Ein Aufsatz Stummes Urteil

Auch wenn man nichts tut, kann das schon eine politische Handlung sein: Eine kleine Geschichte des ausbleibenden Beifalls.

Von Johan Schloemann

Schweigen heißt Zustimmung, heißt es oft. Sprichwörtlich wurde die lateinische Sentenz "Cum tacent, clamant" - "Indem sie schweigen, rufen sie laut" -, die aus Ciceros erster Rede gegen den Verschwörer Catilina stammt. Aber wer einmal ein Publikum erlebt hat, das nicht klatschen, jubeln oder lachen will, wo dies eigentlich beabsichtigt war, weiß, dass kollektives Schweigen auch ganz anders gemeint sein kann: als grausame, kühle Ablehnung.

Philosophen haben sich schon immer gerne mit Negativität beschäftigt, mit dem metaphysischen Problem des Nichts etwa, oder auch mit der Deutung des "Ich möchte lieber nicht" des Schreibgehilfen Bartleby in einer Kurzgeschichte von Herman Melville. Und Juristen betrachten das Nichtstun in bestimmten Fällen als Straftat. Zuletzt aber scheinen sich die Geisteswissenschaften überhaupt stärker für das Unterbleiben von Aktivitäten zu interessieren. Für Forschungsbeiträge, die "Performanzen des Nichtstuns" oder "Ökonomien der Zurückhaltung" heißen, gibt es ja auch Anknüpfungspunkte in der Gegenwart: zum Beispiel immer mehr Bürger, die nicht zur Wahl gehen; Menschen, die nicht (mehr) bei Twitter oder Facebook teilnehmen oder sich an anderen Formen des Konsumboykotts beteiligen; oder Politiker, die wie Christian Lindner sagen: "Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren."

Zu diversen Studien in dieser Richtung tritt nun eine neue Aufsatzsammlung mit dem Titel "Zwischen Handeln und Nichthandeln. Unterlassungspraktiken in der europäischen Moderne" (Campus Verlag, Frankfurt/New York 2019, 322 Seiten, 39,95 Euro). Der Herausgeber des Bandes, der Freiburger Historiker Theo Jung, hat dazu eine kleine Geschichte des ausbleibenden Beifalls als eines politischen Aktes beigetragen.

Für einen Monarchen gehörte nämlich traditionell die Akklamation, also die akustische Bestätigung durch Hofleute, Klerus und jubelnde Volksmengen, zu seiner rituell hergestellten Legitimität. Eine klassische Studie dazu hat Ernst Kantorowicz geschrieben ("Laudes Regiae"). Um so frappanter musste es wirken, wenn der Applaus und die Vivat-Rufe ausblieben. Während und nach der Französischen Revolution kam es in Frankreich zu mehreren solcher prekären Situationen. Als nach dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 der König ankündigte, sich an die Nationalversammlung zu wenden, debattierte diese darüber, ob man ihn mit Buh-Rufen oder wie üblich mit Applaus empfangen solle. Man einigte sich aufs Schweigen.

Das Schweigen des Volkes ist die Lektion für die Könige, sagt ein französisches Sprichwort

Doch selten war die Akklamationsverweigerung so genau geplant. Einige Monate vor der Juli-Revolution von 1830, am Tag vor der Parlamentseröffnung, zog in Paris König Karl X. von seinem Palast zur traditionellen Messe in der Kathedrale Notre-Dame, die nach ihrem Brand gerade aller Welt vor Augen steht. Doch das Volk, das damals seinen Weg säumte, jubelte dem Herrscher nicht zu, wie es Sitte war, sondern es klapperten nur die Pferdehufe in der Stille. Im Rückblick war dieser peinliche Moment ein Vorbote des neuerlichen Sturzes der wiederhergestellten Monarchie. Aber auch schon Napoleon, der eigentlich Jubel gewohnt war, hatte zuvor auf den Straßen von Paris Ähnliches erlebt, als er 1815 nach der Flucht aus dem Exil auf Elba zum letzten Mal in die Arena trat.

In Frankreich verbreitete sich daher der Spruch "La silence du peuple est la leçon des rois" ("Das Schweigen des Volkes ist die Lektion für die Könige"). Stille, wo Beifall erwartet wird, ist eine eigene Form des politischen Handelns: "Für jeden einzelnen Akteur", schreibt Theo Jung, "bedeutete das die Überwindung der Neigung, in die üblichen Muster zurückzufallen." Und auch wenn sich medial und politisch heute viel verändert hat: Nach wie vor sind demokratische Politiker ebenso wie autoritäre Staatsführer auf mitunter riskante Auftritte vor dem Volk angewiesen - und sie engagieren nicht selten Claqueure, damit es nicht zu peinlichem Schweigen kommt.