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Ein ewiger Kampf:Schmaler Pfad

Daron Acemoğlu, James A. Robinson: Gleichgewicht der Macht: Der ewige Kampf zwischen Staat und Gesellschaft. Aus dem Englischen von Bernhard Jendricke, Christa Prummer-Lehmair, Sonja Schuhmacher und Thomas Wollermann. S. Fischer-Verlag, Berlin 2019. 784 Seiten, 28 Euro.

Der Ökonom Daron Acemoğlu und der Polittologe James Robinson beschreiben das komplexe Verhältnis zwischen Staatsmacht und Gesellschaft. Ihr kenntisreiches Buch ist eine Großerzählung über Demokratie, Gewaltkontrolle und Staatenbildung.

In "Alice hinter den Spiegeln" von Lewis Carroll machen Alice und die rote Königin ein Wettrennen durch den Wald. Der Hauptfigur Alice kommt es bald so vor, als bewegten sie und die Königin sich trotz der Anstrengung nicht vom Fleck. "Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst", sagt die Königin zu dem Mädchen. In ihrer staatstheoretischen Studie "Gleichgewicht der Macht" benutzen der Ökonom Daron Acemoğlu vom Massachusetts Institute of Technology und der Politologe James A. Robinson von der University of Chicago dieses Bild aus dem surrealistischen Kinderbuchklassiker, um das komplizierte Verhältnis zwischen Staatsmacht und Gesellschaft zu beschreiben.

Der Rote-Königin-Effekt, mit dem Evolutionsbiologen auch das Hochrüsten konkurrierender Organismen bezeichnen, ist für die Autoren eine zentrale Voraussetzung dafür, dass manche Nationen zu prosperierenden Demokratien werden konnten, während andere diesen Entwicklungspfad nicht betreten haben. Der Effekt soll die Bedeutung einer Machtbalance zwischen Staat und Gesellschaft herausstellen. Je stärker das eine, desto stärker muss auch das andere sein. Sonst, so die These der Autoren, drohen extreme Herrschaftsformen, was sie im Buch mit Länderstudien zu Nigeria, China, Saudi-Arabien oder Argentinien auch ausführlich darlegen. Diesen Staaten fehlt das Gleichgewicht, was erhebliche Folgen haben kann: Terrorismus, Korruption oder fehlende Innovationskraft.

Es ist aber auch ein schmaler Pfad, auf dem sich die freiheitlichen Gesellschaftsordnungen in Europa und den USA bewegt haben. Und bewegen. Das legt der englische Titel des Buchs nahe: "The Narrow Corridor". Denn auch die liberalen Demokratien des Westens sind weder vor einem Abdriften in Despotismus und Anarchie noch vor blinden Flecken gefeit, etwa der langlebigen Benachteiligung von Frauen und ethnischen Minderheiten. Allein diese Diagnose macht dieses weit ausgreifende Buch sehr aktuell.

Mit "Warum Nationen scheitern" hatten Acemoğlu und Robinson schon 2012 eine Theorie der Weltungleichheit vorgelegt. Darin beschrieben sie, wie das Zusammenwirken inklusiver politischer und wirtschaftlicher Institutionen die Macht von Eliten eindämmen und damit nationalen Wohlstand erzeugen kann. Das Buch wurde zu einem Bestseller. Nun haben die Wissenschaftler ihren konzeptuellen Rahmen noch weiter gedehnt. Sie wurden hierfür bei einem Klassiker der politischen Philosophie fündig: Mit dem Leviathan hatte der britische Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert eine allmächtige Staatsgewalt erdacht, die den Krieg aller gegen alle verhindern sollte.

Die Autoren haben die monolithische Denkfigur in ein Modell überführt, mit dem sie glauben, den Freiheitsgrad und so auch die ökonomische Leistungsfähigkeit von Nationen vergleichen zu können. Ihre Analyse ist wegen der fast schon archäologischen Perspektive des Buchs, die von der altbabylonischen Zeit bis in die Gegenwart des Syrien-Konflikts und der #MeToo-Bewegung reicht, sehr grundsätzlich.

