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Ehrung:Meister der Möglichkeitsketten

Herbert Kapfer hat für sein Buch "1919" Textfragmente aus jener bewegten Zeit virtuos neu zusammengesetzt. Der Autor und ehemalige BR-Hörspielchef wird dafür an diesem Dienstag mit dem Münchner Tukan-Preis ausgezeichnet

Von Antje Weber

Wer hier schreibt, hat den Überblick. Der Arbeitstisch von Herbert Kapfer steht am Fenster, im vierten Stockwerk eines Wohnhauses im oberen Teil der Au. Hier können Blick und Geist weit schweifen - oder am nahen Detail hängen bleiben: Gleich gegenüber wird derzeit ein hohes Bürogebäude abgerissen. "Dekonstruktion", sagt Herbert Kapfer, mit feinem Lächeln.

Er könnte jetzt mit Zitaten Robert Musils fortfahren - tut er aber nicht -, die er in seinem Essay "Die Gedanken zeigen" aufgegriffen hat: "Die Zersetzung erscheint als nur scheinbar, denn wenn sich die Bindungen zersetzen, so werden die Möglichkeiten frei." Wo Verbindungen zerstört werden, will das heißen, wo nach einem Abriss kein Stein mehr auf dem anderen steht, da lassen sich die losen Steine als "kombinierte Bruchstücke einer Möglichkeitskette" neu zusammensetzen.

Herbert Kapfer ist ein Meister im Kombinieren von Möglichkeitsketten. Nicht nur, weil er sich neben vielem anderen intensiv mit Musils "Mann ohne Eigenschaften" beschäftigt hat, woraus ein fast 700 Seiten dicker "Remix"-Band entstanden ist, über dessen "intermedialen Erkenntnisprozess" er in einem kongenial fragmentierten Text nachgedacht hat. Sondern auch, weil den experimentierfreudigen ehemaligen BR-Hörspielchef - so wie auch den Montage-Meister Alexander Kluge - das Thema Zitat und Montage seit Jahrzehnten umtreibt. Für ein besonders geglücktes Ergebnis des Dekonstruierens, des Neuzusammensetzens wird Kapfer an diesem Dienstag ausgezeichnet: Der 65-jährige Autor erhält für sein Buch "1919" (Kunstmann Verlag) den Tukan-Preis der Stadt München.

Aber ist Kapfer wirklich der Autor? "In diesem Buch ist nichts von seinem Verfasser, kein Wort", hat es die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem Essay auf den Punkt gebracht, "und gleichzeitig alles. Es wäre nicht hier, hätte er es nicht geholt. Alles Zitate. Über tausend Montagepartikel, daraus besteht der Text." Kapfer hat für seine "Fiktion" viele bekannte und unbekannte Texte aus den Jahren 1918 bis 1938 zerschnitten und neu arrangiert; Romane von Sophie Hoechstetter, Oskar Maria Graf oder Joseph Delmont, ein Lustspiel von Karl Polenske, bittere Erinnerungen von Richard Huelsenbeck, Glossen aus der Zeitschrift Der Bücherwurm, angereichert mit pseudo-authentischen Fotos der Zeit. Er hat die Fragmente so virtuos zusammengesetzt, dass eine Art Symphonie in schriller Dissonanz entstanden ist - Szenen der Selbstversenkung der deutschen Flotte in Scapa Flow stehen neben Alltagssplittern einer Zeit der Anarchie, der Agitationen, der vielfältigen Grausamkeiten; Gewalt, so viel Gewalt, der man als Leser irritiert, erschüttert folgt. Es ist ein "ungeheuerliches Buch", um noch einmal Jelinek zu zitieren: "Ich verstehe nicht, wie sich dieses gigantische, ungeheure und teilweise ungeheuerliche Material überblicken lassen kann. Ich weiß nicht, wie man sowas aufschreiben kann, aber da ist es nun".

Ja, da ist es nun, auch wenn Kapfer, nach all den vergangenen Schlachtbeschreibungen nun gelassen in seinem Wohnzimmer sitzend, tatsächlich manche Mühe hatte, "das Material zu bewältigen". Jeden zweiten Tag ein "Absturz", bei dem er dachte, das gehe ja alles gar nicht, dann wieder ein neuer Materialfund, "der treibt einen hoch". Buch um Buch zieht Kapfer aus den fast raumhohen Regalen, teils antiquarische Raritäten längst vergessener Autoren, die er nochmals abgetippt hat, "Buchstabe für Buchstabe", als eine "Form von Aneignung". Anders gesagt, mit dem Titel einer expressionistischen Anthologie, die Kapfer jetzt hervorholt: "Ich schneide die Zeit aus".

Das Aus- und Abschneiden, die Schnitte überhaupt sind wichtig, will man Herbert Kapfer verstehen. "Ich mache gerne richtige Schnitte in meinem Leben", hat er gleich zu Anfang des Gesprächs gesagt, das gebe einem eine "gewisse Frische"; und wäre man selbst ein wenig frischer, man hätte gleich gewusst, dass dies auch Selbstzitat ist: "Harte Schnitte, ungezähmte Worte, Stimmen hört jeder" hieß eines von Kapfers frühen Hörspielen 1991. Ob es wirklich möglich ist, jede Stimme zu hören, die bei diesem umfassend beschlagenen Intellektuellen mitschwingt? Das Spiel mit mehreren Ebenen beherrscht er bestens, und natürlich komponiert er auch eine Text-Collage wie "1919" streng bis ins Detail hinein. Übrigens gibt es einen frühen Vorläufer, eine "Klammer" für dieses Werk: "Umsturz in München. Schriftsteller erzählen die Räterepublik", 1988 von Kapfer und Carl-Ludwig Reichert erstellt. Schnitt!

