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Eine Ausgrabung:Ein Vagabund findet ins bürgerliche Leben

Walt Whitman

Walt Whitman, bevor er Dichter seiner Nation wurde.

(Foto: Getty Images/Hulton Archive)

Vor Kurzem wurde ein unbekannter New-York-Roman des jungen Walt Whitman entdeckt - "Life and Adventures of Jack Engle". Der Autor, der zum Dichter seiner Nation wurde, hätte sich des Werks nicht schämen müssen.

Von Lothar Müller

Es war ein ironischer Schachzug, als die Drehbuchautoren der TV-Serie "Breaking Bad" ihrem Helden, dem Chemielehrer Walter White, einen Namen gaben, der ihn eng mit dem Dichter Walt Whitman verknüpfte, und ihn außerdem zu einem Leser von Whitmans großer Gedichtsammlung "Leaves of Grass" machten.

So konnten sie, während der Held immer tiefer in die Welt des Verbrechens eintauchte und immer monströsere Züge annahm, die Initialen "W. W." in die Maskenspiele des Drogenkochers einbauen und einem Exemplar der "Leaves of Grass" eine Schlüsselrolle bei seiner Enttarnung zuweisen. Während er dem Tiefpunkt seiner Skrupellosigkeit zustrebte, las Walter White in einem Buch, das wie kein anderes die Größe der amerikanischen Kultur preist und das Loblied der amerikanischen Demokratie singt.

Nahezu vollständig war Walt Whitman mit den "Leaves of Grass" verschmolzen, dem einen großen Buch, dessen erste Ausgabe 1855 erschien, das dann über Jahrzehnte hinweg in immer neuen Auflagen weiter anwuchs, die Erfahrung des Bürgerkriegs und der fortschreitenden Industrialisierung in sich aufnahm, und als Whitman 1892 in Camden, New Jersey starb, trat das poetische Ich seiner Gedichte ins Zentrum seines Nachruhms.

Seit einiger Zeit aber tritt der frühe, prosaische Whitman wieder aus dem Schatten des Dichters der Nation heraus. Zahlreiche seiner journalistischen Schriften wurden veröffentlicht, und nun kann die Walt Whitman Quarterly Review, das Zentralorgan der Whitman-Philologie mit einer regelrechten Sensation aufwarten. Ihre aktuelle Doppelnummer (Volume 34, Numbers 3/4, 2017, http://ir.uiowa.edu/wwqr/) hat sie der Erstpublikation und Kommentierung eines bisher vollkommen unbekannten Romans von Walt Whitman gewidmet, der vom 14. März bis 18. April 1852 in sechs Lieferungen in der Zeitung Sunday Dispatch erschien: "Life and Adventures of Jack Engle: An Auto-Biography; in Which the Reader Will Find Some Familiar Characters".

Dass Whitman zehn Jahre zuvor den Roman "Franklin Evans" publiziert hatte, war bekannt, aber von diesem sentimentalen Frühwerk wollte der Autor im Alter nicht mehr viel wissen, und auch seinen Interpreten war es eher peinlich. Nun hat der Literaturwissenschaftler Zachary Turpin von der University of Houston in Texas, der schon mehrfach unbekannte Whitman-Texte ausgegraben hat, den "Jack Engle"-Roman entdeckt und mit einem informativen Kommentar versehen.

Turpin war in den Notizbüchern auf Namen und Skizzen zur Figurenentwicklung gestoßen, die sich zweifelsfrei auf den Roman beziehen. Dass er bis heute verschollen blieb, verdankt sich zum einen dem Umstand, dass er ohne Verfassernamen veröffentlicht wurde, zum anderen der Neigung Whitmans, zugunsten seiner Aura als Dichter, aus dem die Seele Amerikas spricht, seine prosaischen Anfänge eher zu bagatellisieren. Er hat den "Jack Engle" in seinen Briefen oder Gesprächen mit Freunden und Kollegen nie erwähnt.

