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Ein Bestseller als Flaschenpost:Aus einer fernen Zeit

Gut vierzig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen werden die "Männerphantasien" von Klaus Theweleit unverändert wieder aufgelegt. Was lässt sich heute damit anfangen?

Um faschistische Männlichkeits- und Gewaltfantasien geht es Klaus Theweleits 1977/78 erstmals erschienen "Männerphantasien", basierend auf Erinnerungsschriften und Romanen von Freikorpskämpfern. Eine "Psychoanalyse des Weißen Terrors" nannte sie der Autor später. Wenn ein so monumentales Werk mehr als vierzig Jahre nach dem ersten Erscheinen nicht neu überarbeitet erscheint, sondern lediglich durch ein Nachwort des Autors selbst eingeordnet wird, dann muss die Frage gestattet sein: Wozu kann uns dieses Buch heute dienen? Umso mehr, da wir es seit 2017 mit einer deutlichen Zunahme von Analogien unserer Gegenwart mit jener der Weimarer Republik zu tun haben und man dem Verlag wohl unterstellen darf, auf diesen Zug mit aufgesprungen zu sein. Weimar ist vor allem als gescheiterte erste Republik, als direkter Weg in den Nationalsozialismus derzeit ein beliebtes Vergleichsobjekt, um auf die Gefahren für die freiheitliche demokratische Grundordnung hinzuweisen, die von der rassistischen und offen antisemitischen, sexistischen und homophoben Partei Alternative für Deutschland und weiteren, noch extremeren Gruppierungen ausgehen. Diese Vergleiche haben mit der geschichtswissenschaftlichen Forschung nichts zu tun, die vor allem die Eigengeschichtlichkeit der ersten Republik betont. Sie dienen vorrangig der Gemeinschaftsstiftung gegen etwas, das nicht mehr sein kann und darf, wie auch die "Männerphantasien" ehemaliger Freikorpskämpfer.

Unklar bleibt, warum in diesem Buch Frauen durchweg als Opfer dargestellt werden

Ein historisches Dokument ist Theweleits Werk zweifelsohne, wie der Faschismusexperte Sven Reichardt schon 2006 in den Zeithistorischen Forschungen feststellte - allerdings eines, in dem das alternative Milieu der Siebzigerjahre abgebildet ist. In dieser Szene und auch weit darüber hinaus sei das Buch zum Bestseller geworden, weil es zentrale Themen berührte, die dieses Milieu umtrieben: den Zusammenhang von Sexualität und Politik, die psychologisierende Faschismusdeutung, Geschlechterdebatten. Reichardt, der in der Zwischenzeit eine große Studie über das linksalternative Milieu vorgelegt hat, sieht den Erfolg des Buches auch in der Abgrenzung seiner Leser von faschistischen Männerbildern auf der Suche nach einer neuen Männlichkeit begründet, weitaus wichtiger aber sei die breite Rezeption in den Feuilletons der Bundesrepublik gewesen. Sie machten es zu einem Bestseller.

"Männerphantasien" zeigt zudem, welche Fragen an die Geschichte des Faschismus Ende der 1970er noch nicht gestellt wurden, nämlich die nach dem Ort von Körperlichkeit in dieser Bewegung, nach den psychologischen Motiven für gewalttätiges Handeln. Diese Themen in die Forschung zur Vorgeschichte des Faschismus eingebracht zu haben, ist bis heute das Verdienst Klaus Theweleits, und dieses Verdienst darf als hoch eingeschätzt werden.

