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Ein Aufsatz:Fünf Wörter

Raul Hilberg, der Autor des Standardwerks "Die Vernichtung der europäischen Juden", ist mittlerweile selbst Gegenstand der Forschung. In einem Sammelband analysiert Nicolas Berg seine lakonische Sprache.

Von Thomas Meyer

Leben und Werk des 1926 in Wien geborenen und 2007 in den USA verstorbenen Historikers Raul Hilberg sind seit Jahren Gegenstand zahlreicher Forschungen. Im Mittelpunkt steht dabei zumeist sein Standardwerk "Die Vernichtung der europäischen Juden", das 1961 in den USA und erst 31 Jahre später auf Deutsch erschien. Ein von dem Potsdamer Historiker René Schlott herausgegebener Sammelband (Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie, Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 288 S., 20 Euro) erweitert nun die Perspektive auf den stets streitbaren Hilberg. Etwa wenn sein Verhältnis zur frühen Holocaust-Forschung (Elisabeth Gallas), zu Hannah Arendt (Anna Corsten) oder seinem Lehrer, dem Politologen Franz Neumann (Alfons Söllner) analysiert wird.

Insbesondere Nicolas Bergs Analyse von Hilbergs Sprache geht weiter über den eigentlichen Gegenstand hinaus. Der am Leipziger Simon-Dubnow-Institut lehrende Historiker macht auf die Lakonie als Stilmittel in Hilbergs Schriften aufmerksam und liefert zugleich einen gewichtigen Beitrag zur Rolle von Rhetorik in politischen Auseinandersetzungen. Es ist in der Tat nur schwer auszuhalten, wenn Hilberg etwa über die Reichsbahn während der Zeit der Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager schreibt: "Die Verkehrsabteilung war kundenorientiert". Oder wenn er darauf hinweist, dass "Fahrten für Kinder unter vier Jahren kostenlos" waren. Berg erinnert zudem an den Moment, da Hilberg in Claude Lanzmanns Film "Shoah" (1985) ein Dokument aus der Fahrplananordnung 587 vorliest, um nach sorgfältigen Erläuterungen der verwendeten Abkürzungen zu schließen: "Nichts Auffallendes, ein ganz normaler Verkehr."

Es mag leichtfallen, darin in Zeiten, wo so mancher glaubt, die Benutzung des Wortes "Entartung" mit dem Hinweis auf dessen Verwendung in der Biologie rechtfertigen zu können, bloß noch Sarkasmus zu entdecken. Tatsächlich aber handelt es sich bei Hilbergs Formulierungen um Verdichtungen, die noch im Ungeheuerlichen der Tat deren perfide Genauigkeit und Klarheit offenlegen.

Folgt man Hilberg mit Nicolas Berg, dann wird ein Weg sichtbar, auf den der Analytiker der Täterdokumente seine Leser mittels seiner Fünf-Wörter-Sätze lenkt. Es ist der Weg der ungeheuren Dynamik, welche die Kriege und Vernichtungsfeldzüge der deutschen Truppen seit dem 1. September 1939 auslösten. Ganz so, als ginge es nach dem ersten Schuss auf eine Beschleunigungsbahn, die dank ebenso knapper wie genauer Anweisungen sich immer tiefer in das Leben von immer mehr Menschen hineinbohrt und die nichts als Mord und Totschlag transportiert.

Das mag suggestiv klingen, zumal Vorstellungen von Dynamik gerne mit unausweichlicher Zielstrebigkeit verbunden werden. Die Dynamik hingegen, die Hilberg mittels der Lakonie inszeniert, ist eine andere. Es ist die Dynamik zwischen den sprachlichen Räumen, die durch die Verknappungen eröffnet werden, und den historischen Abläufen.

Doch dabei bleibt Berg nicht stehen. Denn die Sprache des Dritten Reichs war den Ereignissen immer ein Stück voraus, ganz so, als bereiteten die im lakonischen Stil der Bürokratie abgefassten Dokumente die Taten vor, ja, schufen sie gleichsam, um dann "nur noch" ausgeführt werden zu müssen. Und die Sprache ebnete pervers erfolgreich die bekannten Konflikte in den zahllosen Organisationen ein, die an der Vernichtung der europäischen Juden beteiligt waren. Hilberg "interessiert sich nicht für die Anarchie, sondern für die Energie, definierte Ziele auch unter den irrwitzigsten Bedingungen zu erreichen."

Nicolas Bergs Analyse der Lakonie in Hilbergs Werk führt auf ein maschinell betriebenes System namens Nationalsozialismus hin, das sich mithilfe der deutschen Sprache ein Regelwerk, eine eigene Grammatik gegeben hat. Man muss gar nicht aufs Monströse direkt verweisen, es reicht völlig, an die Benutzung von Wörtern zu erinnern, die den Übergang von Ideen zu Taten markieren.

© SZ vom 28.10.2019
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