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Ein Comic über die Liebe im Spätkapitalismus:Am Drehspieß

Wer verliebt ist, wird machtlos wie Dönerfleisch: Liv Strömquists Comic "Ich fühl's nicht".

Mit der Emanzipation hat sich die Sache ja nicht erledigt. Frauen verlieben sich weiter in Männer, viele wollen sogar Kinder von ihnen. Und schon steckt frau trotz Gleichberechtigung und sexueller Revolution im Schlamassel.

Fair geliebt wird nämlich nicht, das ist klar. Im neuen Comic der schwedischen Feministin Liv Strömquist, deren gezeichnete Kulturgeschichte der Vulva "Der Ursprung der Welt" ein Aufreger und Bestseller war, zumindest für Comic-Verhältnisse, sind asymmetrische Beziehungen zu sehen, wie sie für unsere Zeit, nun ja, angeblich typisch sind: Drei junge hübsche Frauen himmeln da Jabba, den fetten Hutt, Papa Schlumpf und den verschrobenen Zaubertrankbrauer Miraculix an. Strömquist zitiert dazu die israelische Soziologin und Liebesanalytikerin Eva Illouz: "Es ist seitens der Männer eine neue Form emotionaler Herrschaft entstanden - die sich darin äußert, dass Frauen emotional verfügbar sind - während Männer sich nicht binden wollen - da sich die Bedingungen der Wahl verändert haben." Das wirkt wie eine direkte Fortsetzung von Strömquists "Der Ursprung der Liebe", in dem sie das Konzept der romantischen Liebe zerpflückt, das in unserer Konsumgesellschaft nichts anderes sei als eine private Minireligion.

Ihrem Stil ist die studierte Politikwissenschaftlerin treu geblieben: "Ich fühl's nicht" ist sprach- und bildwitziger Punk. Strömquist saust darin durch die Epochen, sammelt Pop- und Alltagsphänomene auf, verbindet Zitate, lässig reproduzierte Fotos mit holzschnittartigen Zeichnungen und lautstarker Typografie. Das ist in der Art von Sachcomics gezeichnet - und unglaublich komisch.

Warum sich Männermacht im Zurückhalten von Gefühlen äußert

Illouz ist Strömquists Hauptzeugin in ihrem Diskurs über die Liebe, die in spätkapitalistischen Zeiten nach Marktmechanismen funktioniere, wie die Soziologin in ihren Büchern dargelegt. Neben ihr werden zitiert: Byung-Chul Han, Platon, Lou Andreas-Salomé, Slavoj Žižek, Beyoncé, Kierkegaard, die Boulevardzeitung Daily Mail, griechische und indische Mythologie etc. Wie mit einem Schleppnetz hat Strömquist nach Ideen gefischt und für sie Brauchbares zu einer Argumentationslinie montiert.

Die beginnt bei Leonardo DiCaprios Affären mit diversen Unter- oder Sportwäschemodels; dem angeblichen Gefühlsdefizit des Promis verdankt der Comic seinen Titel. Stichworte wie "Konsumgesellschaft" oder "Narzissmus" führen zur Ansicht von "Soziolog*innen und Philosoph*innen", dass das "Gefühl ,sich zu verlieben' in der heutigen Zeit immer außergewöhnlicher geworden ist". Weiter geht's mit der "Neudefinition von männlichem Erfolg", der nicht länger in der Patriarchenrolle, als Ernährer einer möglichst großen Familie zu finden sei, weshalb sich Männermacht im Zurückhalten von Gefühlen äußere. Im Comic sieht das dann so aus: "Ich finde es schwer, dich attraktiv zu finden, wenn du so needy rüberkommst!", nölt Papa Schlumpf eine junge Frau an, die ihm ihre Liebe gesteht.

Die Überlegungen zum Stand der Geschlechterbeziehungen sind nicht neu, man muss der Argumentation auch nicht unbedingt folgen. So komprimiert und witzig, wie Strömquist sie präsentiert, ist "Ich fühl's nicht" aber eine sehr anregende Lektüre. Sie mündet in eine leidenschaftliche Verteidigung der Liebe. Die sei allerdings nicht, wie heutzutage gern behauptet, schmerzfrei zu haben: "Sich zu verlieben bedeutet ja, dass man völlig machtlos ist, ohne Arme und Beine, sozusagen wie Dönerfleisch, dass sich in einer fettigen Imbissbude immer im Kreis dreht", schreibt sie und zeichnet einen Drehspieß.

Den kleinen Tod, die Leidenschaft zeichnet die Feministin dennoch wunderschön: Im ansonsten schwarz-weißen Sachcomic-Look taucht unvermittelt ein doppelseitiges, farbiges orgiastisches Ornament mit blauen Delfinen auf, die vor einer rot untergehenden Sonne fliegen und tanzen.

Liv Strömquist (Text und Zeichnung): Ich fühl's nicht. Aus dem Schwedischen von Katharina Erben. Avant Verlag, 2020. 176 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 10.03.2020

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