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Bericht von der Zerstörung Sarajevos:Das Ideal einer Stadt

20. Jahrestag der Belagerung von Sarajevo

Vater und Sohn suchen Schutz vor den Heckenschützen: Sarajevo im Jahr 1994.

(Foto: epa Ch.Simon/picture alliance / dpa)

Über Jahrhunderte hinweg war Sarajevo ein Zentrum der vier Weltreligionen, vergleichbar nur mit Jerusalem: Dževad Karahasans "Tagebuch der Übersiedlung" erzählt von der Zerstörung der Stadt.

Von Tobias Lehmkuhl

Ein Akt angewandter Literaturkritik: Als die Jugoslawische Volksarmee im Sommer 1992 mal wieder das belagerte Sarajewo bombardiert, zerfetzt ein Granatsplitter Teile von Dževad Karahasans Bibliothek. Vor allem Bücher von William Faulkner, Nadeschda Mandelstam und Gottfried Keller hat es getroffen: "Mandelstam ging in Ordnung, das leuchtete mir ein, ihre Erinnerungen waren im Zeichen des Unglücks und der Liebe geschrieben, und daher war es nur natürlich, dass die stalinistischen Generäle es hassten (...) bei Keller ist mir bis auf den heutigen Tag nicht klar, was er an dem General der Jugoslawischen Volksarmee und seinen Granaten verbrochen hat."

Ein typischer Fall von Galgenhumor, könnte man meinen. Ironischerweise aber waren tatsächlich zahlreiche Literaten unter den politischen und auch unter den militärischen Führern der bosnischen Serben, allen voran der Dichter und spätere Wunderheiler Radovan Karadžić. Für Karahasan trägt die Literatur eine Mitverantwortung am Krieg in Bosnien.

Das Textbuch für die jugoslawischen Befreiungskriege, sagt er in einem Gespräch mit Katharina Raabe, das anstelle eines Nachworts am Ende von "Tagebuch der Übersiedlung" steht, sei schon zwanzig oder dreißig Jahre vor Kriegsbeginn geschrieben worden. Die Literatur lege uns bestimmte Werte auf, verfüge im guten wie im schlechten Sinn über "pädagogische Macht". Darum sei sie alles andere als unschuldig. Sie sei, formuliert er, "zu wichtig", um unschuldig zu sein.

Die Belagerung Sarajevos hat längst einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis

Im Sarajevo des Jahres 1992 gibt es keinen Strom, kein fließendes Wasser, keine Medizin, keine Heizmöglichkeiten. Es gibt auch keine Fensterscheiben. Dafür gibt es klirrenden Frost, gibt es Granaten und Scharfschützen, die von den Bergen aus das Zentrum der Stadt ins Visier nehmen.

Die Belagerung Sarajevos hat längst einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis, und Dževad Karahasans "Tagebuch der Übersiedlung" hat durchaus Anteil an dem Bild, das wir uns von dieser Belagerung machen. Bereits 1993 erschien es im Klagenfurter Wieser-Verlag, nun liegt es um eine ganze Reihe Essays erweitert in neuer Übersetzung Katharina Wolf-Grießhabers vor. Die Übersetzerin trifft den Ton der Beiläufigkeit, in der die frühen Erzählungen gehalten sind: "Anfang November 1992 ging ich an einem schönen und relativ ruhigen Morgen los, um Wasser zu suchen."

Nicht vom eigenen Leid berichtet Karahasan in diesen Stücken, sondern von seinen Begegnungen: Von der Mutter, die weint, weil ihre Kinder bei ihr bleiben müssen und nicht, wie andere Kinder, die Stadt verlassen dürfen. Von dem Mann, der im Bunker unversehens eines natürlichen Todes stirbt und darob von den anderen Schutzsuchenden stumm beneidet wird. Vom Besuch eines Franzosen, der sich allein für das individuelle Leid des Autors interessiert.

Das einzig Jerusalem bleibe, sei unerträglich, schreibt Karahasan, es brauche die Vielheit

Der aber hat, zur grenzenlosen Enttäuschung des Franzosen, das Gefühl, ihm gehe es vergleichsweise gut. Was ihn wirklich besorge, sei nicht das zwei Meter große Loch in der Wand seines Wohnzimmers, sondern die Zerstörung des kulturellen Erbes, die Auslöschung einer polyphonen Kultur, einer ganzen Stadt, die über Jahrhunderte hinweg Heimat für vier Weltreligionen war, vergleichbar allein mit Jerusalem.

Dževad Karahasan: Tagebuch der Übersiedlung. Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grießhaber. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 224 Seiten, 24 Euro.

Das einzig Jerusalem bleibe, sei unerträglich, schreibt Karahasan, es brauche die Vielheit, das dialogische Prinzip. Auch wenn Sarajevo einen "Gutteil der Werte" bewahrt hat, die die Stadt vor der Belagerung ausgezeichnet haben, bekennt er im Gespräch, würden ihm die Veränderungen, bedingt durch den Zuzug ausländischer Institutionen und vor allem durch den Tourismus, jeden Spaziergang durch die Stadt vergällen.

So ist das Sarajevo von vor der Belagerung durch die bosnischen Serben und der Invasion durch die Touristen in eine ideale Sphäre übergesiedelt, die nur noch durch die Literatur, so eng ihr Bezug zur realen Gegenwart auch sein mag, durch dieses "Tagebuch der Übersiedlung" also, zu erreichen ist.

© SZ/fxs
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