Edition Die Geschiedenen

Die Frage ist, wie man überlebt: Der Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Günther Anders.

Von Jörg Magenau

Für sich gewonnen habe er Hannah Arendt 1929 bei einem Maskenball in Berlin, als er beim Tanzen die Bemerkung machte, "dass Lieben derjenige Akt sei, durch den man etwas Aposteriorisches: den zufällig getroffenen Anderen, in ein Apriori des eigenen Lebens verwandle." Bestätigt habe sich diese schöne Formel dann aber leider nicht. So kann man die flüchtige Liebe zwischen zwei Philosophen natürlich auch zusammenfassen. Fürs Apriori hat es halt nicht ganz gereicht.

Von 1929 bis 1937 waren sie verheiratet, ihre Korrespondenz setzt zwei Jahre später ein

Von 1929 bis 1937 waren Hannah Arendt und Günther Stern, der sich dann bald Günther Anders nannte, verheiratet. Berühmt wurden beide viel später: er mit dem Ende der Fünfzigerjahre erschienenen, technik- und kulturkritischen Werk "Die Antiquiertheit des Menschen"; sie als politische Publizistin mit ihrer Berichterstattung vom Eichmann-Prozess und der Erkundung der "Banalität des Bösen". Kennengelernt hatten sie sich 1925 in Marburg, im Seminar von Martin Heidegger. Doch da war die neunzehnjährige Hannah Arendt noch in ein heimliches Liebesverhältnis mit ihrem Lehrer verstrickt und hatte keine Augen für Anders. Erst vier Jahre später, beim Wiedersehen, fiel er ihr auf. Doch auch in dieser Liebes- und Arbeitsbeziehung blieb Heidegger präsent: Seine Ontologie war gewissermaßen der Boden, auf dem die beiden sich im Denken begegneten.

Der Briefwechsel, der nun aus den Nachlässen veröffentlicht wird, gibt davon keine Kunde. Er setzt erst 1939 ein, zwei Jahre nach der Scheidung des Paares, und reicht zwar bis 1975, ins Todesjahr von Hannah Arendt, doch die Lücken sind größer als die Kontinuitäten, und das Mitgeteilte ist häufig nur ein tastendes Kontakthalten über wachsende Entfremdung hinweg. Der erste Zeitraum reicht von 1939 bis 1941. Er besteht nur aus Briefen von Arendt, und auch die sind unvollständig. Das hat mit den Bedingungen von Flucht und Exil zu tun, die nicht dazu geeignet waren, Korrespondenzen zu archivieren. Anders hielt sich 1939 bereits in den USA auf, Arendt lebte zusammen mit ihrer Mutter und ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher in Paris und bemühte sich verzweifelt, Geld und Visa für die Überfahrt nach New York aufzutreiben. Anders unterstützte sie darin von Amerika aus. Ohne seine Hilfe wäre die Flucht wohl nicht gelungen.

Arendts Briefe aus dieser Zeit sind ganz den Daseinsnöten gewidmet, mal verzagt, mal euphorisch im Ton und auf rührende Weise mädchenhaft verwirrt und lebenshungrig. Als Deutsch-Jüdin gehörte sie in Frankreich zu den Menschen, "die von ihren Feinden ins Konzentrationslager und ihren Freunden ins Internierungslager gesteckt werden", so ihre Diagnose. Fünf Wochen lang war sie im Lager Gurs interniert. "Die einzige Frage, die sich stellt, ist, wie man überlebt", notierte sie dazu. In der Beschreibung des Lageralltags, der Hoffnungen, der Lügen, des Elends und der Träume bewährte sich bereits ihr nüchterner, präziser Blick.

Philosophische Arbeit war auch nach der Ankunft in New York nicht möglich. Geldnöte, Englisch lernen und Sorge um die in Europa Zurückgebliebenen bestimmten jetzt den Alltag. Sie habe "abscheulich zu tun" und würde doch "sooo gerne faul sein", schrieb sie an Anders, den sie "mein lieber Junge" nannte. Ihren Ehemann Heinrich Blücher dimmte sie zum "Monsieur" herunter, den sie zur Not auch mal "in den Schrank hängen" konnte. Günther Anders war ihr noch immer ein Vertrauter und ein Freund, ein Gesprächspartner war er nicht mehr - jedenfalls nicht in diesen Briefen.

