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Édouard Louis:Er will Scham verbreiten

Édouard Louis am 2. Juli 2018

douard Louis während seiner Antrittsvorlesung.

(Foto: Nina Diezemann/FU Berlin)

An der Freien Universität Berlin entwickelt der französische Schriftsteller als Gastprofessor das Programm einer konfrontativen Literatur.

Von Tobias Lehmkuhl

In seinem Elternhaus habe es keine Bücher gegeben, erzählte Édouard Louis am Montag in seiner Antrittsvorlesung zur Samuel-Fischer-Gastprofessur am Peter- Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Natürlich nicht, seine Mutter habe mit 16 Jahren die Schule abgebrochen und ihr erstes Kind bekommen, der Vater, ein einfacher Arbeiter, war mit 35 Jahren durch einen Unfall invalid geworden, ein Trinker fortan, der seinen schwulen Sohn wegen seiner tuntigen Gestik regelmäßig verprügelte.

An diesem Tag aber, Édouard Louis hieß damals noch Eddy Bellegueulle und war 14 Jahre alt, wurde J.M.G. Le Clézio der Literaturnobelpreis zugesprochen, und so schaffte es die Literatur ausnahmsweise einmal ins Wohnzimmer der Bellegueulles, da selbst das Fernsehen darüber berichtete und den Schriftsteller auch interviewte. Dieses Interview befremdete den jungen Eddy, denn Le Clézio redete darüber, wie er seine Figuren konzipiere. Warum schreibt er nicht über uns, fragte sich Louis damals, warum denkt dieser Le Clézio sich irgendwelche Figuren aus, wo wir hier sitzen und nicht einmal genug Geld für Lebensmittel haben?

Heute, elf Jahre später, ist Édouard Louis ein junger Mann, jünger wohl als viele der Studenten, die seiner Antrittsvorlesung beiwohnten, und er ist inzwischen selbst ein Schriftsteller geworden. Seine beiden ersten Werke "Das Ende von Eddy" und "Im Herzen der Gewalt" erfuhren auch hierzulande große Aufmerksamkeit, in Frankreich ist vor wenigen Wochen sein drittes, ebenfalls autobiografisches Buch erschienen, "Qui a tué mon père".

Louis also denkt sich keine Figuren aus wie Le Clézio oder andere Romanautoren, er schreibt über sein eigenes Leben und über die Menschen, die er am besten kennt, seinen Vater, seine Mutter und seine Geschwister. Wie er in seinem poetologischen Vortrag deutlich machte, schreibt er jedoch nicht über sie, weil sie ihm so nahe seien. Vielmehr gehe es ihm darum, jenen eine Stimme zu geben, die selber keine hätten, jenen, denen keine Sprache zur Verfügung stünde, mit der sie sich Gehör verschaffen könnten, und die, wie seine Mutter, vor Scham über ihre geringe Bildung es niemals wagen würden, etwa vor Studenten das Wort zu ergreifen.

So stellte sich Louis mit großer Selbstverständlichkeit in die Tradition engagierter Literatur, zitierte Sartre und verwies auf Émile Zolas "Germinal". Wen er nicht erwähnte, das war sein Lehrer Didier Eribon, der in seiner "Rückkehr nach Reims" eine ähnlich gelagerte Entwicklungsgeschichte erzählt und dessen soziologischer Ansatz Édouard Louis wohlvertraut ist. Statt aber "litératture engagée" zu sagen, brachte Louis in seinem auf Englisch gehaltenen Vortrag den Begriff einer "confrontational literature" in Stellung: Ihm ginge es darum, den Leser mit einer Realität zu konfrontieren, von der er zwar weiß, die er aber gerne verdrängen möchte. Als über familiäre Zusammenhänge hinausgehende Beispiele, skizzierte Louis unter anderem die wahre Geschichte eines Mannes, dessen Freund wegen seiner Homosexualität in Guinea bei lebendigem Leib verbrannt wurde, der aber trotzdem in Frankreich keiner Asyl erhalte.

Er wolle Scham verbreiten, sagte Louis. Wie schwierig das ist, zeigen die Reaktionen auf seine Bücher: Die einen meinten, er würde übertreiben, die anderen, als Literatur besäßen seine Bücher ihre eigene Wahrheit. Von Übertreibung aber will Louis ebenso wenig wissen wie von "literarischer Wahrheit". Literatur müsse kämpfen, den Unsichtbaren eine Stimme geben und im Sinne Primo Levis Zeugnis ablegen. Le Clézio wäre, worauf Édouard Louis leider nicht mehr zu sprechen kam, ein gutes Beispiel für eine solche Literatur gewesen.

© SZ vom 04.07.2018
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