Der collagenhafte Stil der Studie ist freilich gewöhnungsbedürftig. Er ist geprägt durch seitenlange Zitate und das redundante Sich-Abarbeiten an den Erinnerungen der sieben Hauptprotagonisten, die alle aus dem Umfeld der Freikorps stammten, also jener Freiwilligenverbände, die nach dem Ersten Weltkrieg mit Billigung der provisorischen Regierung Aufstände von links niederschlugen, im Baltikum kämpften und sich 1920 während des Kapp-Lüttwitz-Putsches gegen die republikanische Regierung stellten, was zu ihrer Auflösung führte. In den Mittelpunkt stellt Theweleit den Kolonialrevisionisten Paul von Lettow-Vorbeck, den Marineoffizier und späteren Theologen Martin Niemöller, über dessen Antisemitismus die aktuelle Biografie Benjamin Ziemanns Auskunft gibt, ferner den Freikorpskommandeur Gerhard Roßbach, den späteren Lagerkommandanten von Auschwitz Rudolf Höß, den Freikorpsführer Hermann Ehrhardt, der im April 1919 bei der Niederschlagung der Münchener Räterepublik eine führende Rolle spielte, sowie die Schriftsteller Ernst Jünger und Ernst von Salomon, der 1922 maßgeblich am Attentat auf Außenminister Walther Rathenau beteiligt war.

Endlos sind auch die Passagen aus den Romanen, und die Abbildungen, auf die der Text nicht Bezug nimmt, wirken durchaus wahllos. Wenn nun der Autor erwartet, diesen Ritt als einen Erkenntnisprozess zu verstehen, verlangt er zu viel. Tatsächlich neigen Leserinnen und Leser angesichts des Sujets und der Anlage des Buches wohl eher zu einer affirmativen Lektürehaltung, denn wer findet schon Typen gut, die Mordfantasien verbreiten und ausleben?

Klaus Theweleit

Seine Frage nach der Rolle der Körper in den faschistischen Bewegungen machte in den späten Siebzigerjahren Furore: Klaus Theweleit.

(Foto: picture alliance / Patrick Seeger)

Was also bietet eine Relektüre der "Männerphantasien"? Das Buch gilt zwar als eine literaturwissenschaftliche Arbeit, doch es beansprucht historische Erkenntnis, muss sich also am strengen Maßstab der Historiografie messen lassen können. Theweleit arbeitet mit historischem Material, unterzieht es jedoch keinerlei Quellenkritik, die Quellen besitzen folglich bei ihm kein "Vetorecht", wie Reinhart Koselleck es ihnen einräumte. Daraus erwachsen ein methodisches, ein erkenntnistheoretisches und ein Darstellungsproblem.

Gleich zu Beginn zeigt sich, wie problematisch es ist, wenn Theweleit die Unterschiede zwischen Autobiografien, Erinnerungsschriften und Romanen sowie ihre unterschiedlichen Erscheinungsdaten unreflektiert einebnet. So geht es wiederholt darum, dass die Ehefrauen der Protagonisten in deren Autobiografien und Erinnerungsschriften namenlos bleiben. Die These lautet, diese Frauen seien die Opfer ihrer Ehen. Was die Protagonisten in ihren vielen Konventionen unterliegenden Autobiografien schreiben, liest Theweleit nicht als genrespezifische Inszenierung einer männlichen Normalbiografie, sondern als Auskunft über das tatsächliches Verhältnis zu den jeweiligen Ehefrauen. Auch bleibt unklar, warum die Frauen durchweg als Opfer dargestellt werden. Wenn sie zum Teil gut situierte Männer heiraten, haben sie vielleicht eine eigene Agenda, etwa die, finanziell versorgt zu sein. Legt Theweleit hier nicht Maßstäbe von Liebesbeziehungen der Siebzigerjahre an?

Erkenntnistheoretisch ergibt sich das Problem, dass unklar bleibt, wofür die Aussagen seines historischen Materials eigentlich repräsentativ sein sollen. Behandelten Liberale ihre Ehefrauen ähnlich und hatten Sozialdemokraten womöglich ähnlich stereotype Frauenbilder? Wer nahm die vielen Freikorpsromane überhaupt zur Kenntnis? Und lasen diese Personen vielleicht auch Romane der neuen Sachlichkeit oder distanzierten sich bei der Lektüre? Auch eine Analyse, wie Textproduktion und Handlung der Akteure zusammenhängen könnten, bleibt der Autor schuldig.

