 000 Betten wurden dort in mehreren Phasen ins Gebirge geklotzt. Gegenüber den ursprünglich von anderen Architekten dort vorgesehenen Hochhäusern stellten die langen Riegel Perriands im Hanggefälle zwar eine Verbesserung dar. Auch mit Feingefühl und genialen Einfällen kann man aber diese Gigantik nicht zähmen.

Wie zur Versöhnung schließt die Ausstellung mit dem japanischen Tee-Pavillon, einem diskreten Zauberwerk, das die Gestalterin 1993 für den Pariser Unesco-Sitz entwarf. Obwohl nur als Provisorium für ein vorübergehendes Kulturprogramm konzipiert, tüftelte sie monatelang an der idealen Form. Auch dieses Objekt wurde für die Ausstellung nachgebaut. Es berührt uns mit seiner hingetupften Raumweite mehr als alle architektonischen Meisterstreiche und patentierte Stilreinheit. Im breiten Spektrum dieser Schau wird zum wohl ersten Mal deutlich, was Charlotte Perriand im Grunde war: eine Künstlerin, die mit ihrem ewig wachen Geist quer durchs vergangene Jahrhundert gleich souverän an den Fuchteleien der Innovation wie an den darauffolgenden Retrowellen vorbeisteuerte.

Le Monde nouveau de Charlotte Perriand. 1903 - 1999 . Fondation Louis Vuitton. Paris. Bis 24. Februar. Katalog 49 Euro. Info www.fondationlouisvuitton.fr .

© SZ vom 31.10.2019

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