Zum Bruch kam es 1941 wegen Walter Benjamins Thesen "Über den Begriff der Geschichte". Benjamin, mit dem beide in Paris befreundet waren, hatte Arendt das Manuskript kurz vor seinem Tod überlassen, sie gab es an das Institut für Sozialforschung weiter, so wie er sich das gewünscht hatte. Doch Theodor W. Adorno konnte nichts damit anfangen und verschleppte die Veröffentlichung - wie überhaupt Adorno in diesen Briefen eine wenig schmeichelhafte Rolle spielt. Arendt erlebte ihn immer wieder als missgünstigen Gegenspieler, und Anders schilderte ihn 1958 als "Glatzengreis mit Knopfaugen, grauslicher denn je". 1941 aber schlug er sich auf dessen Seite und muss seine Ablehnung der Benjamin-Thesen auch Arendt mitgeteilt haben. Leider ist sein "Unglücksbrief", von dem Arendt sprach, nicht erhalten. Für sie war das ein klarer Bruch der Loyalität gegenüber dem toten Freund.

1930 verfassten sie gemeinsam einen Essay über Rilkes "Duineser Elegien"

So richtig scheint sich das Verhältnis der beiden davon nicht mehr erholt zu haben. Zwar schicken sie sich ab 1955 dann noch gelegentlich ihre Bücher und Manuskripte, doch zu einem echten Austausch oder Gespräch kommt es nicht mehr. Zahlreiche Briefe kreisen bloß um die Frage, wann und wo man sich wiedersehen könnte, wenn Arendt mal wieder zu einer Europareise aufbrach und so in die Nähe von Anders kam, der nach dem Krieg nach Wien zurückgekehrt war. Meistens scheitern die halbherzigen Bemühungen; nur zweimal gelang ein Treffen. Das letzte, kurz vor ihrem Tod 1975, empfand Arendt als "Desaster". Da war sie nur noch entsetzt über den Zustand des alten Freundes.

Die Briefe geben also nicht sehr viel her. Sie sind eher als historische Dokumente interessant. Das hat wohl auch die Herausgeberin Kerstin Putz gespürt, die den Band nicht nur mit einem instruktiven Nachwort und Kommentaren bereichert hat, sondern ihm auch einige Aufsätze von Anders und Arendt hinzufügte: Zum einen ihrer beider Auseinandersetzung mit dem Soziologen Karl Mannheim, die zu einer Verteidigung des Absolutheitsanspruchs der Philosophie geriet - oder vielmehr des heideggerisch gedachten "Seins" gegenüber der alles Denken auf gesellschaftliche Zustände herunterbrechenden Soziologie und Geschichtswissenschaft. Historisches Denken ist doch selbst historisch und muss seinen historischen Ort reflektieren - so die trickreiche Volte von Anders.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch bietet der Verlag hier an.

Wirklich überraschend aber ist ein Essay über Rilkes Duineser Elegien, den die beiden 1930 als junges Paar gemeinsam verfassten. Rilkes 1923 erschienener Gedichtzyklus war da noch frisch und ungedeutet, und er bot Material genug, um sich daran ein eigenes Manifest der Liebe zu erarbeiten. Da ist wohl eher die Handschrift Arendts zu erkennen; Anders möchte im Rückblick aus dem Jahr 1981 mit diesem Text gar nichts zu tun gehabt haben; er sei doch immer Agnostiker gewesen und habe Arendts "zwar nicht ausgesprochen religiöse aber auch nicht irreligiöse Position" schon damals keineswegs geteilt. Arendt aber zielt mit Rilke über die Paarbeziehung hinaus und entwirft eine Perspektive, in der es nicht auf den konkreten Anderen als Geliebten ankommt, sondern auf das "In-der-Liebe-Sein" selbst, auf die Erweiterung des Horizonts aus der eigenen Verlassenheit heraus.

"Liebe ist desto liebender", schreibt sie und trifft Rilke damit sehr genau, "je weniger sie gestillt ist; will sie sich stillen lassen, so flüchtet sie sich vor der Verlassenheit ihrer eigenen Liebe in den sicheren Schutz des Geliebtwerdens." Das war auch als Denkerin ihr Ausgangspunkt. "Das Überspringen der geliebten Person zugunsten einer Transzendenz" ist die eine Bewegung, die sich in diesem Briefwechsel untergründig vollzieht. Die andere ist das Geworfensein in die Zeitgeschichte, die Antwort auf die Herausforderungen des Krieges und des Überlebens im Exil.

So wird Transzendenz und Geschichte - das Spannungsfeld der Ontologie - auch zum unausgesprochenen Spannungsbogen dieser Briefe. Das macht diesen kleinen Band dann doch zu einer aufregenden Lektüre.