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Ein Vergessener:Der auf seine Auferstehung pfiff

Er sah sich als "Unsterblichkeits­­clown", Franz Liszt schätzte seine Werke, mit Hofmannsthal und Schnitzler war er befreundet: Christian Filips entdeckt den Wiener Komponisten Adalbert von Goldschmidt neu.

Von Jens Malte Fischer

"Man kann die Berühmten nicht verstehen, wenn man die Obskuren nicht durchgefühlt hat". Franz Grillparzers Satz aus seinem "Armen Spielmann" scheint sich Christian Filips als Leitschnur gewählt zu haben bei seinem Vorhaben, den Komponisten Adalbert von Goldschmidt, eine der interessantesten Gestalten des Wien um 1900, einer Öffentlichkeit ins Gedächtnis zu rufen, die ihn nahezu völlig vergessen hat. Natürlich war diese Epoche in eben dieser Stadt nicht gerade arm an solchen interessanten Gestalten, und nicht alle haben eine umfassende Wiederbelebung verdient, aber hier scheint dies der Fall zu sein. Goldschmidt, Jahrgang 1848, war der Sohn des Wiener Statthalters der Rothschild-Bank und als solcher nicht unbedingt zu einer Künstlerlaufbahn prädestiniert.

Schon früh jedoch stand für ihn fest, einen literarischen und vor allem musikalischen Weg einzuschlagen. Als junger Mann gehörte er zum Kreis um Anton Bruckner, war nahezu zwangsläufig auch Wagnerianer, vor allem aber sehr früh auch Anhänger von Franz Liszt, dem er entscheidende Anregungen und entscheidende Förderung verdankte. Goldschmidt, ein stattlicher Mann mit einem imposanten Kopf, der einem Malerfürsten wie auch einem Börsenherrscher gut gestanden hätte, gab sich nie mit Petitessen ab. Sein erstes Werk, noch in seinen zwanziger Jahren komponiert, war sogleich ein abendfüllendes Oratorium "Die sieben Todsünden", angeregt durch ein Gemälde Hans Makarts. Bei seiner Berliner Uraufführung 1876 hatte das Oratorium erhebliche Resonanz; Liszt hielt es für ein "bedeutsames Kunstwerk". Eine große Laufbahn schien vorgezeichnet; hinzu kam, dass Goldschmidt damals noch die finanziellen Mittel hatte, ohne Rücksicht auf Verluste gewissermaßen das Schicksal seiner Werke positiv zu beeinflussen.

Als er 1906 starb, war von seinem Reichtum nicht mehr viel übrig

Allerdings war, als er 1906 starb, von diesem Reichtum nicht mehr viel übrig. Neben den Summen, die er für die Förderung seiner eigenen Werke benutzt hatte, war er umfassend wohltätig gewesen, hatte aber auch bei Börsengeschäften nicht die glückliche Hand seiner Familie, und von den Freunden, da erging es ihm wie Hofmannsthals "Jedermann", die er immer großzügig unterstützt hatte, gab es am Schluss seines Lebens nicht mehr viele, die sich an seine Zuwendungen erinnerten. Goldschmidt war ein auch literarisch begabter Mann, der in den entsprechenden Kreisen genauso heimisch war wie in denen der Musiker. Hermann Bahr, der wichtigste Wiener Literaturmoderator, schätzte ihn sehr, es gab freundschaftliche Beziehungen zu Hofmannsthal, Schnitzler und Peter Altenberg. Noch wichtiger jedoch, geradezu ein Ritterschlag für Goldschmidt, ist die Tatsache, dass Karl Kraus ihn mochte, da war er nicht in einer allzu großen Gesellschaft. Als Goldschmidt gestorben war, schrieb Kraus in der Fackel: "Es muss auch erlaubt sein, zu sagen, dass die Art, wie Adalbert von Goldschmidt, der Komponist, saß und ging, erzählte und schaute, hundertmal feineren Kunstgehalt hatte, als die Art, wie andere komponieren, und das mit ihm einer jener seltenen Menschen gestorben ist, deren Wert zu erkennen nicht eine Fähigkeit ist, die die Kenntnis ihres Faches voraussetzt, sondern eine Angelegenheit des Kulturgefühls."

Die frühen erheblichen Erfolge setzten sich so nicht fort. Goldschmidts Musikdrama "Helianthus" hatte nicht viel Glück, obwohl wiederum Liszt es für das bedeutendste Musikwerk hielt, das seit Wagner geschrieben wurde. Aber gerade dieses große Lob hatte unbeabsichtigt auch eine vergiftete Seite, denn ein jüdischer Wagnernachfolger erregte bei nahezu allen anderen Wagnerianern erhebliche Bedenken, um es vorsichtig auszudrücken, und Antisemitismus war eines der Hauptübel, mit dem sich auch Adalbert Goldschmidt immer wieder auseinandersetzen musste.

Es ist der erste Versuch nach über 100 Jahren an diese Künstlerpersönlichkeit zu erinnern

Auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit, in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts, verließ Goldschmidt das Glück des tüchtigen Komponisten: seine komische Oper "Die fromme Helene" nach Wilhelm Busch, als Kontrafaktur zu Wagners "Meistersinger" gedacht, fiel durch; sein ehrgeizigstes Vorhaben, eine musikdramatische Trilogie mit dem Titel "Gaea", ist bis heute nicht aufgeführt worden. Goldschmidt versuchte, seine erheblichen Enttäuschungen nach außen hin zu verbergen. In einem freundschaftlichen Brief an den jungen Arnold Schönberg jedoch spürt man die Resignation: "Mir geht es schlecht, ich bin ein Vergessener, ein schon Verstorbener, an meine Auferstehung glaube ich wahrlich nicht mehr, im übrigen pfeife ich drauf." In einem satirischen Text porträtiert Goldschmidt sich selbst als "Unsterblichkeitsclown", was dem Buch von Christian Filips zu seinem Titel verhalf.

Goldschmidts deprimierte Einschätzung ist leider bis heute bestätigt worden. Das schöne und engagierte Buch von Christian Filips ist, über 100 Jahre nach seinem Tod, der erste Versuch, an diese faszinierende Künstlerpersönlichkeit zu erinnern. Auf der Website www.unsterblichkeitsclown.de kann man einige Lieder von Goldschmidt hören, von dem es bisher keine Tonaufnahmen gab, und man kommt ins Grübeln, ob der Begriff des genialen Dilettantismus, den schon Zeitgenossen für ihn benutzten und den auch Filips zur Diskussion stellt, nicht in die Irre führt, denn diese Lieder, mit denen relativ unaufwendig im Konzert oder auf CD auf den Komponisten hinzuweisen wäre, haben so gar nichts von Dilettantismus an sich. Geplant ist sogar eine Aufführung des Oratoriums "Die sieben Todsünden" in Berlin, was dann erst eine Bewertung auf breiterer Grundlage möglich machen würde. Alles deutet darauf hin, dass es sich hier um mehr handelt als um eine bloße Kuriosität, die man dann wieder im Archiv des Vergessens ablegen kann.

Christian Filips: Der Unsterblichkeitsclown. Adalbert Ritter von Goldschmidt (1848-1906). Ein Dichterkomponist im Wiener Fin de Siècle. Engeler Verlag, Schupfart 2020. 330 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 13.11.2020

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