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Ein Aufsatz:Knopf und Weste

Früh schon wurde der Berliner Schriftsteller Georg Hermann als "jüdischer Fontane" rubriziert. Rudolf Muhs erhellt Hermanns Selbstbild.

Von Lothar Müller

Uhrenketten zum Beispiel. Bestickte Blusen. Oder Hemdknöpfe. Was wären die Romane und Erzählungen des "bürgerlichen Realismus" ohne den Fundus der Kleidungsstücke? Theodor Fontane bescheinigte Vorbildern wie Charles Dickens und William Makepeace Thackeray, bei ihnen werde "der letzte Knopf am Rock und die verborgenste Empfindung des Herzens" mit gleicher Treue wiedergegeben. Der Schriftsteller Georg Hermann, 1871 in Berlin geboren, hat seine ersten Bücher im Verlag Friedrich Fontane & Co., beim Sohn Theodor Fontanes, veröffentlicht. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der alte Fontane Hermanns Romanerstling "Spielkinder", der 1897 erschien, noch durchblättert hat.

Dass Georg Hermann schon zu Lebzeiten als "der jüdische Fontane" rubriziert wurde, verdankte er seinen Erfolgsromanen "Jettchen Gebert" (1906) und "Henriette Jacoby" (1908), in denen er die Geschichte einer jüdischen Familie im Berliner Biedermeier erzählte und dem Prinzip folgte, den kleinsten Knöpfen und den verborgensten Empfindungen die gleiche Aufmerksamkeit zuzuwenden und das eine im anderen sichtbar zu machen. Hermann hat eine Vielzahl von Romanen mit jüdischen Hauptfiguren publiziert, seine Gesamtauflage bis 1933 umfasste etwa eine halbe Million Bücher. Im März 1933 ging er ins niederländische Exil, wurde von den deutschen Besatzern 1943 nach Auschwitz deportiert und dort im November 1943 ermordet.

Gershom Scholem vermisste das Interesse an der nationalen Wiedergeburt des Judentums

In einem sehr lesenswerten Aufsatz, der Hermanns Verhältnis zu Theodor Fontane, sein Selbstbild als Jude und seine jüdischen und antisemitischen Leser ins Auge fasst, erinnert jetzt Rudolf Muhs an den nach 1945 weitgehend in Vergessenheit geratenen Schriftsteller ("Der ,jüdische Fontane'", in: Fontane-Blätter, 109, 2020). Hermann besaß Max Liebermanns Lithographie des alten Fontane und sammelte Fontane-Autographen. Er hatte Anteil an der Fontane-Verehrung im bürgerlich-jüdischen Lesepublikum, die sich gegenüber den Versuchen als resistent erwies, die despektierlichen Äußerungen Fontanes über Juden im Sinne des nationalsozialistischen Antisemitismus zu deuten. Interessanter als die antisemitische Kritik an Georg Hermann ist das Unbehagen junger Zionisten an seinen jüdischen Figuren. Ein markantes Beispiel hierfür ist Gershom Scholem, der 1923 nach Palästina auswanderte, dort zum Erforscher der jüdischen Kabbala wurde und früh an den Romanen Hermanns das mangelnde Interesse an der nationalen Wiedergeburt des Judentums bemängelte. Scholem traf damit ex negativo ins Zentrum der Selbstdeutung Georg Hermanns als deutscher Jude.

"Die Weste unter dem Rock des anständigen Europäers" sei sein Judentum für ihn stets gewesen, schrieb Georg Hermann 1935. Das assimilierte europäische Judentum legt in diesem Bild aus dem Kleiderfundus sein Judentum nicht ab, trägt es lediglich unter dem Anzug des deutschen Staatsbürgers. Unsichtbar, als Negativfolie ist in diesem Bild der Kaftan der Ostjuden enthalten. Muhs zeigt eindringlich, wie bei Georg Hermann die Absage an den Zionismus als "Zurückdrehen der Uhr um Jahrhunderte für den europäisierten Juden" und seine schon im "Jettchen Gebert" enthaltene Abwehr des Ostjudentums zusammenhängen. Noch 1937 hielt er in seinem Essay "Eine Lanze für die Westjuden" an seinem Selbstbild fest. Da hatte aber der Antisemitismus an der Macht die Lanze längst gebrochen, den Juden ihre Anzüge genommen und an die Westen den Judenstern geheftet.

© SZ vom 01.08.2020

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