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Echo 2011 in Berlin:Hühnerspieße und Highheels

Die Frauen tragen Highheels und knappe Fummel: Bei der Echo-Preisverleihung in Berlin feiert die Musikbranche sich selbst. Wie immer. Am Ende bleibt aber die Frage: Wo sind eigentlich die Preisträger abgeblieben?

Lena Jakat, Berlin

Etwas Kantiges drückt für einen Moment in den Rücken, eine gesäuselte Entschuldigung folgt. Es sind die Goldenen Schallplatten von Wir sind Helden, aufgespannt und hinter Glas, in breiten Rahmen aufeinandergestapelt. Noch vor ein paar Minuten wurden sie Judith Holofernes und ihren Bandkollegen überreicht; aber die Verleihung ist schon wieder zu Ende, die Verkaufs-Pokale werden weggeräumt. Es ist der Empfang vor der Gala vor der Party zur 20. Vergabe des Echo-Musikpreises.

Echo 2011 - Arrival

Mindestens ein Highheel muss sein: Eine Sängerin der Casting-Band Monrose kommt mit Krücken zur Show.

(Foto: dpa)

Eine schicke Lounge in Westberlin, hoch über der Stadt. Die Nachmittagssonne müht sich an den Lamellen der Jalousien; wo sie gewinnt, entlarvt sie Kratzer im dunklen Parkett und MakeUp-Schlieren in den Gesichtern der Gäste. Die Menükarte verspricht falsch geschriebenen "Pecorino und Xakitori von der Maispoularde". Schweigend reicht der Kellner Hühnerspießchen. Über die frühe Uhrzeit täuscht die Garderobe hinweg. Die Männer tragen Stirnlocken und dunkle Anzüge - mit Ausnahme der Scorpions-Mitglieder. Die Altrocker stolzieren mit Lederjacken und Sonnenbrillen in ziemlich steifen Rentner-Schritten durch den abgedunkelten Raum. Die Frauen tragen Highheels und rückenfreie Kleidchen - bis auf Judith Holofernes.

In ihren abgewetzten Stiefeln und der dunklen Strumpfhose mag sie nicht recht in diese Szenerie passen, die auf der einen Seite von Plaudereien über Ralph Siegels Hausverkaufs und auf der anderen von Thomas Stein eingerahmt wird. Der Ex-BMG-Chef-EX-DSDS-Juror im schimmernden Gehrock wird von einem jungen Mann mit sehr bemühter Tolle und großer Ausdauer belagert. Und dazwischen Holofernes, die "Ich-glaub-es-hackt,-Bild-Zeitung"-Holofernes mir ihren Jungs. Die Crux des kommerzielles Erfolgs - die bekamen Anfang der neunziger Jahre auch schon die Toten Hosen zu spüren, die ihren Echo kurzerhand in braune Papiertüten stopften.

Einen Tag und eine Nacht lang feiert sich die Branche selbst. Der Höhepunkt ist natürlich die Verleihung der 26 Echos an Musiker, Produzenten und "Medienpartner". Wer einen davon bekommt, ergibt sich zum Großteil aus der Chartplatzierung, die sich wiederum aus den Verkäufen ergibt. Mit Überraschungen oder Außenseitersiegen ist da nicht zu rechnen und es ist ein bisschen so, als würde der Verband der deutschen Automobilindustrie für die meistverkauften Modelle Preise an die KfZ-Designer, Ingenieure und Werbeleute verteilen und das ganze als Oscar verkleiden.

Macht ja nichts. Die Gala im Berliner Palais am Funkturm mit allen Mitteln der der glitzerbunten Konsumwelt verpackt - vom lila Teppich auf den Steinstufen über die Flitterflocken auf der Bühne bis hin zur Pinken Plastiktorte auf der Aftershowparty. Das gilt natürlich auch für die Gäste - viele sind schließlich nicht zum Spaß hier: Ein blondes Mädchen stakst in einem türkisen Tütüt und goldenen Sandaletten ins steinerne Foyer. Erst aufwändige Nachrecherche identifiziert sie als Annemarie Eilfeld - Ex-DSDS-Kandidatin. Aha. Jeanette Biedermann, die erkennt man gerade noch, hat sich in einen silbernen Pailletenminirock gezwängt. Und die da? Ex-No-Angel - oder gibt es die Band noch?

