Oper:Aus der Traum

Oper: Am Ende Apotheose: Rusalka, hier dargestellt von der Dragqueen Reflektra.

Am Ende Apotheose: Rusalka, hier dargestellt von der Dragqueen Reflektra.

(Foto: Matthias Baus)

Bastian Kraft inszeniert Dvořáks "Rusalka" an der Staatsoper Stuttgart mit der grandiosen Dragqueen Reflektra, die sich die Titelpartie mit der Sängerin Esther Dierkes teilt.

Von Egbert Tholl

Während Rusalka und ihr Prinz das erste Mal miteinander singen, in der letzten Szene dieser Oper, sitzt Reflektra vor einem Schminktisch und entfernt alle Insignien einer grandiosen Weiblichkeit aus ihrem Gesicht. Abseits der Bühne ist Reflektra Joel Small, Tänzer aus Australien, der auch in verschiedenen Compagnien unterwegs war. Auf der Bühne ist er seit geraumer Zeit meist der Drag-Charakter Reflektra, ein irisierendes Zauberwesen, riesengroß, durchtrainiert und dabei extrem scheu.

Dieses wundervolle Wesen ist Rusalka. Da es sich hier um Dvořáks gleichnamige Oper handelt, ist man unmittelbar versucht zu sagen, Reflektra ist Rusalkas Double, während Esther Dierkes die Figur als Sängerin verkörpert. Beide sind sie auf der Bühne der Stuttgarter Oper, es gibt die eine nicht ohne die andere, sie sind ja eins. Die eine singt, etwa das berückende Lied an den Mond, die andere ist das körperliche und vor allem emotionale Spiegelbild. Doch je länger die Aufführung dauert, desto mehr gewinnt man den Eindruck, die Szene beherrscht Reflektra. Dierkes ist ihr Klang.

Die Oper "Rusalka" erzählt eine Geschichte, von der es viele Varianten in allen möglichen Genres gibt. Das Wasserwesen Rusalka will Mensch werden, weil sie sich in den Prinzen verliebt hat, der in dem See, in welchem sie lebt, badet. Dann umspült sie ihn mit sich selbst, aber er merkt es nicht. Von der Hexe Ježibaba lässt sich Rusalka zum Menschen machen, der Preis ist der Verlust ihrer Stimme. Doch zunächst geht der Plan auf, der Prinz verliebt sich in sie, holt sie an seinen Hof, plant schon die Hochzeit, doch nach einer Woche bereits wird er ihres Schweigens überdrüssig, macht mit einer fremden Fürstin rum, Rusalka ist ob des Verrats entsetzt, der Wassermann holt sie ins Wasserreich zurück. Doch wie das so ist mit Zaubereien - sie gehen nie gut aus. Rusalka ist verloren, selbst dann noch, als der Prinz sich eines Besseren besinnt und Liebe schwört. Er stirbt - und in Stuttgart entschwebt Reflektra, nun wieder Wasserwesen, apotheotisch gen Bühnenhimmel.

Bastian Kraft holt in seiner Inszenierung beide Welten auf die Bühne. Die Menschen stehen für sich, die Wasserwesen - Rusalka, Wassermann, Hexe, weitere Nymphen - gibt es allesamt doppelt, in der Sängerbesetzung und als Dragqueen. Das ist toll, weil die Dragqueens toll sind, aber im Kern ist es nur insofern richtig, als es die menschliche Sicht auf das Andere, das Fremde markiert. Dramaturgisch gesehen sind die Wasserwesen in ihrer Welt konsistent, nur Rusalka will ihre Wesenhaftigkeit ändern. Drag verkörpert den bewussten, inszenierten, spielerischen Übergang von einem Mann zu einer Frau, ja zur Überfrau. Reflektra wird, kaum hat sie den Fischschwanz abgelegt, zu der Überfrau, die Rusalka sein will.

Was wir sehen, ist das Zerbrechen jeder Hoffnung, jeder Sehnsucht, das komplette Scheitern einer Lebensidee

Erst einmal sind die Welten und die künstlerischen Aufgaben klar getrennt, auf einer Traverse hoch oben über der Bühne steht das Gesangspersonal, unten, in einem glitzernden Spiegelreich, sind die herrlich überkandidelten Drags. Die einen singen, bis auf die umwerfende Katia Ledoux als Ježibaba nicht mehr als sehr ordentlich, die anderen spielen. Dazu malt Oksana Lyniv die Musik wie ein Aquarell, führt das Stuttgarter Staatsorchester zu einer Sternstunde seines Tuns. Es spielt unglaublich zart, durchscheinend. Lyniv hat ein außerordentlich gutes Gespür für die hier verarbeiteten Volksmusiken, aber auch für das fast Impressionistische, das Dvořák hier komponiert. Und wenn es sein muss, dann lässt sie es krachen, perfekt, aber nie perfektionistisch. Sie lässt das Orchester atmen, spielen im besten Sinn. Ein fabelhaftes Dirigat.

Krafts Inszenierung setzt ein Zeichen für die Welt außerhalb des Opernhauses und wird am Ende kolossal bejubelt. Doch sie ist nicht ganz frei davon, lediglich ein Bild zu sein. Das zwei Mal eine Wahrheit erhält, die einfach nur niederschmetternd, unfassbar anrührend ist. "Rusalka" wird oft als Märchen gegeben, Martin Kušej entdeckte darin vor zwölf Jahren an der Bayerischen Staatsoper einen psychotischen Kern. Kraft legt nun eine unendliche Traurigkeit frei.

Im zweiten Akt macht sich die elegante Hofgesellschaft fürs Fest bereit, die nun stumme Rusalka stört nur. Reflektra setzt sich vor einen Schminktisch, eine Kamera im Spiegel überträgt ihr Gesicht groß auf Leinwand. Sie sitzt nur da, während die Gesellschaft tost und der Prinz auf neue Liebe sinnt. Sie sitzt nur da und schaut in den Spiegel. Und was wir sehen, ist das Zerbrechen jeder Hoffnung, jeder Sehnsucht, das komplette Scheitern einer Lebensidee. Alles ist in diesem Gesicht, was einem den Atem nimmt.

Und dann am Ende, da schält Reflektra ihr Gesicht frei. Perfekt analog zu dem, was Prinz und Rusalka singen. Reflektra wird ein Mann, das Spiel ist aus. Die Idee, eine andere sein zu können, ist gescheitert. Als Mann, mit Fischschwanz, steigt Reflektra gen Himmel. Nicht als Dragqueen. Für Menschen im Übergang gibt es in unserer Welt noch keine Erlösung. Das ist die bittere Wahrheit.

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