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Dystopie:Von Chips kontrolliert

Yves Grevet: VRONT. Was ist die Wahrheit? Aus dem Französischen von Nadine Püschel. Mixtvision Verlag, München 2020. 476 Seiten, 19 Euro.

Eine Gruppe von jungen Leuten, begnadete Hacker, wehren sich gegen den Überwachungsstaat, in dem alles kontrolliert wird und sie in große Gefahr geraten.

Von Siggi Seuss

Der Franzose Yves Grevet ist ein Meister des dystopischen Romans. Das bewies er vor einigen Jahren bereits mit seinem Dreiteiler "Méto", dessen erster Band für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Jetzt führt er die Leser mit "VRONT", Untertitel: "Was ist die Wahrheit?", in einen anscheinend perfektionierten Überwachungsstaat, vermutlich Mitte der 21. Jahrhunderts.

Dort herrscht eine pervertierte Form sozialen Friedens, weil in einer durch und durch digitalisierten Welt die Regierung jedem Menschen einen Chip hat implantieren lassen. Herzschlag, Pulsfrequenz und sämtliche Erregungszustände werden laufend an eine Zentrale übermittelt, und im Krisenfall kommt eine Eingreiftruppe, die für Ordnung sorgt. Damit werden zwar viele kriminelle Taten und Gefährdungen der Gesundheit erkannt oder gar verhindert, aber zu welchem Preis? Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nimmt das klaglos hin, aber unter jungen Menschen wächst der Unmut.

So hat sich in der Hauptstadt eine Widerstandsgruppe namens VRONT gebildet - das V steht für Victory -, die sich immer wieder ins Überwachungssystem einhackt, um sich die eine oder andere persönliche Freiheit zu ertrotzen. Die Vront besteht aus einer Gruppe gewiefter Schüler und Studenten, die sich durch Talente unterschiedlichster Art auszeichnen. Einer der Gründer der Organisation, der siebzehnjährige Scott, ist ein genialer Computerhacker. Er und sein drei Jahre jüngerer Bruder Stan - der den Älteren bewundert, aber nichts von dessen Treiben weiß - stehen im Zentrum des Romans. Die Leser verfolgen die dramatische Entwicklung der Geschichte über den Zeitraum eines Vierteljahres. Nadine Püschel hat sie flüssig übersetzt. Zuerst aus der Sicht Stans, dann aus Scotts Perspektive. Und schließlich kommen im letzten und nervenaufreibendsten Akt auch andere Mitglieder der Widerstandsgruppe zu Wort.

Schritt für Schritt baut Yves Grevet Spannung auf. Er lässt die Dialoge fließen - manchmal kommen sie lapidar daher, manchmal spitzen sie die Dramatik zu - und treibt die Handlung in einem Tempo voran, das keinen Leerlauf zulässt. Nachdem Scott verhaftet wird, kann er sich nur schwer der Brutalität der Gefängnisgangs erwehren. Um zu überleben, arrangiert er sich mit derjenigen Seite, hinter der ein ominöser Strippenzieher steckt. Der nutzt Scotts Hackerkunst für seine Zwecke: das Überwachungssystem in seine Gewalt zu bringen. Da auch die Sicherheitsbehörden von dem Vorhaben erfahren, gerät der Junge zwischen die Fronten. In seiner Not lässt er sich auf einen Deal mit den Behörden ein.

In dieses politisch brutale Geschehen sind auch bewährte adoleszente Themen eingeflochten, mit erster Liebe zu einem besonderen, geheimnisvollen Mädchen und verlässlicher Freundschaft. Die versöhnliche, wenn auch nicht gerade realistischste Botschaft des Romans: Es bahnt sich ein Joint Venture zwischen den politischen Machthabern, die die digitalen Fähigkeiten der Vront brauchen, und den jungen Leuten an. Ob das die politische Führung tatsächlich zu neuen Einsichten zwingt, die das System liberalisieren, bleibt offen. Hinter den Wendungen des Romans steht am Ende also ein großes Fragezeichen. Und eine sanfte Hoffnung auf die Reformierbarkeit eines Überwachungsstaates. (ab 13 Jahre)

© SZ vom 19.06.2020
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