Eckhart Nickels neuer Roman "Spitzweg":Bitte folgen Sie mir

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Eckhart Nickels neuer Roman "Spitzweg": Das Modell des hier von Eckhart Nickel getragenen Anzugs heißt "The Thriller", sein neues Buch hingegen heißt "Spitzweg". Es ist streckenweise spannend, vor allem aber eine Liebeserklärung an die Kunst - und auch die Künstlichkeit.

Das Modell des hier von Eckhart Nickel getragenen Anzugs heißt "The Thriller", sein neues Buch hingegen heißt "Spitzweg". Es ist streckenweise spannend, vor allem aber eine Liebeserklärung an die Kunst - und auch die Künstlichkeit.

(Foto: Jana Mai/F.A.Z.-Foto)

Was bedeutet die Kunst für das Leben? Nun: alles. Zu Eckhart Nickels tollem Roman "Spitzweg".

Von Cornelius Pollmer

Die erste Szene spielt im Klassenzimmer und sie ist zu grausam, um hier nicht wiedergegeben zu werden. Im Kunstunterricht von Frau Hügel sollen die Schüler sich selbst malen, so auch Kirsten, das einzige Talent im Raum. Auf ihrem Kontrollgang bleibt Frau Hügel an Kirstens Platz stehen, sie beugt sich über ihre Schulter und sagt etwas, das - einmal ausgesprochen - unmöglich für das gehalten werden kann, was es hätte werden sollen, nämlich ein Lob. Die Lehrerin Frau Hügel betrachtet also das Selbstporträt ihrer Schülerin Kirsten und urteilt, voller Anerkennung: "Ausgesprochen gelungen, Respekt: Mut zur Hässlichkeit!"

Kirsten schlägt die Hände vors Gesicht, dann ist nur noch das hallende Klicken ihrer Schuhe im steinernen Treppenhaus der Schule zu hören. Der Autor Eckhart Nickel aber bleibt im Raum und malt ungerührt weiter am ersten Bild seines Kunstromans "Spitzweg". Es soll eine erste Skizze der Hauptfiguren werden und schon mal die Spielregeln andeuten, nach denen es im Folgenden sehr fein zur Sache gehen wird.

Der Banknachbar von Kirsten heißt Carl, und er sichert so geistesgegenwärtig wie meisterdiebisch das von Frau Hügel besprochene Porträt. Eckhart Nickel bezeichnet dies als den ersten Kunstraub in "Spitzweg" und dieser Raub gelingt auch deswegen, weil zunächst völlig unklar bleibt, mit welcher Absicht Carl das Corpus Delicti sichert: zum Schutz der Mitschülerin? Oder doch als Kompromat zu deren weiterer, fortan vorsätzlicher Peinigung?

Wenn Eltern einen Dachschaden haben, können einem die Kinder leidtun. Aber hier naht Rettung

Als Dritter zu dem, was noch kein Bunde ist, kommt der namenlose Erzähler. Als Einziger aus dem Klassenverbund beobachtet er Carl bei dessen Tat, es ist der Beginn einer Komplizenschaft zwischen Erzähler und Figur, die nur vorübergehend unfreiwillig ist. Und es ist auch im kunsthandwerklichen Sinne ein weiterer feiner Strich des Autors, für dessen zweiten Roman ein Satz Carl Spitzwegs gilt, den Nickel seinem Buch selbst vorangestellt hat: "Jede Linie mit Verstand, alles durchdacht, das Uninteressante interessant".

Die Kunst und das Künstliche auf allen Ebenen vom Geschehen über die Sprache bis zum handelnden Personal noch in den Nebenrollen nimmt einer Geschichte natürlich Möglichkeiten. Obschon Kirsten, Carl und der Erzähler vor dem Abitur stehen, ist "Spitzweg" kein Coming-of-Age-Roman im Sinne wilder Herzen und aufregenden nächtlichen Nacktbadens im See. Und obschon das Buch in einer erweiterten Gegenwart zu spielen scheint, bleibt jeder konkrete Verweis darauf aus. "Spitzweg" ist eine Fantasie, in der keine Smartphones aufleuchten, keine E-Autos um die Ecke biegen. Und trotzdem funktioniert "Spitzweg" so ausgesprochen gelungen, Respekt: Mut zur Künstlichkeit!

Eckhart Nickels neuer Roman "Spitzweg": Eckhart Hickel: Spitzweg. Piper, München 2022. 256 Seiten, 22 Euro.

Eckhart Hickel: Spitzweg. Piper, München 2022. 256 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Piper)

Woran liegt's? Es liegt zuerst an der Konstruktion von Personal und Handlung. Der initiale Fauxpas der armen Frau Hügel bringt die Mission Rache in Bewegung und unsere drei Helden zusammen. Sie entwickeln interessante Gefälle zueinander. Der Erzähler ist in Kirsten verliebt, weil sie talentiert ist und weil sie noch dazu ausschaut wie die hinreißende Kopfverdreherin auf einem Albumcover der Band Vampire Weekend, die bei Musikversteher Nickel "Vampirwochenende" heißt und damit die lesbarste Chiffre der realen Gegenwart bleibt.

