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"Ein Gauner & Gentleman" im Kino:Aus Liebe zum Spiel

Als seine womöglich letzte Rolle hat sich Robert Redford einen Bankräuber ausgesucht, der einst wirklich alle mit seinem Charme verblüffte: "Ein Gauner und Gentleman" von David Lowery.

Es kann gut sein, dass "Ein Gauner und Gentleman" tatsächlich Robert Redfords letzter Leinwandauftritt ist. Er hat das angekündigt, dann hat er es wieder zurückgenommen. Weil, sagte Redford, Hollywoods größter Star der Siebziger- und Achtzigerjahre, ewiger Golden Boy, diese Äußerung so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen habe. Das bedeutet entweder, dass er vielleicht doch noch mal spielen will - oder dass er dem angekündigten Abgang von der Leinwand im Nachhinein mehr Diskretion verleihen möchte. Das passt ganz gut zu diesem Film, "Ein Gauner und Gentleman" von David Lowery, den man am ehesten als melancholische Komödie bezeichnen kann, mit viel Sinn für Diskretion.

Redford spielt Forrest Tucker, den Gauner mit Charme. Am Anfang hat er gerade eine Frau kennengelernt, Jewel (Sissy Spacek). Die beiden sitzen in einem Diner zusammen, und er würde sie gern wiedersehen. Was er so macht? Er erzählt ihr, dass er Bankräuber sei, in die Banken hineinschlendert, höflich erklärt, wo seine Komplizen sind, und dass es für alle das Beste wäre, ihm die gewünschte Summe einfach auszuhändigen, und mit dem Geld wieder geht. Jewel lacht, sie glaubt kein Wort. Sie wird zu ihm halten, wenn sie später herausfindet, dass jedes Wort stimmt - immerhin hat er ihr ja die Wahrheit gesagt. Wenn er lächelt, dann leuchten seine Augen - er lächelt eben wie Robert Redford; und Jewel beschließt, wie die meisten Menschen in Tuckers Leben, seine Untiefen mit einem belustigten Kopfschütteln hinzunehmen.

Die Polizei macht sich lustig über die Senioren-Gang, denn sie erbeutet nur kleine Summen

Forrest Tucker ist charmant, liebenswürdig, Bankräuber zwar, aber einer, der möglichst wenig Schaden anrichtet: kleine Summen, keine Verletzten, nicht mal seelisch Verletzte. Er arbeitet mit zwei alten Freunden zusammen, Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits), eine Senioren-Gang, die Polizei macht sich lustig über sie, immerhin klauen die alten Knacker ja nur kleine Summen. Forrest ist der Frontmann, derjenige, der mit den Bankangestellten direkt zu tun hat, und deren Trauma hält sich bei so viel Charme in Grenzen.

Das geht alles natürlich nur, weil die Welt noch eine andere ist, keine Hightech-Anlagen, keine Security, kein Sicherheitsglas - der letzte Akt von Forrests Bankräuberkarriere findet in den Achtzigerjahren statt, er ist, erfahren wir später von einem amüsierten Polizeibeamten, siebzehn Mal aufgeflogen - und jedes Mal wieder aus dem Knast ausgebrochen. Das klingt unglaubwürdig? Kann sein. Aber es hat Forrest Tucker tatsächlich gegeben, David Lowerys Drehbuch basiert auf einer Reportage aus dem New Yorker über einen Mann, der von 1946 an für den Rest seines Lebens denselben Kreislauf immer wieder für sich suchte: Banken ausrauben, geschnappt werden, ausbrechen.

Cooler Typ als letzte Rolle: Robert Redford als alternder Bankräuber Forrest Tucker.

(Foto: DCM)

Eine solche Geschichte kann nur in der Vergangenheit spielen, in der Zeit, als es noch keine Bankautomaten gab - die Welt von heute ist viel zu aufgeräumt für einen Mann wie Forrest Tucker. "Ein Gauner und Gentleman" plätschert dahin im Tonfall einer Komödie, und doch liegt eine ungeheure Wehmut über diesem Film; das hat nicht nur mit Redford selbst zu tun. Lowery lässt seinen Film aussehen wie New Hollywood, eine kleine Gangsterstory aus den Siebzigerjahren, und so nimmt dieser Film von einer Kino-Ära Abschied, überhaupt von einer ganzen Epoche, in der die Welt übersichtlicher war. Ausbruchssichere Gefängnisse und einbruchssichere Banken haben natürlich ihre Vorteile, aber in der Geschichte von Forrest Tucker hängt alles mit allem zusammen: Beim großen Aufräumen in der Gesellschaft ist etwas verloren gegangen, die Herausforderung, der Kampf, die Lust.

