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Mediaplayer:Oben ohne am Pool

Wehe, Wehe, wenn Bill seine Jagdflinte im Wohnzimmer einsetzt!

(Foto: Lighthouse)

"Blood Orange" erzählt von einer Dreiecksgeschiche auf Ibiza. Wäre da nicht Iggy Pop mit seiner Flinte, man könnte ihn glatt übersehen.

Von Bernd Graff

Iggy Pop, das für die jüngeren Leser, wird der "Godfather of Punk" genannt, der Pate des Punk. Zu Unrecht. Denn anders als der "Pate" aus der berühmten Film-Trilogie ist Iggy kein ruhiger Vertreter seiner Geschäfte, der Angebote macht, die man nicht ablehnen kann. Iggy Pop war in den Siebzigerjahren ein Springteufel, der jede Bühne in eine Hüpfburg verwandelte, ein "Jumping Jack Flash", ein Über-Jagger. Seine Auftritte mit den Stooges waren Exzesse persönlicher Verausgabung, nein, der Selbstzerstörung. Zuckungen wie unter Stromschlägen bei Darbietungen auf dem Boden, dann wieder "Stage Diving". Dazu zelebrierte der Mann den Kult um seinen athletisch-muskulösen Körper.

Irgendwann bestand er nur noch aus Sehnen, Maul und Ohren und einem Kopf, der mager über dem nackten Oberkörper torkelte. Diese Disproportion fiel kaum auf, weil man eh' nie viel von Iggy Pop sah, er hielt sich ja kaum länger als eine Nanosekunde an einer Stelle auf. Das alles war kaum auszuhalten, auch nicht für die Zuschauer, und hätte sein Mentor David Bowie ihn nicht Mitte der Siebziger eingefangen (und mit nach Berlin genommen), dann wäre Iggy Pop irgendwann wohl von der Putzkolonne nach einem dieser Konzerte mit dem Restmüll entsorgt worden. Nein, Iggy Pop war nie der "Pate des Punk", er war der "Havarierte Atommeiler des Punk". Der aber über eine der zuverlässigsten Stimmen des gesamten Showbiz verfügte. Auf Youtube kann man den Iggy dieser Jahre bei der Darbietung von "The Passenger" sehen, seinem größten Hit. Iggy Pop wird da von zwei Roadies vom Boden aufgelesen, zum Mikrofonständer getragen, aufrecht gehalten, der Song geht los. Iggy verpasst mehrfach seinen Einsatz und dann singt er "The Passenger", als wäre nichts gewesen.

Es ist immer noch diese Gänsehaut-Stimme, die den heute Siebzigjährigen Iggy Pop auszeichnet. Jetzt trägt sie einen ganzen Film. Oder sagen wir so: Gäbe es den auch in "Blood Orange" immer noch oft barbrüstigen Iggy Pop und sein inzwischen durch alle Höllen gegangenes Organ nicht, man müsste kaum weiter über dieses Werk, den Regie-Erstling von Toby Tobias, reden. Es ist nicht Pops erster Auftritt als Schauspieler, er hat schon 2003 in Jim Jarmuschs "Coffee and Cigarettes" einen sagenhaft komischen Auftritt gemeinsam mit Tom Waits gehabt. Jetzt aber spielt er mit der Figur des todkranken Rockstars Bill die Hauptrolle. Handlung wie Schauplatz sind schnell umrissen: Der dem Ende nahe Bill lebt mit seiner wesentlich jüngeren Gattin Isabelle in einer luxuriösen Finca auf Ibiza. Kacey Barnfields Aufgabe als diese schöne Isabelle ist es, möglichst oft möglichst wenig anzuhaben, am Rotwein zu nippen und die Lippen zu schürzen. Keine Ahnung, ob sie schauspielern kann. Hier muss sie es nicht.

Isabelle fatale geht mit dem Poolboy fremd, für Bill ist das ganz okay. Er zieht dann in Würde, aber etwas hüftsteif auf die Jagd, was zu hübschen Bildern von Iggy-Billy in Lederjacke, Cowboyhut, Piloten-Sonnenbrille und Gewehr in malerischer Landschaft bei Sonnenuntergang Anlass gibt. Toby Tobias hat mal Musikvideos gedreht, das merkt man.

Pop dominiert den Film durch seine Präsenz. Sein Text bleibt überschaubar, er raunt altväterliche Sachen wie "Geld tötet die Liebe". Aber hey! Das muss man mal von Iggy Pop gesprochen hören! Während Isabelle also Badebekleidungs-Utensilien an- und stets rasch wieder ablegt, erscheint Lucas auf dem Anwesen. Er ist so alt wie Isabelle und einst ihr "Stiefsohn" gewesen, weil sie mal seinen Vater geehelicht hatte. Und natürlich hatten auch diese beiden eine Affäre. Als der Vater/Gatte stirbt, erbt Isabelle alles. Und das will Lucas nicht länger hinnehmen. Er will sein Geld zurück, Isabelle wieder dazu, das wäre nicht schlecht. Bill sieht das anders, der Poolboy bleibt involviert. So verdichtet sich die Situation der drei Männer mit einer Frau an einem Pool bald zum existenzbedrohenden Drama.

Ein Film noir wollte das Ganze wohl werden, wurde es aber nicht. Doch meint man ab und zu, wieder auf einem Konzert von Iggy zu stehen.

Blood Orange erscheint am 18. August auf DVD (9,99 Euro) und Blu-ray (12,99 Euro) und ist auch als Video on Demand erhältlich.

© SZ vom 14.08.2017

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