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Ein erzkomischer Familienroman:Die Vorzüge freiheitlicher Waldbestattung

Karl-Heinz Ott erfindet in "Die Auferstehung" ein neues Genre, die Trauerburleske.

Ein Edeka-Werbespott auf Youtube wird derzeit millionenfach geklickt. Es ist die rührselige Geschichte eines alten Mannes, den seine Kinder mit ihren Familien selbst zu Weihnachten nicht mehr besuchen. Also verschickt er eine Todesanzeige, damit sie sich wenigstens zu seiner Beerdigung versammeln. Dort betritt er als Überraschungsgast leibhaftig den Raum mit der festlich gedeckten Tafel. Nach kurzer Bestürzung lachen alle und liegen sich in den Armen, während der propere Schwiegersohn die Gans tranchiert. Das schlechte Gewissen führt die vermeintlichen Hinterbliebenen aus dem Modus der Trauer und der Vereinzelung übergangslos ins Zusammengehörigkeitsglück des Familienidylls.

Als notwendiges Gegengift gegen derlei Sentimentalitätsüberschwang ist Karl-Heinz Otts Roman "Die Auferstehung" zu empfehlen. Auch da versammelt sich die Familie - drei Söhne und eine Tochter, alle so zwischen Fünfzig und Mitte Sechzig - um den toten Vater, der mit offenstehendem Hosenladen auf dem Sofa seines Hauses in einem Dorf bei Ulm erkaltet. Neunundachtzig Jahre alt ist er geworden, ein Mann von Statur, der Chirurg am Ulmer Krankenhaus gewesen ist. Da die Erbangelegenheiten höchst unklar sind, haben die Hinterbliebenen sein Ableben noch nicht gemeldet;, erst einmal wollen sie sich untereinander klar darüber werden, wie zu verfahren sei. Erdbestattung oder Urne oder freiheitliche Waldbestattung mit oder ohne Pfarrerverlogenheiten, vor allem aber: Wer erbt was. Es gibt viel zu erörtern - von den eigenen, verworrenen Lebensgeschichten mal ganz abgesehen.

Ein Tag, eine Nacht, ein Morgen: Länger dauert der Roman nicht, und alles, was geschieht, geschieht in diesem einen Raum und im angrenzenden Garten. Das ließe sich sehr gut auch als Theaterstück aufführen, die heftigen, allseitige Lebenslügen entlarvenden Dialogen sind ja schon fertig (vielleicht merkt man daran, dass Ott mit der Dramatikerin Theresia Walser verheiratet ist). Denkbar wäre "Die Auferstehung" aber auch als einer dieser luftigen französischen Sommerfilme, denn es ist Sommer, und Eile ist schon deshalb geboten, weil befürchtet werden muss, dass der Tote bald zu stinken beginnt. Die vier Geschwister warten nicht auf Godot, sondern auf den Anwalt, den ihr Vater mit der Testamentsbetreuung beauftragt hat. Er wandte sich ausgerechnet an "das Schwein", den Nachbarsjungen von nebenan, der einst die Schwester sitzen ließ, seither Persona non grata der Familie war und inzwischen zu einem schmierigen Fernsehstaranwalt herangereift ist.

Anders als im Edeka-Spott ist der alte Vater keineswegs der Verlassene gewesen. Vielmehr hat er seine Kinder rausgeworfen, nachdem die ihn für dement erklären lassen wollten. Nach dem Tod seiner Frau hat er sich in eine irritierende Altersvirilität hineingesteigert, das Haus mit Pornoplakaten tapeziert und ein Verhältnis mit der ungarischen Haushälterin begonnen, das die Hinterbliebenen in Angst und schrecken versetzt, fürchten sie doch, dass es dem Vater, schlimm genug, um Sex, der Geliebten aber, viel schlimmer, ums Erbe gegangen sei, so dass die "ungarische Hure", wie sie bei ihnen heißt, inzwischen nicht nur das Haus am Lago Maggiore ihr eigen nennen darf, sondern auch das Elternhaus bei Ulm, in dem sie nun sitzen und das ihnen womöglich schon nicht mehr gehört.

Sanfter Blick, scharf gestellt: Karl-Heinz Ott.

(Foto: Peter-Andreas Hassiepen/Hanser)

"Mein Leben lang habe ich gedient, jetzt bin ich dran!" Dieser Satz des Vaters, mit dem er die Jahre seiner emanzipatorischen Familienrücksichtslosigkeit bestritt, geben Anlass zu den schlimmsten Befürchtungen. Dabei hat der Vater eigentlich nur verwirklicht, wovon sie auf unterschiedliche Weise ein Leben lang geredet haben. Karl-Heinz Ott inszeniert ein kunstvolles Porträt der bundesdeutschen Generation, die für 1968 ein kleines bisschen zu jung gewesen ist, die aber im Bugwasser der Befreiungsideologien aufwuchs und die sich das alles von ihren Vätern hat bezahlen lassen. Wenn ihm die Einzelporträts hier und da ein wenig zu klischeehaft geraten, dann wird das durch seinen boshaften Blick mehr als ausgeglichen. Da schreibt einer mit gehörigem Furor und wütender Genervtheit eine generationelle Gesamtabrechnung - und nimmt sich selbst nicht aus dabei.

