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Eggenfelden:Klangvoller Akademie-Bericht

Der Sprecher (Markus Krenek, links) und das sich emanzipierende Subjekt seiner Beschreibung, der "Affe" (Armin Stockerer).

(Foto: Sebastian Hoffmann)

Das Theater an der Rott in Eggenfelden beeindruckt mit der Uraufführung von Peter Androschs Kafka-Oper

Von Egbert Tholl, Eggenfelden

Es gibt wohl kaum einen literarischen Text, der mit so wenigen Seiten so viele unterschiedliche Interpretationen hervorruft wie Kafkas "Bericht für eine Akademie". Auch auf dem Theater ist man dem "Affen" Rotpeter schon oft begegnet. Meist in semiäffischer Aufmachung, berichtend von seinem Lebensweg: gefangen genommen, angeschossen, von einer Hagenbeck-Expedition von der Goldküste nach Deutschland transportiert. Während der Überfahrt wird er, nun ja, zu einem Menschen, zu einem Wesen, das Menschen nachahmen kann. Es folgen eine Varieté-Karriere und schließlich die Wissenschaft, der Bericht.

Kafka vereint eine historisch plausible Geschichte mit Ethik und Philosophie. Und immer wieder kehrt ein Gedanke Rotpeters wieder: Er sucht einen Ausweg, zunächst aus dem Käfig, eigentlich aber aus dem Konflikt zwischen Anpassung und Widerstand. Der Text ist auch eine Parabel über Assimilation und kulturelle Identität. Und genau diesen Aspekt arbeitet nun die Oper von Peter Androsch heraus, die gerade in Eggenfelden, am Theater an der Rott ihre Uraufführung hatte.

Das Theater an der Rott, als einziges Landkreistheater Deutschlands, ist ja per se schon ein Unikum. Noch erstaunlicher ist aber, mit welch angstfreier Schlauheit Intendant Uwe Lohr hier Stücke produziert, vor denen Theater mit einem weitaus größeren Einzugsbereich zurückschrecken würden. Aber die Eggenfeldener lieben ihr Theater, die schauen sich auch eine zeitgenössische Kafka-Oper an.

Zumal Androsch klanglich und musikalisch keinerlei Zugeständnisse macht, aber doch auf einen dramaturgischen Trick kommt: Es gibt hier einen Sprecher, den mit Jugend, altmodischer Würde und enormer Musikalität ausgerüsteten Markus Krenek, der spricht, verdeutlicht, kommentiert, ergänzt und erweitert, wovon Rotpeter singt. Und es gibt Rotpeter selbst, Armin Stockerer, der in der feinen Regie von Yaron David Müller-Zach nur in Nuancen die animalische Herkunft der Figur andeutet, der einfach ein Wesen ist, das domestiziert, an- und in einen Frack hineingepasst wird. Stockerer ist die vielschichtige emotionale Wahrheit der Aufführung, deklamierend und verstiegen singend. Im Spiel der beiden miteinander, in der metaphorischen Ummauerung der Bühne, wird die Ausweglosigkeit von Rotpeters Unterfangen deutlich: Er kann nur von einem Käfig in den nächsten wechseln, vom Schiffsbauch bestens funktionierend auf die Bühne. Frei wird er nie, weil sich für ihn als Individuum keiner interessiert. Dazu spielen - und singen manchmal als Chor - sieben Musiker der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz unter der Leitung von Sigurd Hennemann die oft extrem zarte Musik Androschs. Allein die "Ouvertüre" ist phänomenal, zusammengebaut mehr aus Ahnungen denn aus konkret fassbaren Klängen. Androsch, ein äußerst produktiver Komponist, ist ein Klangforscher, seine Arbeiten Forschungszwischenstände aus einem Prozess gegen die akustische Vermüllung unserer Zeit. Man muss also genau hinhören, aber es lohnt sich. So aufmerksam folgte man Rotpeter selten.

© SZ vom 12.05.2018

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