Ein Aufsatz Normalarbeit

Das Wort "Normalarbeits­verhältnis" wurde in den Achtzigern geprägt. Heute scheint es eher einer vergangenen Normalität anzugehören. Wie begann der Siegeszug der "informellen Arbeit"?

Von Thomas Steinfeld

Die politische Soziologie kennt das Wort vom "Normalarbeitsverhältnis". Es wurde in den späten Achtzigern geprägt, und man weiß, was dazu gehört: eine vertraglich geregelte Beschäftigung, die einen großen Teil des wachen Lebens beansprucht und auf Dauer angelegt ist, ein Chef, der dem Arbeiter sagt, was zu tun sei, eine soziale Absicherung und ein festes, auf mehr als auf die schlichte Reproduktion der Arbeitskraft gerichtetes Gehalt. Der Zeitpunkt, zu dem dieses Monstrum von Wort in die Welt trat, ist bedeutsam. Denn er markiert in den westlichen Ländern den empirischen Höhepunkt der so geregelten Arbeit. Seitdem sind immer weniger Menschen auf diese Weise beschäftigt.

Das Gegenteil des "Normalarbeitsverhältnisses" schien damals in jenen Ländern zu Hause zu sein, die man der "Dritten Welt" zurechnete: die "informelle Arbeit". Zu den damit Beschäftigten gehörten nicht nur die Straßenverkäufer, die Schuhputzer, die Hausierer, die Rikscha-Fahrer und die Prostituierten, sondern auch die Gelegenheitsarbeiter und viele Kleingewerbetreibende. In einem Aufsatz für die Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft" (43. Jahrgang/Heft 2, April bis Juni 2017, Vandenhoeck & Ruprecht) legt nun die Göttinger Soziologin Nicole Mayer-Ahuja dar, wie die "informelle Arbeit" die Grenzen sprengte, die sie damals einzuhegen schienen: "Sie hat längst den ,Globalen Norden' erreicht; sie nimmt beständig zu, statt im Zuge einer weltweiten ,Modernisierung' zurückzugehen". Was vor vier, fünf Jahrzehnte als Residuum vorkapitalistischer Verhältnisse wahrgenommen wurde, etablierte sich entgegen den Erwartungen als gängige Praxis in den industrialisierten Ländern des Westens, etwa in Gestalt von Leiharbeit, von Werkverträgen oder von Alleinselbständigkeit, von saisonaler Arbeit und von Arbeiten mit geringem Stundenvolumen. Dabei zeichnet sich die "informelle Arbeit" durch dieselben Merkmale aus, die sie auch in ihrer vermeintlich ursprünglichen Heimat charakterisierten, nämlich etwa durch Löhne, die unter den Reproduktionskosten des Arbeiters bleiben, durch rechtliche Unsicherheit oder durch die Abwesenheit kollegialer Strukturen.

Die Zahl der sozialversichert Teilzeitbeschäftigten in Deutschland (unter zwanzig Wochenstunden) stieg von 2,6 Millionen Menschen im Jahr 1991 auf 4,8 Millionen im Jahr 2014; die Zahl der geringfügig Beschäftigten von 654 000 auf 2,3 Millionen. Zugleich gilt für geregelte und stabile Arbeitsverhältnisse ein deutlich geringer gewordenes Maß an sozialer Absicherung. Entscheidend für diese Entwicklung - und damit für die formale Angleichung der Arbeitsverhältnisse zwischen dem "Globalen Süden" und dem Norden - waren dabei vor allem die Privatisierung staatlicher Unternehmen seit den frühen Neunzigern und (vor allem in Deutschland) ein Abbau der sozialen Sicherungen, wie sie in den Jahren 2003 bis 2005 in den nach dem ehemaligen VW-Manager Peter Hartz benannten Gesetzen kulminierte.

Frauen und Migranten waren nie selbstverständlicher Teil einer Welt, für die das "Normalarbeitsverhältnis" galt. Das Wort spricht insofern von vornherein von einer Illusion, davon nämlich, dass die geregelte Anstellung eine Normalität darstellt. Diese Illusion wirkt nun umso größer, als sich die zwei, drei Jahrzehnte, in denen die Vorstellung einer so geregelten Arbeit gesellschaftlicher Konsens gewesen sein soll, als Ausnahme darstellen - mit der Einschränkung indessen, dass sich der Arbeitsmarkt zunehmend teilt, in eine Sphäre mit geregelten Arbeitsverhältnissen in der Mitte und einer wachsenden Peripherie der Unsicherheit.