bedeckt München

Ein gewaltiges Programm:Der Kosmos als Sackgasse

Alexander von Humboldt ist auch deshalb aktuell, weil er den "Roman des Weltalls" schreiben wollte - und dabei scheitern musste. Der Riss in seinem Werk macht es interessant.

Von Hartmut Böhme

Anlässlich des Erscheinens des zweiten Bandes des "Kosmos" legt der preußische König 1847 eine Medaille Humboldt zu Ehren auf. Auf der Vorderseite ein Profil Humboldts; auf der Rückseite erblickt man unter der Inschrift Kosmos (in griechischen Buchstaben) die vielbrüstige Diana von Ephesos im Strahlennimbus. Den Schleier der Naturgöttin lüftet ein Genius, versehen mit einem Himmelsfernrohr und dem Senkblei zur Meerestiefen-Messung. Umkreist wird die Szene von einem Kranz Pflanzen und dem Zodiakus. Entscheidend ist, dass es Humboldt selbst ist, der hier kraft messender Intelligenz die Geheimnisse der Natur entschleiert.

Die Medaille zeigt einen Umschwung an. Von der Kunst, welche die Einheit der Natur darzustellen vermag und in Goethes "Heros-Natur" (so Humboldt) ihr Organ gefunden hatte, zur empirischen Naturwissenschaft, die den Kosmos vermisst und in Humboldt ihren Repräsentanten hat. Das aber ist eine schöne Illusion, die bis heute die Idealisierung Humboldts prägt.

1847 entsprach es dem Ansehen Humboldts, ihn mittels einer königlichen Medaille zum "Patriarchen" der Naturwissenschaften zu erheben. Doch war der "Kosmos" bereits ein Fossil der untergegangenen Goethe-Zeit. Er ist getragen von Einflüssen, unter denen Humboldt am Ende des 18. Jahrhunderts gestanden hatte. In diesen Jahren benutzte Humboldt zwar nicht das Wort Kosmos, doch der Sache nach stand das Konzept schon fest und blieb unverändert bis zu seinem Tode. Mit der Anknüpfung an die Antike und an eine spekulative Verbindung von Naturwissenschaft und Ästhetik glaubte Humboldt dem Verbund von Jenaer Universität und Goethes Haus am Frauenplan nahezukommen.

"Jede große Idee ... muß hier verzeichnet sein."

Sein Programm war gewaltig und umfasste nicht weniger als die ganze Welt. Goethe hatte seine Idee, einen "Roman des Weltalls" zu schreiben, rechtzeitig aufgegeben. Humboldt aber traute sich ans Weltganze. Am 27. Oktober 1834 schreibt er an Varnhagen von Ense: "Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen, wissen, alles in Einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große Idee, die irgendwo aufgeglimmt, muß neben den Thatsachen hier verzeichnet sein. Es muß eine Epoche der geistigen Entwickelung der Menschheit (in ihrem Wissen von der Natur) darstellen."

Was man "Humboldtian Science" genannt hat, besteht nicht aus Einzelwissenschaften, sondern einem System von Wechselwirkungen. Einzelne Naturzonen werden als Variablen des Gesamtsystems Erde analysiert. Dazu sammelt Humboldt umfangreiche topografische, aber auch historische Beobachtungen. Klassifikationen und Taxonomien werden verbunden mit globalen und lokalen Verhältnissen. Das Datenkorpus über Einflussfaktoren der Erde erlaubt eine Zonierung von Regionen, Naturreichen, Spezies oder Klassen als Variablen des globalen Ganzen.

In dieses System werden kulturhistorische, sozioökonomische und politische Faktoren integriert. Die Humangeschichte ist der Schauplatz einer immer umfassenderen Synthese von Natur und Geist. Dieser "Humboldt-Kosmos" ist unter dem Ansturm der Wissenschaften schon im 19. Jahrhundert zerbrochen. Zwei gegenläufige Züge treiben einen immer stärkeren Riss ins Werk Humboldts: Auf der einen Seite finden wir den Wissenschaftler, der durch seinen Empirismus die Naturwissenschaften befördert, die Spezialisierung für unausweichlich hält und die technisch-industrielle Verwertung der Naturwissenschaft dringend anrät.

Und auf der anderen Seite finden wird einen Mann, der mithilfe der um 1800 entwickelten Figuren des Schönen und Erhabenen an der Idee einer Mensch und Natur versöhnenden Totalität festhält. Diese aber ist 1850 zu den Akten der Geschichte gelegt. Sein Projekt musste scheitern - und ist gerade deswegen interessant.

Denn hinsichtlich der Schwierigkeit, die Wissenschaften zu einer Einheit zu bringen, stehen wir heute vor ähnlichen Problemen wie Humboldt. Sie haben sich sogar verschärft. Die gigantischen Wissens- und Informationsströme, von denen auf undurchsichtige Weise der Weltlauf gesteuert wird, stehen dem Bedürfnis nach Synthese, Abstand und Überblick entgegen. Empirismus und Holismus sind noch weiter auseinandergetrieben als zu Humboldts Zeiten und stellen zwei entgegengesetzte ideologische Lager dar, die keine Beziehungen zueinander mehr pflegen.

Das Bedürfnis nach holistischer Orientierung hat dazu geführt, dass man Humboldt zu sehr als Totalitäts-Denker in Anspruch nahm, während man neuerdings eher den liberalen Modernisierer, den frühen postkolonialen Denker und avancierten Autor betont. So richtig dies ist, man übersieht dabei, dass Humboldts Wirtschafts-Liberalismus auf eine robuste Fusion von Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie hinauslief. Diese Fusion, die, ganz unabhängig von Humboldt, den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts antrieb, stellt uns heute vor ökonomische und ökologische Modernisierungsschäden, zu deren Lösung wiederum Humboldt aufgerufen wird, nun der holistische und soziale Humboldt.

Am Ende erkannte Humboldt den Grund, warum die Idee des Kosmos nicht mehr als Synthesis des Weltwissens tauglich war: "Die Vielheit der Erscheinungen des Kosmos in der Einheit des Gedankens, in der Form eines rein rationalen Zusammenhanges zu umfassen, kann, meiner Einsicht nach, bei dem jetzigen Zustande unseres empirischen Wissens nicht erlangt werden. Erfahrungswissenschaften sind nie vollendet, die Fülle sinnlicher Wahrnehmungen ist nicht zu erschöpfen; keine Generation wird sich je rühmen können, die Totalität der Erscheinungen zu übersehen." In seinem Buch, das "Kosmos" heißt, schließt Humboldt die Möglichkeit, die Idee des Kosmos als Einheit des Wissens zu erweisen, für alle Zukunft aus.

© SZ vom 13.09.2019
Zur SZ-Startseite