Aber er hätte sich des schmalen Romans, der nun im Druck etwa 100 Seiten umfasst, nicht schämen müssen. Im Gegenteil, er hätte den Journalisten in sich selbst etwas höher wertschätzen können. Und dass er das Genre des melodramatischen Fortsetzungsromans und sein Figurenensemble mit dem großen Charles Dickens teilte, war auch nicht ehrenrührig. Ja, Jack Engles, ist ein Waisenkind, das wie bei Dickens seinen Weg in der Großstadt macht, ein Vagabund, der am Ende ins bürgerliche Leben findet, und auch dem Mädchen, das er heiraten wird, sind früh die Eltern gestorben. Ja, der Schurke, der sich an der Erbschaft des Mädchens bereichern will, ist ein Anwalt von der Art, wie sie zuhauf bei Dickens ihr Unwesen treiben, etwa in dem großen Roman "Bleak House", der wie "Jack Engle" 1852 im Zeitungsdruck erschien.

Und natürlich bedient sich "Life and Adventures of Jack Engle" der gleichen verkaufsträchtigen Titelkonvention wie Dickens' "The Life and Adventures of Nicholas Nickleby". Aber eben diese passgenaue Einspeisung des Romans in aktuelle Formate verdient Respekt. Whitman war knapp 33 Jahre alt, als er "Jack Engle" schrieb, und Zachary Turpin, der den Roman aus den Zeitungsarchiven gezogen hat, erinnert zu Recht daran, dass Whitman damals mit seinem Vater als Zimmermann an Bauprojekten beteiligt war, die sie auf vorzufinanzierenden Grundstücken errichteten. Jedes Zusatzeinkommen muss da willkommen gewesen sein.

Die wichtigste Voraussetzung für die Sicherheit aber, mit der Walt Whitman das Zeitgenre bediente, war seine Vertrautheit mit den Bedürfnissen der zeitgenössischen Printwelt. Er hatte an den Diskussionen über die kritischen Bemerkungen zu Amerika, die Charles Dickens nach seiner USA-Reise 1842 publizierte, teilgenommen, er kannte als Schriftsetzer und Drucker die Welt des Journalismus von innen.

Kurz, er gehörte einem Autortypus an, der sich damals in Zeitungsartikeln und Essays selbstbewusst zu Wort meldete und einen Ahnherrn für sich reklamieren konnte, der Gesandter der amerikanischen Demokratie und zugleich Drucker und Papierhändler gewesen war: Benjamin Franklin.

Franklin verkörperte den Selfmademan in der Literatur, am nun entdeckten "Jack Engle" lässt sich erkennen, dass Whitman seine schreiberische Begabung um 1852 noch in den Horizont dieses Autortypus stellte, als er zugleich schon daran ging, zum Dichter der "Leaves of Grass" zu werden. Versiert stellt er seinen Ich-Erzähler und die Fiktion, der Roman sei eine Autobiografie, in den Dienst des augenzwinkernden Versprechens, hier werde trotz aller Züge von "romance" und "fiction" eine "true story" erzählt.

Vor allem aber nutzt er eine seiner großen Leidenschaften, um das Standardmodell des "from rags to riches"-Roman samt Staffagefiguren wie spanischer Tänzerin, junger Jüdin und irischen Einwanderern für das Zeitungspublikum in eine wiedererkennbare Welt einzubetten. Whitman war New Yorker durch und durch, 1819 auf Long Island geboren, in Brooklyn herangewachsen, und sein schmaler Roman über Jack Engle war nicht zuletzt eine Hommage an New York.

Die Abenteuer, die sein Titel versprach, entstammen einer Großstadt, in der die Jagd nach Geld und das Umtauschen von Sachwerten und Bargeld in Wertpapiere zu den Intrigen des Anwalts gehört, die Kandidaten der politischen Parteien zwielichtig sind und der alte Friedhof der Trinity Church von der Metropole verschluckt zu werden droht. In dem Romankapitel, das Whitman hier angesiedelt hat, steckt ein Feuilleton über Grabsteine, das sich zu einem Loblied auf die noch junge amerikanische Demokratie auswächst. Seltsam, dass die erste literarische Entdeckung der Trump-Ära ausgerechnet einen New-York-Roman von Walt Whitman ans Licht zieht. Eine Übersetzung wäre dem deutschen Publikum zu wünschen.

© SZ vom 27.02.2017
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