Über Carl wiederum sagt der Erzähler, er sei "wirklich jemand, der im vorteilhaftesten Sinn aus der Zeit gefallen war", worauf sich beider Nähe insofern gründet, als Carl diese Gegenwart, "so war ich mir sicher, genauso verachtete wie ich". Kirsten schließlich ist erst mal froh um jeden Anschluss, weil ihr Elternhaus nämlich keinen hat, weder für Strom noch für Wärme, alles ist off the grid wegen einer eigenartigen Allergie der Mutter gegen alles Künstliche.

Wenn Eltern einen solchen doch sehr grundsätzlichen Dachschaden entwickeln, können einem die Kinder in der Regel nur leidtun. Kirsten aber wird in einer Szene von Carl und dem Erzähler gerettet, die vieles von dem in sich vereinigt, das dieses Buch des Reisejournalisten und vormaligen Popliteraten Eckhart Nickel zu einem besonderen macht.

Auf dem Spähposten wird die Chopin-Schallplatte zur Diskusscheibe

Der Erzähler hat sich mit Carl in dessen "Kunstversteck" zurückgezogen, einen geheimen Raum irgendwo auf halber Treppe seines mindestens bürgerlichen Zuhauses. Ein wenig erinnert dieses Versteck an die Kammer von Spitzwegs armem Poeten, mehr noch ist es Bühne für Carls Lebensprinzip, den Eigensinn und die Kunst ohne jede höfliche Zurückhaltung in allem offensiv zu feiern, von der Wahl seiner Bonmots bis zum spontanen Vortrag über die Tonart As-Dur im Allgemeinen und konkret in den "Nocturnes" von Chopin, der vielleicht wirklich allerschönsten Musik, die je geschrieben wurde.

Nun ist der Erzähler zwar seinerseits durchaus kunstsinnig, aber doch immerhin etwas weniger weltvergessen als Carl. Als er vom Spähposten des Kunstverstecks die flüchtige Kirsten entdeckt, die gerade von einer Horde Raubeinen bedroht wird, greift der Erzähler zum Plattenspieler und schleudert Chopin als Diskus in Richtung des Mobs. Auch in diesem Sinne wirkt die Kunst nun lebensverändernd, noch dazu so unmittelbar wie selten.

Darum geht es letztlich in "Spitzweg" auch in einem höheren Sinne. Nachdem Eckart Nickel schon sein spätes Debüt "Hysteria" mit einem programmatisch andeutungsreichen Satz hatte beginnen lassen ("Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht."), fängt "Spitzweg" an mit der Feststellung des Erzählers: "Ich habe mir nie viel aus Kunst gemacht." Und "Spitzweg" ist dann ein Roman über die Möglichkeit, sich eines Anderen und Besseren nicht belehren zu lassen, sondern sich selbst zu belehren.

Eckhart Nickels neuer Roman "Spitzweg": Spitzwegs Hagestolz in einer anderen Variante, mit Hund immerhin, aber doch weiterhin randständig bezogen auf die sonderbaren Normalfiguren in der zeitweisen Nähe beim Spazieren.

Spitzwegs Hagestolz in einer anderen Variante, mit Hund immerhin, aber doch weiterhin randständig bezogen auf die sonderbaren Normalfiguren in der zeitweisen Nähe beim Spazieren.

(Foto: Carl Spitzweg)

Wer im Heranwachsen oder wann danach auch immer erst mal verstanden hat, dass es aus der alles Menschliche grundierenden Einsamkeit letztlich keinen Ausweg geben kann, der wäre schön blöd, auf die Kunst als Lebenshilfe, Gegengift und auch Zwiegesprächspartner zu verzichten. Auf dem Cover von "Spitzweg" ist natürlich nicht zufällig dessen Hagestolz zu sehen, der doch schon als schieres Wort in der Wiedervorlage ein Ereignis ist, wie es überhaupt bei Nickel nur so wimmelt von "Treulieb" und "Drangsal" und Stockfleckigkeit.

Der Hagestolz jedenfalls beschreibt einen späten Junggesellen, der in unnötigem Distinktionsgehabe zuweilen als sonderbar von jenen beschrieben wird, die Lebensführung vor allem als Auftrag verstehen, sämtliche Normen der Gesellschaft zu erfüllen, statt diese individuell auf Tauglichkeit zu prüfen. Carl scheint in diesem Sinne ein frühreifender Hagestolz sozusagen in the making zu sein, wohingegen bei Kirsten wie dem Erzähler eher offen zu sein scheint, ob der Biedermeier nicht in ganz gewöhnlicher Weise noch zuschlagen könnte, nämlich im Sinne der Gewöhnlichkeit.

Wie sehr die Kunst ein lehrreicher Spiegel sein kann bei der Suche nach dem Ich, und welche Wunder sie für jeden von uns bereithält, darüber lässt sich in "Spitzweg" genauso lesen wie über das nicht geringe Risiko, in Dimensionen des Sozialen zu verkümmern, wenn man wie Carl in der Kunst und in der Künstlichkeit eine Heimat gefunden zu haben glaubt, gegen die im Vergleich keine Zwischenmenschlichkeit je Bestand haben könnte.

Eckhart Nickel ist ein tolles Buch über all diese Fragen gelungen. Über diese in seiner Obhut offen nachzudenken, bedeutet eine Gefahr, die man suchen sollte.

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