Vergessen wir den deutschen Titel, „Ein kleines Stück vom Kuchen“, der so grauenhaft bescheiden klingt, und stellen uns vor, der Film hieße auch hierzulande wie im Original, also auf Farsi, vollmundig: „Mein Lieblingskuchen“. Dann haben wir eine bessere Vorstellung von der Haltung, die er transportiert. Denn dieser Film ist nicht brav und betulich, sondern radikal lebensbejahend und kühn. Er handelt von einer alleinstehenden Seniorin, die ihrer Einsamkeit eine aufregende Nacht voller Sinnesfreuden abtrotzt. Und zwar in Teheran, der Hauptstadt der islamischen Republik. Wo der Film auch gedreht wurde, teils undercover. Man sieht diese Frau ohne Hijab. Sie wird mit einem Mann tanzen, den sie kaum kennt. Die beiden werden Wein trinken. Sich begehren. All das ist im iranischen Film sonst tabu, weil es gegen die ultrareligiöse herrschende Moral verstößt. Dieser Film ist das Gegenteil von einem kleinen Stück Kuchen: Er ist ein ungeheuerlicher Akt des Widerstands.
„Ein kleines Stück vom Kuchen“ im Kino„Sie wollen, dass wir lügen“
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Der Film „Ein kleines Stück vom Kuchen“ zeigt fast alles, was im iranischen Kino verboten ist. Die Macher mussten ihn heimlich drehen, jetzt soll ihnen der Prozess gemacht werden. Für ein Videotelefonat nehmen sie sich trotzdem Zeit.
Von Johanna Adorján
