Literatur:Ein groß Geström von Sprache

Eckhard Henscheid 1985 in der Redaktion der "Titanic"

Der Aufstieg der "Titanic": Eckhard Henscheid, 1985 in der Redaktion der Satirezeitschrift.

(Foto: Frank Kleefeldt/picture-alliance / dpa)

Oh yeah! Dem Schriftsteller Eckhard Henscheid zum 80. Geburtstag.

Von Gustav Seibt

Den Kosmos des Schriftstellers Eckhard Henscheid, der am heutigen Dienstag unversehens achtzig Jahre alt wird, kann man auf verschiedenen Wegen betreten. Die Via Regia, die Hauptstraße, bleiben Komik, Satire, Humor, der derbe Witz von Zeit- und Sprachkritik. Hier hat Henscheid mit seinen Gefährten um die Zeitschriften Pardon und Titanic Historisches und Bleibendes geleistet, zu Befreiung und Lockerung des öffentlichen Sprechens in Deutschland, heute im Zeichen der Wokeness nicht mehr ungefährdet, aber doch vorerst unerschüttert. Empfindsamen Gegenwind gab es ja immer schon.

Ein tiefer ins Unterholz führender Weg ist die Straße der Romantik und der Musik. Hören wir hinein in das Eichendorff-Buch von 1999 ("Aus der Heimat hinter den Blitzen rot"), den sprachlich womöglich virtuosesten aller Henscheid-Texte. Da ist vom "sonnenaufgangsrundlichen Romanfinale" in Eichendorffs "Ahnung und Gegenwart" die Rede; hier werde dessen Sprache "stellenweise ganz untypisch und stilfremd jeanpaulisch, hymnisch und pathetisch, röntgenstrahlhaft dringlicher und zugleich gefühlsseliger, ihren eigenen Verworrenheitsklang verlassend und in Ton und Inhalt visionärisch".

Wenig später redet Henscheid anlässlich der von Robert Schumann vertonten "Frühlingsnacht" von dem "werweiß deutschesten aller Wörter, als der damit schon erfüllten Vorahnung des großen Glücks, der fast militanten Lichtfanfare der Romantik, einer speziell deutschen Romantik zugleich - vorzüglich dann, wenn dieser Eichendorff-Schumannsche ,Mondesglanz' diesmal weniger von Hermann Prey, sondern von einer so spezifischen Deutschen wie der bekannten Jessye Norman ausgestoßen wird: Es ist das dann schon wie ein hinreißend-hingerissener Trumpfdreisilber mitten im schäumen Triumphgefühl, oh yeah."

Es gibt eine Beredsamkeit, die sich selbst genießt und dabei auf die Schippe nimmt

Oh yeah! In diesem Wortflow fällt die Jessye-Norman-Pointe - die Rücknahme falscher Deutschtümelei - eher beiläufig. Was gleißt, sind preziöse Spielereien mit "Trumpf" und Triumph, wie zuvor mit "röngtenstrahlhaft" und "Verworrenheitsklang". Das ist sehr beredt und zugleich eine Beredsamkeit, die sich selbst genießt und dabei durchaus auf die Schippe nimmt - eine Beredsamkeit auf zweiter Stufe also, fast wie bei Thomas Mann, was für manchen nun überraschend kommen mag.

Dass sie, die Beredsamkeit, sich an der Musik entzündet, ist nun nicht überraschend. Denn schon Henscheids allererstes Erfolgsbuch, die sagenhaft komischen, hunderttausendfach gelesenen "Vollidioten" bestanden ja nicht nur aus oft sinnbefreitem Gerede; der über sieben Tage verteilte Roman hat auch den in der Mittelachse gelegenen vierten Tag, der mit Musik beginnt und mit Musik endet - wer die Sonderstellung dieses vierten Kapitels nicht erkannt hat, verkennt das ganze meisterliche Buch.

Der vierte Tag beginnt mit der morgendlichen Frische, die der "Oberon"-Ouvertüre von Carl Maria von Weber "gleichsam eingewebt ist", mit ihrem "verträumten Hornruf, diesen verschlafen sich die Augen reibenden Streicherkapriolen", und er endet mit dem "ewig-ewig" von Gustav Mahlers "Lied von der Erde". Die Musik überspielt immer dringlicher das gebrechliche Reden der Figuren, das dabei immer weiterläuft. Musik wird hörbar als die eigentliche, die wortlose Sprache, wenn auch im Medium des Erzählerworts.

