Ehemaliger US-Soldat über Folter "Du sagst dir: Jeder macht es"

Der Schandfleck Amerikas: Das irakische Gefängnis von Abu Ghraib, in dem systematisch gefoltert wurde.

(Foto: Reuters)

Der Amerikaner Eric Fair hat in Abu Ghraib Gefangene gefoltert - und ein Buch darüber geschrieben. Ein Gespräch über untilgbare Schuld und die Sinnlosigkeit gewaltsamer Verhöre.

Interview von Matthias Fiedler

Eric Fair, 44, sitzt auf einer Couch in einem Hotel in Manhattan, New York. Kariertes Hemd, Lederhalbschuhe, das Haar akkurat gescheitelt. Fair hat 2004 für die US-Regierung im irakischen Gefängnis Abu Ghraib Menschen gefoltert und wollte sich später das Leben nehmen. Heute fürchtet er, dass der designierte US-Präsident Donald Trump noch viel schlimmere Praktiken billigt.

SZ: Mr. Fair, der künftige US-Präsident Donald Trump hält Folter für ein probates Mittel, um aus Terroristen Informationen zu pressen. Was halten Sie davon?

Eric Fair: Es ist erschreckend, dass unser nächster Präsident Folter als Verhörmethode überhaupt in Betracht zieht. Es ist die abscheulichste Form, jemanden gegen seinen Willen zum Reden zu bringen, und verstößt gegen alle Menschenrechte.

Einer aktuellen Studie des Roten Kreuzes zufolge befürwortet fast die Hälfte aller befragten Amerikaner Folter als Mittel gegen feindliche Kämpfer. Haben die Kriege im Irak und in Afghanistan Ihre Landsleute verrohen lassen?

Die Amerikaner sind der Außenpolitik gegenüber gleichgültiger geworden, gerade was die Kriege im Irak und in Afghanistan betrifft. Es kümmert sie nicht, wie mit den Menschen dort umgegangen wird. Für ein Land, das der Welt ein Vorbild sein will, ist das ein Armutszeugnis.

Sie haben im Auftrag der US-Regierung im irakischen Militärgefängnis Abu Ghraib monatelang Gefangene mit stark umstrittenen Methoden verhört. Hat das dem Krieg genützt?

Der Erkenntnisgewinn war gleich null. Nur ein einziges Mal erzählte mir ein Iraker detailliert, wo Waffen versteckt sind, welcher Mechaniker Autobomben baut und wer US-Helikopter vom Himmel schießt. Aber diese Informationen bekam ich nicht durch Folter. Sondern weil ich dem Mann Kuchen und Cola anbot.

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Trotzdem haben Sie mit Verhörtechniken gearbeitet, die man als Folter bezeichnen muss.

Das ist richtig. Während meiner Militärausbildung hatte man uns beigebracht, dass diese Vernehmungspraxis über kurz oder lang erfolgreich ist. Eine Anleitung, wie wir Gefangene zu befragen hatten, gab es im Irak aber gar nicht. Jeder musste seinen eigenen Weg finden.

Wie lief ein Verhör in der Regel ab?

In Abu Ghraib saß der Gefangene in Handschellen in einer fensterlosen Sperrholz-Kabine auf einem Plastikstuhl. Wenn er nicht still saß, fixierten wir seine Fußgelenke mit Kabelbindern an den hinteren Stuhlbeinen. Ich fragte auf Arabisch nach dem militärischen Rang, Familienangehörigen, wo er Sprengfallen bunkert, ob er gegen Amerikaner gekämpft hatte.

Was taten Sie, wenn Gefangene nicht redeten?

Die Anweisung meiner Vorgesetzten lautete: "Seid kreativ, kocht sie weich."

Wie haben Sie denn Gefangene "weichgekocht"?

Ich zwang sie zum Beispiel, mit zur Seite ausgereckten Armen schwere Bücher zu halten. Ich ließ sie Liegestütze machen, bis ihre Muskeln versagten. Ich kettete sie mit einem Sack über dem Kopf stundenlang an einem Stahlhaken im Boden an. Ich schubste sie gegen Wände, warf Plastikstühle durch den Raum, brüllte, versuchte sie einzuschüchtern.

Wie reagierten die Gefangenen?

Viele begannen zu weinen. Sie bettelten, nach Hause zu dürfen. Manchmal sahen sie keinen besseren Ausweg, als zu lügen.

Die Fotos aus Abu Ghraib, die um die Welt gingen, zeigen nackte, gefesselte Männer, die von Hunden bedroht oder zum Schein hingerichtet werden. Gehörte das auch zu Ihren Verhörmethoden?

Nein. So etwas haben sie nur in der sogenannten "Hard Site" von Abu Ghraib gemacht, ein zweistöckiger Gefängnistrakt, in dem Gefangene inhaftiert waren, die aufgrund ihres Wissen als "besonders wertvoll" galten. Die Insassen dort wurden nicht über ein paar Stunden, sondern über Wochen verhört und immer wieder mit dröhnender Musik beschallt.

Aber gingen Sie denn, wenn man das überhaupt sagen kann, humaner mit den Menschen um?

Nichts von alledem war human. Kollegen im US-Camp in Falludscha schnallten Iraker mit verbundenen Augen auf einen kleinen Holzhocker. Der Gefangene kauerte darauf wie beim Gebet. Der Oberkörper nach vorn gebeugt, das gesamte Gewicht auf den Oberschenkeln und Waden verteilt, die Hände an den Fußgelenken gefesselt. Man bekommt kaum Luft, schwitzt, stöhnt, macht sich ein.

Haben Sie selbst auch Iraker auf diesen Holzhocker geschnallt?

Nein. Aber ich habe mich mal selbst drauf gesetzt. Die Beine brannten nach einer Minute höllisch. Ein unerträglicher Schmerz.

Trotzdem haben Sie Gefangene weiter malträtiert.

Ja, aber es gab keinen Tag, an dem mich mein Gewissen nicht quälte. Ich war ja Täter in doppelter Hinsicht. Ich misshandelte selbst und sah Kollegen dabei zu, ohne einzuschreiten.