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Ein Großer:Jongleur des Buchhalter-&

Kraft der ausschweifenden Sätze: Der Feuilletonist, Literatur- und Filmkritiker Wolfram Schütte wird achtzig.

Er gehört zu den wenigen ganz Großen aus den Zeiten des Großfeuilletons: neben Joachim Kaiser von der Süddeutschen und seinem Lieblingsfeind, dem großen Fernsehkritiker von der Frankfurter Allgemeinen. Das Wochenendfeuilleton der Frankfurter Rundschau unter der Leitung von Wolfram Schütte war in den Siebziger- und Achtzigerjahren Pflichtlektüre und galt für viele als maßgeblich.

Schütte machte keinen Hehl daraus, dass er ein standhaft orthodoxer Schüler Theodor W. Adornos war. In souveräner Selbstverständlichkeit füllte er die Literaturseite der Frankfurter Rundschau in regelmäßigen Abständen mit exemplarischen Kritiken nahezu vollständig: in ausschweifend mäandrierenden Sätzen, die bis zu Jean Paul zurückzureichen schienen und durch die kokette Setzung des Arno Schmidt'schen Buchhalter-& ein immer wiederkehrendes Markenzeichen hatten.

Von Anfang an gehörte Schütte dem Dechiffriersyndikat dieses literarischen Einzelgängers an und nahm 1970 gleich am ersten Treffen von Arno-Schmidt-Adepten in Bargfeld teil. Doch sein Horizont war viel weiter: Ästhetische Radikalität in jeder Beziehung, experimentelle Formen, lustvoll ausgekostete lange Sätze mit sich überbietenden Nebensatzkonstruktionen waren Schüttes Metier.

Mit Gabriel Garcia Márquez oder Julio Cortázar zeigte er den allzu oft im eigenen Saft schmorenden deutschen Gegenwartsautoren, was Schärfe und Würze sein kann. Aber er hat sich nie auf ein einzelnes Fach beschränkt. Wie sein Landsmann Siegfried Kracauer war er nicht nur Literatur-, sondern auch Filmkritiker, und er hat seit den Sechzigerjahren den neuen deutschen Film auf Augenhöhe begleitet.

Rainer Werner Fassbinder stand ihm genauso nah wie die Nouvelle Vague oder der italienische Neorealismus. Den Merck-Preis für Kritik und Essay hat ihm die Darmstädter Akademie 2013 ausdrücklich auch als Filmkritiker verliehen, er war der Erste aus diesem Bereich.

Er war einer der ersten Blogger, bis heute schreibt er lange Artikel in seinem unverwechselbaren Stil

Schütte gehört der wohl glücklichsten Generation an, die es jemals in Deutschland gab. Mit 27 Jahren wurde er 1967 Feuilletonredakteur der FR und blieb es bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 1999. Zwar gab es auf Seiten der Politikredaktion der gewerkschaftsorientierten und eher bodenständigen Frankfurter Rundschau immer auch Stirnrunzeln, aber die Ressortautonomie galt unbedingt: Schütte war sein eigener Herr, darauf legte er unmissverständlich Wert, und die Seiten des Wochenendfeuilletons zeigten einzig und allein seine unverwechselbare Handschrift und die seiner Bundesgenossen.

"Redigieren ist Faschismus", lautete zeitweise eine selbstironische Parole im Feuilleton der Frankfurter Rundschau, und die überregionale Bedeutung dieser Tageszeitung resultierte nicht zuletzt aus dem starken Zuspruch eines linken, kritischen Kulturmilieus.

Dass es nach ihm nur schlechter werden konnte, war Schütte im Laufe der Neunzigerjahre klar. Bereits mit sechzig Jahren handelte er eine Vorruhestandsregelung aus, und das geschah zu dem Zeitpunkt, als seine Zeitung sich modernisieren und ihr Flaggschiff, das Wochenendfeuilleton, abschaffen wollte.

Dass das aufwendige Popmagazin, das an dessen Stelle treten sollte, von Anfang an nicht konkurrenzfähig war, ahnte nur eine Minderheit. Mit dem Gestus, dass nach ihm eh nur die Sintflut kommen konnte, verließ Schütte das sinkende Schiff - und es ist vermutlich kein Zufall, dass der Niedergang der Frankfurter Rundschau und der Verlust ihres überregionalen Ansehens genau dann einsetzte.

Mit beeindruckender Konsequenz hat sich Wolfram Schütte danach von seiner Zeitung zurückgezogen. Er schreibt bis heute lange Artikel im Internet, die seinen unverwechselbaren Stil auch in anderen Strukturen der Öffentlichkeit beibehalten. Schütte war einer der ersten Blogger überhaupt und ist es geblieben. Er wohnt zwar nicht mehr über dem "Qualitätseck", einer charakteristischen Apfelweinkneipe in Frankfurt-Sachsenhausen, aber immer noch auf demselben Niveau in unmittelbarer Nachbarschaft. Heute wird er achtzig Jahre alt, herzlichen Glückwunsch dorthin!