Der ideale Staat ist für die zwei Wissenschaftler die Denkfigur des "gefesselten Leviathan" - in Anlehnung an Thomas Hobbes

In Europa habe es im fünften Jahrhundert eine günstige Konstellation für ein Kräftegleichgewicht zwischen Staat und Gesellschaft gegeben, schreiben die beiden Autoren. Germanische Stämme drangen in Gebiete des weströmischen Imperiums vor, das sich im Niedergang befand. Dabei trafen basisorientierte, partizipatorische Gemeinschaften auf eine zentralistische Staatsapparatur mit bürokratischen und rechtlichen Traditionen. Es ist der Humus für das, was Acemoğlu und Robinson als den "Gefesselten Leviathan" bezeichnen: Einen Staat, der seinen Machtbereich ausdehnt, dabei aber Freiheitsbewegungen zulässt. Hierfür nennen sie in einem Parforceritt durch die Zivilisationsgeschichte einige Wegmarken: den aufblühenden Handel der italienischen Stadtstaaten; die Unterzeichnung der Magna Carta als Geburtsstunde des Parlamentarismus; das Zusammenwirken von Technik, Wissenschaft und freiem Unternehmertum in der Phase der industriellen Revolution.

Acemoğlu und Robinson gelangen zu der vorsichtigen Einschätzung: "Der Gefesselte Leviathan scheint der ideale Staat zu sein, dem wir vertrauen können." Welche Instabilität ihm trotzdem innewohnen kann, schildern sie am Beispiel der Weimarer Republik. Dort traf eine stark mobilisierte Nachkriegsgesellschaft auf preußische Eliten, die in die autoritären Verhältnisse des Kaiserreichs zurückkehren wollten. Dieser Zielkonflikt habe neben schwachen Institutionen und der Weltwirtschaftskrise den Weg für die Nazis geebnet, analysieren die Autoren auf zwanzig Seiten.

Ein anderes Beispiel für die Anfälligkeit des "Gefesselten Leviathan" sind die Vereinigten Staaten. Hier mussten die Föderalisten 1787 eine Verfassung akzeptierten, die den Gesamtstaat so schwach hielt, dass dieser bis heute nicht in der Lage ist, zentrale Funktionen des Leviathans zu erfüllen: die Bürger vor Unterdrückung durch Rassismus und vor Waffengewalt zu schützen.

Überhaupt mögen sich Acemoğlu und Robinson nicht der Selbsterzählung der größten Demokratie der Welt anschließen. Der amerikanische Leviathan sei zwar erfolgreich darin gewesen, Anreize für Wirtschaftswachstum zu entfachen. Ihm gelinge es aber nicht, die Gewinne aus dem Modell der öffentlich-privaten Partnerschaft gleichmäßig zu verteilen. Mittlerweile hätten Globalisierung und Automatisierung den "Gefesselten Leviathan" derart unter Spannung gesetzt, dass die Forscher eine Abkehr vom Paradigma des Wirtschaftsliberalismus fordern.

Beim Säulenheiligen dieser Ökonomierichtung, Friedrich August von Hayek, waren planerische Eingriffe in das Marktgeschehen das Einfallstor für einen despotischen Herrschaftsapparat. Darauf gründeten sich die amerikanischen Dogmen des Antikommunismus und der Deregulierung. Letzteres hat laut Acemoğlu und Robinson dazu geführt, dass Staat und Gesellschaft dem Wachstum der Finanzindustrie und dem Aufstieg gigantischer Digitalunternehmen wenig entgegenzusetzen hatten. Deshalb brauche es eine Verständigung auf ein staatliches Regulativ gegen alte und neue Herrschaftsansprüche des Kapitals. Acemoğlu und Robinson vertreten dabei just die Ideen sozialdemokratischer Wohlfahrt, mit denen die US-Linke um Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez liebäugelt.

Das Buch "Gleichgewicht der Macht" liefert eher einen Betrachtungsrahmen, der historische Staatsbildungsprozesse schlüssig darstellbar macht, denn ein restlos überzeugendes Theoriemodell. Das lässt sich schon an den ungefähren Diagrammen ablesen, mit denen die Autoren den schmalen Korridor zu bestimmen glauben, in dem sich das Kräftegleichgewicht zwischen Staat und Gesellschaft entfaltet. Der vergleichenden Politikwissenschaft vermögen Acemoğlu und Robinson mit der Wiederbelebung des Begriffs Leviathans keine neuen Impulse zu verleihen. Hier sind Messungen wie der Demokratieindex der Zeitschrift The Economist schlicht nachvollziehbarer. Als Großerzählung über Demokratie und Gewaltenkontrolle ist dieses kenntnisreiche Buch allerdings zu empfehlen.

© SZ vom 26.11.2019
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