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Eichborn-Verlag: Insolvenzantrag:Verlorenes Profil

Sein Geld verdiente der aus der Frankfurter Sponti-Szene hervorgegangene Verlag zuletzt mit massentauglichen Humor-Titeln wie den Büchern des Cartoonisten Walter Moers. Nun hat Eichborn überraschend Insolvenz angemeldet.

Noch am Vortag hieß es, der ursprünglich für den 1. Juli geplante Umzug nach Berlin sei zwar geplatzt, vorläufig aber nur auf Eis gelegt. Jetzt droht dem Frankfurter Eichborn Verlag das Aus, nachdem der Vorstand der Eichborn AG überraschend beim Amtsgericht Frankfurt am Main Insolvenzantrag wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt hat. Nach eigenen Angaben war dieser Schritt dadurch notwendig geworden, dass die Gesellschaft die erforderliche Sanierung nicht aus eigener Kraft bewältigen kann und Versuche, einen Investor zu finden, erfolglos geblieben sind.

Eichborn-Verlag meldet Insolvenz an

Der Eichborn Verlag könne die erforderliche Sanierung nicht aus eigener Kraft finanzieren, teilte das Unternehmen am Donnerstag in Frankfurt mit.

(Foto: dapd)

Wirtschaftlich angeschlagen ist der 1980 gegründete Verlag, in dessen zunehmend konturlosem Programm die früher von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene "Andere Bibliothek" als stolzes Flaggschiff figuriert, schon lange. Einen Neubeginn hatte man sich von der Fusion mit dem Berliner Aufbau-Verlag Anfang des Jahres und einem rigorosen Sanierungsplan erhofft - allen 48 Frankfurter Eichborn-Mitarbeitern war im Zuge des geplanten Wechsels nach Berlin gekündigt worden.

Profitabel war freilich auch die hochrenommierte Andere Bibliothek nie gewesen, die von 1992 an bei Eichborn verlegt wurde. Sein Geld verdiente der aus der Frankfurter Sponti-Szene hervorgegangene Verlag überwiegend mit massentauglichen Humor-Titeln wie den Büchern des Cartoonisten Walter Moers.

Mit dem Ausscheiden des Gründungsverlegers Vito von Eichborn, der 1995 seine Anteile an den bisherigen Miteigentümer Matthias Kierzek übergeben hatte, begann der Niedergang des Hauses Eichborn, dem eine starke Verlegerpersönlichkeit fehlte, um dem Programm verlorenes Profil zurückzugeben. Als fatal erwies sich darüber hinaus der Börsengang im Jahr 2000, da der Verlag dadurch zum Spielball der Aktionäre und ihrer außerverlegerischen Interessen wurde.

Branchengerüchten zufolge hat sich Aufbau-Verleger Matthias Koch, der die Mehrheit der Eichborn-Anteile übernommen hatte, mittlerweile mit einem anderen Investor zusammengetan, den die Eichborn-Pläne nicht überzeugen. Koch hält 75 Prozent des Aktienpakets und sollte dem siechen Unternehmen neuen verlegerischen Elan einhauchen. Im Zuge des Zusammengehens war jedoch aus der friedlichen Übernahme offenbar Gegnerschaft geworden.

Alles weitere liegt nun in den Händen des vorläufigen Insolvenzverwalters Holger Lessing. In einer ersten Mitarbeiterversammlung am Nachmittag sagte er zu, den Geschäftsbetrieb mit dem Ziel einer übertragenden Sanierung aufrechtzuerhalten. Vorstand, Betriebsrat und Mitarbeiter wollen den Insolvenzverwalter unterstützen, da sie nach wie vor davon überzeugt sind, dass der Verlag nach erfolgter Sanierung gute Chancen auf dem Markt hat.

© SZ vom 17.06.2011/rus
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