Die Sitzplatzsuche in der Halle ist eine Herausforderung für das Schuhwerk. Überhaupt, wüsste man es nicht besser, man könnte die Veranstaltung auch für eine Schuhmesse halten, so auffällig leuchten die Highheels der Damen in rot, gelb, glitzerstein. Pfennigabsätze schaben unrhythmisch über Industrie-Alu auf den Stufen zur Tribüne. Oben angelangt, gilt es auf 15-Zentimeter-Tretern möglichst elegant in die Hocke zu gehen: Die Reihennummern pappen kaum leserlich an den Plastikstühlen, unterhalb der Sitzfläche. Glücklich, wer da einen gelenkigen Gentleman zum Begleiter hat.

Gut drei Stunden Aufmerksamkeit vorab, das ist der Preis, den viele Zuschauer für die berühmte After-Show-Party bezahlen müssen. Den meisten gelingt das, sind die Ganggespräche zu Social-Media-Strategien erstmal eingestellt, ganz gut. Moderatorin Ina Müller erleichtert das Durchhalten ungemein - mit überraschenden Medley-Einlagen und mal fragwürdigen, mal witzigen Witzen. Die Musikbranche hat ihre Mitarbeiter des Jahres geladen: Ich und Ich, Unheilig, Take That und natürlich Lena. Alle sind gekommen und alle dürfen sich artig bedanken; bei ihren Müttern, den Fans und natürlich ihren Plattenfirmen. Die verteilen als "Bundesverband Musikindustrie" ja schließlich auch die Preise.

Alle Künstler freuen sich über ihre stilisierten Lautsprecher, aber so richtig, ehrlich, freuen sich Bernd und Karl-Heinz Ulrich. Die zwei Volksmusik-Brüder mit Vokuhila und Goldkette kommen aus Hessen und heißen Die Amigos. Wie ausgeschnitten und reingeklebt stehen sie in der futuristischen Bühnenwelt. Die leuchtenden Podestelemente, die Aufbauten, Nebel, Feuer, Flitterregen - unter einem Himmel aus unzähligen Scheinwerfern: Die optische Choreographie der Show beeindruckt. Zwischen dem Auftritt von Bruno Mars und Max Raabes Laudatio auf Annette Humpe, die für ihr Lebenswerk geehrt wurde, wird auch klar, wer die Verlierer des Abends sind: Die - absichtlich - brennende Dekoration für Bruno Mars will sich einfach nicht löschen lassen und so schleppen die Bühnenarbeiter die Elemente lodernd durch den Bühnenausgang.

Nach der Gala geht es auf die Party. Ein Schlaraffenland für Erwachsene in Zuckerwatterosa. Zwischen Lametta und den besten Hits von heute reichen Mädchen in Petticoats Süßigkeiten, Mädchen in Hippie-Kluft Öko-Zigaretten und die Kellner Mini-Burger und gellierte Currywurst-Spießchen. Aber wo ist Take That? Wo ist Lena? Wer sich auf die Suche nach den Top-Sellern des Showbiz begibt, zwischen Robensäumen, Kameras und Sitzwürfeln hindurch stolpert, sich an makellosen Mädchenrücken vorbeidrückt, wird enttäuscht. Klar, da drüben lehnt Til Schweiger, da am Buffet, das ist doch Alexandra Neldel - und der Mann mit dem fiesen Augen-Make-Up singt bei Rammstein. Aber Robbie Williams? Ist wahrscheinlich längst ins Hotel gefahren. Für ihn läuft das Geschäft von allein.

© sueddeutsche.de/hai/bgr
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