Joschi, der Älteste, ist ein ergrauter Altlinker, der mit seinen Klassenkampfsprüchen und seiner Unerbittlichkeit früher selbst den Genossen auf die Nerven ging, jetzt aber bloß noch ein schlecht gelaunter Dauernörgler ohne jede Lebensfreude ist: grau, in jeder Hinsicht, denn grau ist jede Theorie. Jakob, verhinderter Philosoph und Parisflaneur, lebt von Beiträgen für Fernsehkultursendungen, und auch wenn er einst noch mit Gadamer um zehn Uhr morgens Cognac getrunken hat, ist er inzwischen auf dem absteigenden Ast: Die Redakteure sind schon lange viel jünger als er, und Beiträge über Pascal braucht kein Mensch. Seinen Lebensstil mit sehr teuren Weinen konnte er sich aber eigentlich noch nie wirklich leisten.

Dann ist da noch die hyperaktive, ziemlich anstrengende und zu Hysterie neigende Linda mit ihrem Mann, einem bärenhaften Volkshochschulphilosophen aus Memmingen. Sie ist die obligatorische Kunstgeschichtlerin, die sich mit Memmingen als Wirkungsort ihrer Museumslaufbahn hat abfinden lernen müssen, die das aber in ihrer andauernden Organisationsgetriebenheit gar nicht merkte. Ihre "Zeitfenster" sind knapp, für Zeitverschwendung hat sie keine Zeit.

Die pastellfarbenen Gewänder der sackartig verhüllten Menschen simulieren Selbstgenähtheit

Uli, der Jüngste, betreibt zusammen mit seiner Frau ökologische Landwirtschaft auf der Schwäbischen Alb, und nachdem er einst für sämtliche Spielarten des Yoga und sonstige Erleuchtungstechniken viel Geld ausgegeben hat, hat er inzwischen gelernt, als Walddorfschullehrer mit Weltanschauungsvermittlung ganz gut zu verdienen - auch wenn ihm die sackartig verhüllten Menschen in ihren Selbstgenähtheit simulierenden, pastellfarbenen Gewändern ziemlich auf den Geist gehen. Gegen die Formen schöner Frauen hätte er nämlich nichts. Uli ist einer von denen, die unentwegt beteuern, "etwas mit den Händen" machen zu wollen, seien es Holzlöffel, Vogelkästen oder Kleiderbügel: "Alles mit den Händen, als könnte man nur auf diese Weise zu sich selbst finden, während solche Wesen wie Jakob, die sich mit Denken begnügten, zur Fraktion der Entfremdeten gehörten. Jakob konnte es irgendwann nicht mehr hören, dieses HändeGeschwätz!"

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman Die Auferstehung stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Ja, wollten denn nicht alle irgendwann einmal Schreiner werden? Jakob ist unter den Verwirrten, den in ihrer Nonkonformitätsbemühung auf unterschiedliche Weise recht konformen Geschwistern der am wenigsten Peinliche und vielleicht der heimliche Held der Geschichte. In Wirklichkeit kommen Otts Charaktere, die er idealtypisch vereindeutigt, in allen möglichen Mischungsverhältnissen vor; Leser, die dieser Generation nicht allzu fern stehen, können sie in Spurenelementen wohl alle in sich entdecken, so deutsch sind sie, so bundesrepublikanisch, so weit verbreitet. Ott verstrickt sie in bizarre Gespräche über den Sinn des Lebens, die Angst vor dem Nichts und die Problematik der Liebe. ("Eine Spur von Verschwendung muss schon sein, nicht nur in Gefühlsdingen. Habenichtse sind unattraktiv.")

Familie, das wird rasch klar, ist ein Zwangszusammenhang, dem jeder auf seine Weise zu entkommen sucht. Paradoxerweise ist das dem Vater besser gelungen als den Kindern, die nun in ihrer Fixiertheit auf das bedrohte Erbe zu einer prekären Gemeinschaft zusammenfinden. Ab und zu verliert Ott sich auf Nebenwegen, und man braucht zu Beginn einige Zeit um in die Gespräche, in die Figuren und ihre Lebensgeschichten hineinzufinden, bis sie dann mehr und mehr Kontur gewinnen und damit auch die Dialoge übersichtlicher werden. Denn Ott verzichtet darauf anzugeben, wer was sagt. Das Durcheinander ist Programm. Dann aber nimmt die Dynamik zu, das Geschehen verdichtet sich und eskaliert, wenn endlich "das Schwein", der Anwalt, auftritt. Doch der bleibt mit seinen Enthüllungen nicht die letzte Überraschung.

"Die Auferstehung" ist ein Unterhaltungsroman im allerbesten Sinn, klug, vergnüglich, boshaft, politisch brisant, sprachlich brillant und in seinen philosophischen Passagen durchaus erhellend. Dass bei allen Klugscheißereien aus den Blickwinkeln verschiedener biografischer Selbststilisierungen und in der ganzen Bandbreite der Lebensentwürfe (oder Geworfenheiten) immer einer daneben sitzt, der den ganzen Blödsinn nicht mehr hören kann, hat eine durchaus heilsame Funktion. In der Edeka-Werbung fehlt so einer mit grundsolider schlechter Laune sehr.

Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2015. 350 Seiten, 22,90 Euro. E-Book 16,99 Euro.

© SZ vom 07.12.2015
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