Einmal, da planen die drei einen Coup, der für den Rest des Lebensabends genug Geld bringen soll. Aber Forrest schweift ab von der Debatte, ob die Nummer zu groß für sie ist oder nicht. Er schaut verträumt zum Fernseher, wo ein alter Western läuft, eine schwarz-weiße Jagd zu Pferde. Für Forrest sind die Raubzüge genau so, sie machen ihn zum Outlaw, und er liebt dieses Gefühl. Teddy und Waller mögen Sorgen haben, er selbst bräuchte das Geld nicht. Er hortet Hunderttausende zu Hause unter dem Holzfußboden, aber das wissen die anderen nicht. Ihn treibt auch nicht die Gier. Er macht das alles aus Liebe zum Spiel.

Robert Redford ist 82 Jahre alt, und hat man Forrest eine Weile zugesehen, dann liegt auf der Hand, warum er sich diese Figur als Schlusspunkt für seine Leinwandkarriere ausgesucht hat. Forrest hat viel gemeinsam mit dem Outlaw Sundance Kid oder dem kleinen Gauner Johnny Hooker aus "Der Clou" (1973), mit Sonny Steele, der ein Rennpferd klaut in "Der elektrische Reiter" (1979), und Denys Finch Hatton, der in "Out of Africa" (1985) fliegen will, und wenn es ihn sein Leben kostet. "Butch Cassidy und Sundance Kid" hat Redford 1969 zum Star gemacht, der Film war Teil einer Trilogie des Regisseurs George Roy Hill, zu der auch "Der Clou" gehörte - Hill wollte die letzen Abenteuer erforschen, den immer kleiner werdenden Teil der Welt, in dem sich die Regeln, nur so zum Spaß, unterlaufen lassen.

"Ein Gauner und Gentleman" ist kein perfekter Film, zumindest nicht nach heutigen Maßstäben - nach denen erzählt David Lowery einfach viel zu langsam, verzichtet auf Knalleffekte, seine Gags sind leise. Das Hin und Her zwischen Forrest und Jewel, die sich erst ziert und dann hingebungsvoll versucht, aus diesem Filou doch noch einen soliden Menschen zu machen, taugt nicht für laute Lacher, eher für zartes Schmunzeln. Aber alles passt zusammen; so mühelos und leichtfüßig, wie Forrest Tucker Banken ausraubt, so ist auch der Film.

Über die Jahre ist Redford immer besser darin geworden, mit kaum sichtbarem Aufwand zu agieren

Das Katz-und-Maus-Spiel, das dann ein einziger Polizist mit Forrest anfängt, hat genau den gleichen natürlichen Fluss, eines führt zum anderen. Casey Affleck spielt John Hunt, der sich bei der Arbeit irgendwie langweilt, der ein bisschen Angst hat vorm Altwerden. Er verbeißt sich in den Fall mit der Senioren-Gang, weil er bei einem Überfall dabei ist, sogar eines seiner Kinder im Schlepptau hat. Forrest Tucker hat John Hunt da, unwissentlich, bei seiner Ehre erwischt - und Hunt kommt ihm auf die Schliche, weil die beiden ähnlich ticken. Auch John Hunt liebt das Spiel, und ein Gegner, der ihm ebenbürtig ist, nötigt ihm Respekt ab.

"Ein Gauner und Gentleman" lebt von seinem Hauptdarsteller - wer außer Robert Redford könnte schon einen Räuber spielen, der so charmant ist, dass die Opfer sich irgendwie geehrt fühlen, dass er da war? Es hat viel mit Charisma und Charme zu tun, dass er das kann, aber er ist mit den Jahrzehnten auch immer besser darin geworden, mit kaum mehr sichtbarem Aufwand Figuren zum Leben zu erwecken.

Es gibt keine harmlosen Gaunereien mehr. Warum ist das so? Zum Teil vielleicht, weil heute immer gleich viel zu viel auf dem Spiel steht; mit der Forrest-Tucker-Methode raubt heute keiner mehr Banken aus. Es gibt aber auch viel mehr legalen und illegalen Lug und Betrug, das nimmt dem Ganzen viel von seinem Witz. "Ein Gauner und Gentleman" spielt nicht nur in einer anderen Zeit, der ganze Film ist gemacht, als wäre er mit einer Zeitmaschine in die Gegenwart gerauscht, um uns zu zeigen, wie kostbar kleine Räume sind, in denen keine Regeln gelten, wie süß der Triumph ist, dem Schicksal etwas abgeluchst zu haben. Forrest Tucker hat das gewusst. Aber vielleicht musste er immer wieder ins Gefängnis zurück, um sich daran zu erinnern.

The Old Man and the Gun, USA 2018 - Regie und Buch: David Lowery. Kamera: Joe Anderson. Mit: Robert Redford, Sissy Spacek, Casey Affleck, Danny Glover, Tom Waits. DCM, 94 Minuten.

© SZ vom 27.03.2019
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