Wie Fantasien und Handlungen der Männer zusammenhängen könnten, zeigt der Autor nicht

Seitenlang und reich bebildert schildert der Autor, wie in Autobiografien, die zwischen 1921 und 1957 erschienen, Frauen dargestellt wurden, die an den Kämpfen im Baltikum teilnahmen. Den Zeitgenossen galten sie als "Flintenweiber" ein Begriff, den Theweleit gern und häufig übernimmt, so wie auch "Hure". Die Sprache der Quellen und die Sprache der Analyse werden also nicht getrennt. Die Hinrichtung und Ermordung kämpfender Frauen wird in diesen Erinnerungen damit gerechtfertigt, dass sie Sex- und Gewaltorgien organisiert hätten, so etwa in Erich Ballas 1932 veröffentlichten Erinnerungen. Je weiter der Zeitpunkt des Ereignisses und der Bericht darüber auseinanderlagen, desto krasser werden die Beschreibungen der Kämpferinnen.

Klaus Theweleit: Männerphantasien. Mit einem Nachwort des Autors. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 1278 Seiten, 42 Euro.

Welchen Effekt hat es, seitenweise diese Gewaltschilderungen auszubreiten, allzu häufig, ohne die Zitate einzuordnen? Was treibt einen Autor an, so fragt sich die kritische Leserin, seitenweise Misogynie der schlimmsten Sorte zu wiederholen, ohne deren Funktion abseits von "Männerphantasien" zu thematisieren? Wären hier nicht wenige schlagende Beispiele angebracht gewesen, die man dann - bezogen auf den historischen Kontext - zu interpretieren hätte?

Was bedeutet es für die "Männerphantasien", wenn man die stereotypen Frauenbilder von Mutter, weißer Krankenschwester und Sexarbeiterin in überbordender Ausführlichkeit reproduziert, sie aber nicht mit der Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe in der Weimarer Republik abgleicht? Wo bleiben Frauen als Täterinnen, wenn man sie auf eine Opferrolle festschreibt, und warum ist das auch nur ansatzweise feministisch zu nennen?

Mit der Geschichte der Weimarer Republik, der konkreten Ausgestaltung faschistischer, aber auch sozialistischer Männlichkeit haben die "Männerphantasien" wenig zu tun. Wie Fantasie und Handlung zusammenhängen könnten, kann der Autor nicht erklären. Bedauerlich ist daher die Entscheidung des Verlags, auf ein wissenschaftliches Vorwort zu verzichten, das Theweleits Werk zu den jüngeren historiografischen Entwicklungen hätte in Beziehung setzen können. Die Geschichtswissenschaft ist mit Arbeiten von Sabine Behrenbeck, Sven Reichardt, Sybille Steinbacher und Nicole Kramer (um nur einige wenige zu nennen), längst auf einem anderen Niveau als in den Siebzigerjahren angelangt, sie hat körpergeschichtliche und praxeologische Ansätze aufgenommen.

Dass Klaus Theweleit in der FAZ vom 25. September unwidersprochen behaupten konnte, Historiker kümmerten sich "nicht um die Gefühle der Menschen", bezeugt eher seine Ignoranz gegenüber der Geschichtswissenschaft, als dass es (dank der Arbeiten von Ute Frevert, Monique Scheer oder Jan Plamper und vielen anderen) der Realität des Faches entspräche. So bleibt die Neuauflage ein Relikt aus einer anderen Zeit. Ob es Antworten geben kann auf die heute drängenden Fragen, ist mehr als fraglich. Die Rolle von Frauen in aktuellen rechtsextremen und identitären Bewegungen auf eine Opferrolle zu reduzieren, wäre jedenfalls so falsch wie gefährlich.

Die Historikerin Birte Förster lehrt an der Universität Bremen. 2018 veröffentlichte sie im Reclam Verlag "1919. Ein Kontinent erfindet sich neu".

© SZ vom 27.12.2019
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