bedeckt München 17°

"Wer hat meinen Vater umgebracht":"Du hattest dir den Luxus des Staunens oder des Erschreckens abgewöhnt"

So viel Überzeichnung bedroht die Substanz dieses Buchs. Sie vermag sie aber dank der in ihrer Verknappung funkensprühenden Situationsskizzen nicht ganz zu kippen. "Papa, schau mal", bettelt der bei einem Familienabend mit Freunden ein Konzert der Popband Aqua imitierende Sohn. "Schau mal, Papa." Dieser blickt aber beharrlich weg, verärgert und im Gefühl der Demütigung vor den Gästen, dass sein Kleiner sich statt für Formel 1 für Singsang und Verkleidung begeistert. "Es ist nichts, mach dir nichts draus", tröstet er dann aber etwas später unter hektischem Rauchen draußen in der Kälte vor dem Haus den Jungen, der ihn dort mit der Bitte um Verzeihung für den Vorfall aufsucht.

Auch dieser Rohling mit dem unausgereift sanften Gemüt, dem sein Männlichkeitswahn nichts als den frühen Abgang aus der Schule und damit lebenslängliche Armut gebracht hat, notiert der Autor Louis, habe in seiner Jugend Ausbruchsversuche vom eigenen Selbst unternommen. Fünf Jahre lang habe er mit Gelegenheitsjobs in Südfrankreich versucht, jung zu sein, bevor er in die Heimat zurückkehrte und sich in seine Sozialrolle einspannen ließ. Seine Jugend war ihm nicht gegeben, er musste sie sich selbst herausnehmen und war dann sein Leben lang darauf aus, mit Grobheiten, Vorurteilen, Sauferei und verkorksten politischen Ansichten das ihm Entglittene zurückzugewinnen.

Wie ein so politisch aufgezäumtes Sozialporträt des Vaters geradewegs zu Peter Handkes leiser Betrachtung über das "wunschlose Unglück" seiner Mutter führen kann, ist das Verwunderliche an diesem Buch. Und doch überzeugt der Vergleich im Kontrast. Anders als die gegenüber allen Elementen "mit offenem Mund Dastehende" habe sein Vater gar nie dagestanden, schreibt Louis. Nicht einmal den Mund habe er aufgesperrt, denn "du hattest dir den Luxus des Staunens oder des Erschreckens abgewöhnt, nichts war mehr unerwartet, weil du nichts mehr zu erwarten hattest". Brutalität sei für seinen Vater nicht Brutalität gewesen, sondern das, was er Leben nannte, was er gar nicht benannte, was einfach da war, was war.

In solchen minimalistischen Erkenntnisschnipseln wirkt dieses schmale Buch am stärksten. Die plakativen politischen Statements fallen wie Späne vom fein geschliffenen Kern eines Vaterprofils, das der Autor zwischen Auflehnung, Durchleuchtung und Anhänglichkeit umkreist. Die theoretischen Versatzstücke von Bourdieu bis Ruth Gilmore, deren er sich dabei bedient, sind Initialzündungen der Einsicht, mehr nicht. Der Rest ist Präzisionsarbeit am sprachlichen Ausdruck, die auch der Übersetzer mit einer konstanten Bemühung ums Sachliche an die Grautöne des Alltags heranholt.

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. 80 Seiten, 16 Euro.

© SZ vom 23.01.2019/luch
Zur SZ-Startseite

SZ PlusDie Menschen hinter dem Protest
:Das Gefühl, offen verachtet zu werden

Wer sind die Unzufriedenen in den gelben Westen? Der Fotograf Vincent Jarousseau über französische Familien der unteren Mittelschicht und die sozialen Hintergründe des Protests.

Interview von Alex Rühle

Lesen Sie mehr zum Thema