Nachruf auf Eberhard Jüngel:Funkelnd, anspruchsvoll, geistreich

Prof. Eberhard Jüngel

Bereits 2003 wurde der Tübinger Theologie-Professor Eberhard Jüngel emeritiert. Nun starb er im Alter von 86 Jahren.

(Foto: Norbert Försterling/dpa)

Die DDR ließ Eberhard Jüngel zur Strafe nur evangelische Theologie studieren, als Professor verlieh er dem Fach später ungewohnten Glanz. Nun ist er im Alter von 86 Jahren gestorben.

Von Johann Hinrich Claussen

Dass ausgerechnet die evangelische Theologie einen Glanz entfalten kann, ist nicht das erste, was man heute mit ihr verbindet. Wer aber, wie der Verfasser dieser Zeilen, in den 1980er-Jahren dieses Fach in Tübingen studiert hat, konnte es unmittelbar erleben. Man musste dafür allerdings etwas früher aufstehen, denn kam man lediglich eine Viertelstunde vorher zur Dogmatik-Vorlesung von Eberhard Jüngel in das größte Auditorium der Universität, war dieses längst überfüllt, und man musste zur Übertragung in den zweitgrößten, auch schon gut besetzten Saal, wechseln. Dann aber begegnete man einer rhetorischen - und nicht nur rhetorischen - Ausnahmegestalt. Sprachmächtig, gelehrt, aber auch spielerisch und eigenwillig führte Jüngel die Anfänger in die Weiten und Tiefen einer evangelischen Gottesgelehrsamkeit, die ihren Glanz aus einem innigen Verhältnis zur Sprache gewann.

Geboren wurde Eberhard Jüngel am 5. Dezember 1934 in Magdeburg. Von seinen Eltern hatte er keine besondere religiöse Prägung empfangen, aber in der frühen DDR hatte ihn sein Rechtsbewusstsein auf den Weg zum Theologiestudium geführt: Da er es gewagt hatte, gegen Unrecht zu protestieren, war er einen Tag vor dem Abitur der Schule verwiesen worden. So konnte und wollte er nur noch evangelische Theologie an einer kirchlichen Hochschule studieren, zunächst in Naumburg, dann in Berlin. Berufsziel: Pfarrer. 1957 konnte er in Zürich und Basel studieren.

Mit seiner Berufung nach Tübingen begann 1969 eine große Zeit. Nicht nur für ihn

Prägende Lehrer waren für ihn Ernst Fuchs, Heinrich Vogel und Gerhard Ebeling. Über sie lernte er die widerstreitenden Theologien von Karl Barth und Rudolf Bultmann kennen. Leitend für sein eigenes Denken wurde für ihn zunächst Barth und dessen Konzentration auf das Wort Gottes. Da dieses aber ausgelegt und angeeignet werden muss, wurde die Hermeneutik, die Wissenschaft von der Deutung, für ihn zu einer theologischen Zentraldisziplin. Über sie versuchte er den Brückenschlag zu Bultmann - sein theologisches Lebensvorhaben. 1969 wurde er nach Tübingen berufen. Es begann eine große Zeit, nicht nur für ihn. Hier veröffentlichte er 1977 sein wichtigstes Buch "Gott als Geheimnis der Welt".

Doch nicht nur als Lehrer und Autor wirkte er. Vor allem als Prediger und öffentlicher Redner wusste er zu faszinieren: funkelnd, anspruchsvoll, geistreich. So prägte er nicht nur eine Generation von Theologinnen und Theologen. Am Dienstag ist Eberhard Jüngel, der Vielgeehrte, im Alter von 86 Jahren gestorben.

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