Aus welchen Prägungen heraus interessiert sich jemand für diese ferne Zeit so sehr, dass er Buch um Buch vorlegt, für das er jeweils enorme Mengen an Archivmaterial bewegt? Denn Kapfer hat ja noch mehr dicke Werke herausgegeben, zum Dadaisten Huelsenbeck etwa, zum Avantgarde-Verleger Franz Pfemfert; er hat für zwei "Verborgene Chroniken" gemeinsam mit Lisbeth Exner Tagebücher aus dem Ersten Weltkrieg ausgewertet. Nur folgerichtig wirkt es auch, dass er jahrelang das Radio- und Internetprojekt "Die Quellen sprechen" koordiniert hat, das Zeitzeugenberichte zur Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten dokumentiert.

Ein paar Bruchstücke immerhin, die tiefere Motivation Kapfers erklärend, lassen sich an diesem Nachmittag sammeln. Sie haben mit dem Schutt einer Nachkriegskindheit in Ingolstadt zu tun, wo noch Anfang der Sechzigerjahre Häuser in Ruinen lagen, Kriegsversehrte durch die Straßen liefen. Wo es einen Onkel gab, der auf Waldspaziergängen vom großen Abenteuer Russlandfeldzug schwärmte; Wald sei für ihn seither "militärisches Gelände", sagt Kapfer. Und er erzählt vom Schockerlebnis als Siebenjähriger, als er im Radio vom Eichmann-Prozess hörte, der ihm "wie ein böses Märchen" erschien. All die "geschichtlichen Eindrücke, die einen angeweht haben", all die Fragen, sie münden in Kapfers Versuche, "etwas zu verstehen, was man nicht verstehen kann: das 20. Jahrhundert überhaupt". Es geht um nichts anderes als darum, "zu verstehen, woher man kommt".

Dazu gehören auch Erfahrungen wie die von 15 Monaten Bundeswehr bei den Gebirgsjägern, weil Kapfer als Kriegsverweigerer nicht anerkannt wurde. Gehörten "Einschüchterung, Befehl und Gehorsam", wie er sich erinnert. Im "Bau" saß er damals auch mal, und er fand das angemessen, konsequent: Es habe ihm geholfen, seine "Haltung zu stützen", sei eine gute Schule des Lebens gewesen, auch in Sachen "Autonomie". Der letzte Satz des Buches "1919" übrigens, ein nach wenigen Zeilen abgebrochenes Zitat von Heiner Müller, lautet: "Sie gehorchten."

Herbert Kapfer hat unterschiedlichste Splitter aneinandermontiert, um das Jahr 1919 in all seiner Zerrissenheit zu erfassen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Als umso glücklicher bewertet Kapfer den Umstand, dass er in seiner Jugend in die Pop-Revolution hineinwachsen durfte, Bücher wie Hans Magnus Enzensbergers "Der kurze Sommer der Anarchie" von 1972 verschlang, neben Karl Kraus, Ernst Jandl oder Oswald Wiener, der ihn "Formenoffenheit" lehrte. Kapfer wollte dann selbst Autor werden. Und ist es geworden, wenn auch auf etwas verzweigteren Pfaden als jenen, die ihm als Zwanzigjährigem vorschwebten, als er mit einer historischen Fiktion namens "Die Ruhe vor dem Sturm auf die Bastille" und einem preisgekrönten Theaterstück literarische Hoffnungen nährte.

Er entschied sich statt dessen - Schnitt! - für das Radio, für drei intermedial erkenntnisorientierte Jahrzehnte. An Zwangsläufigkeiten glaubt Herbert Kapfer jedenfalls nicht, auch nicht in der Geschichte. In seinem Buch "1919" wolle er miterzählen, so sagt er, "dass Menschen immer Möglichkeiten haben", dass sie "selber etwas gestalten und entscheiden können, dass sie gehorchen können oder etwas verweigern". Er will erzählen, dass es keine "Schicksalhaftigkeit" gibt, in die der Einzelne hineingepresst wird, weil schon Generationen vor ihm da hineingepresst wurden, so als gäbe es keine "Möglichkeit des Entrinnens".

Dazu passt, dass jemand wie er natürlich einen "eigenständigen, freien Leser" fordert, der "nicht blind vertraut". Denn auch die dargebotenen Fakten und Figuren in "1919" sind fragwürdig, ob fiktiv oder nicht, die Quellen unterschiedlich ideologisch gefärbt. "Ich muss als Leser immer auf der Hut sein", sagt Kapfer. Umso mehr, als seine Textsymphonie nicht nur auf den Kopf zielt, sondern auch den Bauch. Wie heißt es doch bei Musil: "Tiefere Einbettung des Denkens in Gefühlssphäre". Genau darum geht es auch Herbert Kapfer, spürbar.

Tukan-Preis-Verleihung an Herbert Kapfer, Dienstag, 17. Dezember, 19 Uhr, Literaturhaus

© SZ vom 17.12.2019

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