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Deutsche Literatur:Durchs wilde Urfustan

In Jochen Schmidts Roman "Ein Auftrag für Otto Kwant" verirrt sich ein deutscher Architekt einer osteuropäischen Diktatur.

Jochen Schmidt: Ein Auftrag für Otto Kwant. Roman. C.H. Beck, München 2019. 350 Seiten, 23 Euro.

Am liebsten wäre Otto Kwant auf seinem ausklappbaren Ikea-Schlafsofa liegen geblieben. Dann hätte er das Vorwort zu "Laube - Kolonie - Heterotopie" Korrektur lesen müssen, wie es sein Job bei einer Architekturzeitschrift erfordert. Damit bestreitet er sein immer noch nicht beendetes Architekturstudium beziehungsweise "die fragile Konstruktion seiner ökonomischen Existenz". Er leidet unter Konzentrationsschwierigkeiten, die ihn auch beim Studieren behindern. Doch haben nicht auch Le Corbusier und Walter Gropius ihr Studium nie abgeschlossen?

Weil es aber "sehr viel Kraft kostet, lieber reglos auszuharren, als sich zu prostituieren", hat er schließlich dem Angebot, in ein schwer angesagtes Berliner Architekturbüro entsandt zu werden, nichts entgegenzusetzen. Otto Kwant ist der Held im neuen Roman von Jochen Schmidt, der sich seit seinem Debüt vor fast zwanzig Jahren als satirisch begnadeter Erzähler ostdeutscher Wirklichkeiten einen Namen gemacht hat. In seiner sympathischen Lebensuntauglichkeit oder vielmehr dauerjuvenilen Leistungshemmung ist Otto Kwant ein typischer Schmidt-Held, dazu geschaffen, gesellschaftliche Absurditäten auszutragen, weil er sich nicht wehren kann. Der Roman erzählt, wie es ihm ganz gegen sein Naturell passieren konnte, den Stararchitekten Holm Löb ins postsowjetische Urfustan zu begleiten und ihm dort beim Bau einer höchst avantgardistischen deutschen Botschaft zu assistieren.

Löb wird ins Krankenhaus eingeliefert und ist rasch aus dem Spiel. Otto Kwant, so ängstlich er auch ist, muss übernehmen und den Besuch beim Diktator Zültan Tantal ganz alleine absolvieren. Dort erhält er persönlich den Auftrag, den neuen "Palast der Demokratie" zu planen, was ihn naturgemäß in Angst und Schrecken versetzt. Von da an entspinnt sich eine wahre Odyssee, in deren Verlauf der unheroische Held in immer schrecklichere Abgründe gerät. Ob er je wieder aus den weiten Steppen der Diktatur nach Hause und auf sein Sofa zurückfinden wird, ist mehr als fraglich.

"Ein Auftrag für Otto Kwant" ist zunächst ein Berlinroman mit genauem Blick für die verschiedenen Szenen und Milieus zwischen Ost und West. Die Perspektive des Architekten, der brutale Verwertungsinteressen und genialischen Künstlerhabitus zu verbinden sucht, eignet sich dafür sehr gut. Architektur, so kommentiert es der allwissende Erzähler, "ist ein Magnet für Egozentriker, die darauf brennen, möglichst viel Fläche dieses Planeten unter Asphalt und Beton verschwinden zu lassen. Dabei ist Bauen in der Regel nur die teuerste Lösung für ein Problem".

Ein bisschen Astana, ein bisschen Sibirien, ein bisschen Orient, viel Irrsinn

Dass Otto Kwant in diesem Gewerbe fremdelt, versteht sich. Zugleich persifliert Schmidt die trendbewusste Geschwätzigkeit und hypertrophe Selbstdarstellungspflicht der Hauptstadtgenies. In diesen Passagen lebt der Roman vom feinen Sinn für Sprechweisen, die Schmidt in ihrer hochgetunten Hohlheit perfekt imitiert.

Doch dann wird aus der Gesellschaftssatire ein Reise- und Abenteuerroman, der sich von der genauen Zeichnung der Wirklichkeit entfernt und zunehmend absurde Züge annimmt. Die Plausibilität des Geschehens ist Schmidt zunehmend egal. Mitgerissen vom Entwurf eines fiktiven Landes, das postsowjetischen Größenwahn und Niedergang exemplarisch vereint, gehen dem Roman Dramaturgie und Balance verloren. Die Beschreibungslust triumphiert. Allzu lange Kapitel muss man mit einer deutschen Seniorengruppe im Reisebus verbringen und deren Gesprächen zuhören, die Schmidt sicher gut getroffen hat - aber so genau will man das gar nicht wissen. Allzu liebevoll werden Gebäude und Straßenzüge ausgemalt.

Es ist, als hätte Jochen Schmidt sich mit dem Roman nur ein Vehikel dafür geschaffen, um alle Erlebnisse seiner zahlreichen Reisen durch Osteuropa und Asien darin unterzubringen. Ein bisschen Astana, ein bisschen Sibirien, ein bisschen Orient, viel Irrsinn, Überwachung, Misstrauen, Korruption, Propaganda, und natürlich ist man in Urfustan stolz aufs Erreichte, auf die Demokratie, die Hochhäuser, die halbfertige U-Bahn und vor allem darauf, nicht in Baristan leben zu müssen, dem unterdrückerischen Nachbarstaat, wo man die Sache allerdings genau umgekehrt sieht.

Dass der Roman, der mitreißend beginnt, gegen Ende ein wenig verplätschert, hat nicht nur mit der Überfülle und der Unwahrscheinlichkeit der Handlung zu tun. Man muss es hinnehmen, dass Otto Kwant erst zum Vertrauten des Diktators wird, dann aber sehr tief stürzt. Beides ist nicht recht glaubwürdig. Warum er Monate im Knast verbringt, um eines Tages einfach durch die offenen Türen nach draußen zu marschieren, erschließt sich ebenso wenig wie die plötzlich nicht mehr funktionierende Überwachungsallgegenwart.

Die Langeweile, die sich schließlich inmitten des Abenteuers und trotz der reichlich ausgestreuten Pointen einstellt, hat damit zu tun, dass der Held selber so gar keine Entwicklung durchläuft. Er ist nur ein Erlebnisträger, bleibt das ewige Kind, ein Ahnungsloser, ein Spieler, der von Situation zu Situation nach einem Ausweg sucht, ohne dabei schlauer zu werden. Am Ende hat man das Gefühl, auch Jochen Schmidt habe das Interesse an seiner Figur verloren. Und so lässt er ihn zurück wie einen an einer Autobahnraststätte ausgesetzten Hund, irgendwo im Niemandsland, mit schwindender Kraft und einer Obstfliege als letzter Begleiterin.