Das mit der "Neuen Frankfurter Schule" war womöglich mehr als ein Witz

Und auf einmal wird auch deutlich, dass der Begriff "Neue Frankfurter Schule", den sich die Satirikergruppe um die Titanic zugelegt hatte, womöglich mehr als ein Witz war: Weil sie Adornos Traum der Musikhaftigkeit von unverletzter Sprache aufgriff. Denn natürlich veranstaltet auch Henscheids Eichendorff-Buch einen halbernsten Wettstreit, einen "Paragone", mit Adornos beredtem Essay genau zu diesem Dichter.

Das klingt nun alles sehr sieghaft, dabei ist Henscheids Force mindestens ebenso sehr die beschädigte und hilflose Sprache, das verstörte Gestammel, und keineswegs nur polemisch. Ja, es gibt "Dummdeutsch", das Wörterbuch der Epoche um 2000, es gibt die Geschichte der Missverständnisse, all das Gequassel, mit dem Henscheid seinen zweiten maßgeblichen Heroen, nämlich Dostojewski, auf unsere Welt appliziert. Aber daneben stehen zarte Gebilde wie die kurzen fiktiven Nachrufstücke "Wir standen an offenen Gräbern", die eine Beerdigungskolumne der Mittelbayerischen Zeitung aufgriffen.

Da hört man die Sprache, die vor dem Tod versagt. Sie wird zum unwillkürlichen Instrument der Hilflosigkeit, der Bedürftigkeit von Menschen, die wenig mit Beredsamkeit zu tun haben. "Nun ging seine Hülle ein ins Reich", lauten dann die Sätze, "seine Seele aber fand eine neue Heimat im Friedhof unterhalb der alten Gräber." Umgekehrt!, ist man versucht auszurufen, aber man stockt gleich, weil das Verkehrte hier auch wieder kurios einleuchtet und irgendwie stimmt. Und völlig zutreffend ist der schon wieder gänzlich naturreligiöse Satz über eine "Preiselbeerfrau Kuni": "Der Waldfriedhof ist nun ihr Erdreich."

Die beschriebene Materie ist die Gebrechlichkeit der Menschen und ihrer Sprache

"Sämtliche Irregularitäten im Text - Grammatikfehler, Interpunktion, absichtliche Druckfehler - stehen im Dienste der beschriebenen Materie", erläutert das "Gräber"-Büchlein. Diese Aussage könnte über dem gesamten Werk Henscheids stehen - die beschriebene Materie ist die Gebrechlichkeit der Menschen und ihrer Sprache, und die Irregularitäten sind das Kunstmittel ihrer Veranschaulichung, die nicht Abbildung, sondern Mimesis ist. Solche sprachliche Selbstbezüglichkeit tritt umso mehr hervor, je länger die empirische Welt der Henscheid-Romane, Frankfurt um 1975, dann die fränkisch angehauchte Kleinstadt Seelburg (seiner Oberpfälzer Heimatstadt Amberg nachempfunden), historisch werden.

Damit wird Henscheids Sprache selbst zu Musik, am unüberhörbarsten in seinem ewiglichen Meisterwerk "Maria Schnee" von 1988. Brigitte Kronauer hat dieses Buch noch kurz vor ihrem Tod über alles gepriesen. Von milder Musikalität bestimmt sei die von Henscheid selbst so bezeichnete "Idylle", "und zwar ausnahmslos, bis in jede Beobachtung, bis in jeden Satz. Alles, was in ,Maria Schnee' dem wandernden Protagonisten Hermann widerfährt, erscheint im sanften Spiegel seines kindlichen, reichlich komische Effekte erzeugenden Gemüts. Es besiegt alle Grobheiten des Lebens durch diese Perspektive." Und darum, so Kronauer, sei ihr der letzte Satz des kleinen Romans so besonders teuer: "Mit der flachen fächelnden Hand winkte er Hermann bewegt und freundlich zu und ihm noch lange nach."

Freundlich zu und ihm noch lange nach: Hier wird Prosa nicht zufällig zum Blankvers. Henscheid hat sich schon längst in seine Heimat, das seelenvolle Amberg, zurückgezogen, er publiziert nur noch wenig, und seine Physiognomie verwittert zunehmend ins Fragende. Aber längst liegt eine Werkausgabe vor, die neben den großen Romanen all die vielen Interventionen des Tages versammelt, ein "groß Geström von Sprache" (Dante/Borchardt). Diese Sprache zeigt sich, je mehr ihre oft zufälligen und beiläufigen Anlässe vermodern, in ihrer spielerischen, tief lustigen, tief rührenden Klanggestalt.

Das Grobe fällt ab, das Zarte dauert.

© SZ/cat
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