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Dystopie:Die Tentakel der Himbeere

Himbeeren

Auch das Appetitliche wird unheimlich, wenn man ihm zu nahe kommt, zeigt Eckhart Nickels für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eckhart Nickels Roman "Hysteria" über eine Ökopartei an der Macht und einen hypersensiblen Mann in einer verfallenden Welt

Etwas sehr Kleines trifft mit ungeheurer Geschwindigkeit Bergheims Auge. Und sofort gerät er in Panik, schüttelt den Kopf, schlägt um sich, lässt niemanden an sich heran, bis Charlotte ein Machtwort spricht, Bergheim zur Besinnung bringt und das an seinem Lid zappelnde Insekt mit spitzen Fingern entfernt. Charlotte gibt Entwarnung: "Musca domestica". Doch Ansgar, Bergheims alter Studienfreund, merkt an, dass Bergheim die gemeine Stubenfliege schon immer gehasst habe: "Ich war zu Studienzeiten selbst Zeuge einiger subtiler Jagden in seinem für Mücken aller Art verbotenem Zimmer."

Es ist einer der Augenblicke in Eckhart Nickels Roman "Hysteria", in dem die zahlreichen Erzählschichten sich kurz berühren - das hypernervöse und überempfindliche Sensorium seines Protagonisten Bergheim, dessen überschießende Reaktionen, die mikroskopische Betrachtung von Natur oder dem, was man dafür hält, die literarischen Anspielungsebenen - bevor all das wieder auseinanderdriftet. Die Pointe dieses Romans dürfte unter anderem darin bestehen, dass man einen Zusammenhang seiner luzide arrangierten Ebenen erkennen möchte, den es möglicherweise gar nicht gibt.

Eckhart Nickel ist eine schwer zu fassende Figur. Er hat für das Magazin Tempo geschrieben, hat als Mitglied des popkulturellen Quintetts unter anderem mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht in einem Kaminzimmer des Hotel Adlon versucht, einen champagnerumwölkten Schnappschuss der Gegenwart am Ende des 20. Jahrhunderts festzuhalten, hat gemeinsam mit eben jenem Christian Kracht vom Redaktionssitz Kathmandu aus die Literaturzeitschrift Der Freund herausgegeben und ist nun mit seinem tatsächlich ersten (veröffentlichten) Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Und wie bei fast jeder öffentlichen Äußerung Nickels stellt sich auch hier die Fragen: Was ist ironisch gemeint? Ist die Kategorie der Ironie überhaupt noch eine, die einen Erkenntniswert hat? Und ist das, was man an Lesarten angeboten bekommt, ungemein reich oder bereits beliebig?

"Hysteria" beginnt mit einem Einkauf auf einem Bio-Wochenmarkt. Bergheim kauft eine Schale Himbeeren: "mit den Himbeeren stimmte etwas nicht." Man muss sich gleich zu Beginn der Lektüre auf einen Systemwechsel einlassen. Das System dieses Romans heißt Wahn, heißt Paranoia, Überzeichnung und Verschwörungstheorie. Es ist das System Bergheim, dem ein so genauer wie nach konventionellen Maßstäben verschobener Wahrnehmungsapparat zugrunde liegt.

Die Himbeeren also, das Produkt einer Kooperative namens "Sommerfrische", deren Name auf das Obstkörbchen aufgedruckt ist, selbstverständlich in Frakturschrift, sehen für alle aus wie gewöhnliche Himbeeren. Nur nicht für Bergheim, der sich in einer hyperrealistischen Perspektive an die Einzelhimbeere heranzoomt, bis die aus den Fruchtwaben herausragenden Härchen zu Tentakeln und die Fruchtzellen zu gräulichen Spinnenköpfen werden, die in Bergheim den Genussreiz durch blanke Furcht ersetzen. Das Verfahren, sich die Dinge in einem mikroskopischen Verfahren so nahe heranzuholen, bis sie zur Unkenntlichkeit entstellt sind, ist eines der ästhetischen Prinzipien von "Hysteria", das wiederum anschlussfähig ist an die nicht ohne Grund zitierten subtilen Jagden des Käfersammlers Ernst Jünger.

Die Welt, die Nickel weniger beschreibt als neu entwirft, ist in einem Schwebezustand zwischen Archaik und unheilvollem Zukunftsszenario. Es stimmt nicht nur etwas mit den Himbeeren nicht; die ganze Welt scheint sich in einem Kippmoment zu befinden, den allerdings nur Bergheim ("Merkten die anderen Marktbesucher denn nicht, was hier gerade geschah?") in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen in der Lage ist. Er steht für eine Epoche des Verfalls, der sich ganz offensichtlich darin manifestiert, dass die Natur durch Künstlichkeit ersetzt, aber eben in dieser Künstlichkeit in einen Zustand des Ursprünglichen zurückversetzt werden soll.

Bergheim folgt der Spur der Bio-Himbeeren aus der Stadt hinaus zu der Kooperative "Sommerfrische" und gerät schließlich, über Umwege, in das Gebäude und die labyrinthischen Gänge eines kulinarischen Instituts, in dem er sowohl Charlotte, seine Ex-Freundin aus Studienzeiten, als auch seinen ehemaligen Freund Ansgar wiedertrifft.

In jenem Institut entdeckt er ein Gerät, das seinen Benutzer mithilfe elektronischer Impulse in einen tranceähnlichen Zustand versetzt und gedanklich in die Vergangenheit transportiert. Die Erzählebenen wechseln zwischen den Erinnerungen Bergheims an seine Studienzeit und der Gegenwartsebene. Beides ist vielfach miteinander verzahnt, unter anderem durch eine Gruppe von Studierenden, die nicht nur dem Raubbau an der Natur, sondern gleichzeitig auch in einer halbironischen Wendung den zunehmend rigiden Vorschriften "der neu an die Macht gekommenen Ökopartei" ein aus zehn Punkten bestehendes Manifest entgegensetzen. In "Hysteria" ist der Fleischverzehr mittlerweile an allen Wochentagen, die kein oder nur ein N in ihrem Namen führen, verboten.

Nickels Roman ist wie seine Sprache manieristisch, aber nicht manieriert. Er ist raffiniert anschlussfähig an die Literaturgeschichte: Von Kafka hat er das unerklärbar Absurde, von Stifter die Beschreibungsausführlichkeit, von Raabe die Gewissheit, dass die Welt zum Unheil verurteilt ist, obwohl sie noch heil aussieht, und von Jünger den Gestus der heroischen Unterwerfung der Natur, die Bezwingung der Phänomene zugunsten einer Ästhetisierung und eines souveränen Arrangements. Man mag eine solche Schreibweise dekadent nennen und auch reaktionär, aber all diese Zuschreibungen prallen an dem Text ebenso ab wie der Versuch, einen Aktualitätsbezug in ihn hineinlesen zu wollen. Und doch ist "Hysteria" in seiner sprachlichen Eleganz so unanfechtbar wie beunruhigend durch die Erzeugung eines überspannten Grundgefühls von Bedrohung.

In einer wohlgesetzte Schlusspointe, die im Detail nicht verraten werden soll, zersprengt ein sich Bahn brechender menschlicher Affekt Charlottes alle Bemühungen von Kultivierung und durchstößt die sorgsam hergestellte Oberfläche des Artifiziellen. Die immer wieder beschworene Renaturalisierung zeigt hier nicht ihre idyllische, sondern ihre rohe Seite. Und man meint, den Autor hinter den Kulissen zufrieden, aber auch ein wenig irre kichern zu hören.

Eckhart Nickel: Hysteria. Roman. Piper Verlag, München 2018. 240 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 04.09.2018

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