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DVD-Kolumne:Mediaplayer

Neu auf DVD: Alfred Hitchcock schickte einen New Yorker Reporter auf Nazijagd nach Europa. In der MeToo-Komödie "Bombshell" triumphieren Nicole Kidman und Charlize Theron. Und Michael Caine ist Diamanten-Agent.

Europa ist hot, aber es ist sich dessen noch nicht bewusst. Es ist der Sommer 1939, kurz vor Ausbruch des Weltkriegs. Der New York Morning Globe schickt Johnny Jones nach Europa, seinen versierten Kriminalreporter, gespielt von Joel McCrea. Foreign Correspondent war 1940 Alfred Hitchcocks zweiter amerikanischer Film, nach Rebecca, bei uns kam er erst im Dezember 1961 in die Kinos, unter dem Titel Mord und stark gekürzt, der politische (=Nazi-)Kontext war weg. William Cameron Menzies arbeitete bei dem Film eng mit Hitchcock zusammen, er hatte das fantastische Productiondesign von Vom Winde verweht gemacht. Europa wimmelt von Agenten, Friedensaktivisten, Mördern. In Amsterdam gibt es einen Toten, das legendäre Attentat in einer Woge von Regenschirmen. Eine Windmühle ist das Schlupfloch der Naziagenten, McCrea muss hier, im Bemühen, sich vor ihnen zu verbergen, über immer neue Treppen hinauf ausweichen, das ist die Geburt des Suspense aus dem Geist der Vexier-Choreografie des M.C.Escher (der Niederländer war). In London gibt es dann, das abrupte Gegenstück, den Sturz von einem Kirchturm. Edmund Gwenn ist darin verwickelt, der in Hitchcocks britischem Film The Skin Game/Bis aufs Messer die Hauptrolle spielt, nach dem Stück von John Galsworthy - der Film kommt zugleich mit Foreign Correspondent auf DVD heraus. Gwenn ist ein hartgesottener Industrieller, der einen Landedelmann bei einer Auktion ausmanövriert. Dessen Gattin hält dagegen, und schnell ist es vorbei mit der Nobilität. Gwenns Schwiegertochter hat einen dunklen Fleck in ihrer Vergangenheit, Gwenn wird erpresst, verliert einen Haufen Geld und seine Würde als Vater. (beide Filme bei Filmjuwelen)

Die Macht der Frauen, meistens hinter den Kulissen: Blake Edwards, als er in den Siebzigern Geschichten für seine Frau Julie Andrews sucht, steckt sie 1974 in den Spionagethriller Die Frucht des Tropenbaums/The Tamarind Seed. Sie ist Mitarbeiterin im Innenministerium, beim Urlaub auf Barbados nähert sich ihr ein russischer Geheimdienstoffizier, Omar Sharif. Eine Midlife-Romanze. Mehr als die Reinheit dieser Liebe interessiert Blake Edwards natürlich das Geschmuddel des Geheimdienstbetriebs, überall Zynismus, Verlogenheit, Verrat, bestenfalls Professionalität. Die Frauen wissen alles, denn im Bett reden die Männer. Die Vorstellung von Naivität und Unschuld kommt bei Edwards aus dem Slapstick, aus der Jugend des Kinos. Einmal läuft, bevor ein Paar zur Sache kommt, ein Film im Fernsehen, das ist Foreign Correspondent, und das Mühlrad knackt... (Pidax)

Noch einmal Zynismus, Verlogenheit, Professionalismus, im amerikanischen Nachrichtenfernsehen: Bombshell, von Jay Roach. Eine MeToo-Komödie, die Affäre um Roger Ailes, den mächtigen Mann bei Fox News, Trumps treureaktionärem Haussender. Ailes hat ihn hochgebracht, ein Jünger von Marshall McLuhan: Das Medium ist die Message, Fernsehen ist ein optisches Medium, also: toll gestylte Moderatorinnen in engen kurzen Röcken. John Lithgow ist fantastisch als der kranke, geile Ailes, zur Bewerbung müssen die Frauen den Rock hochziehen. 2016 wird er verklagt wegen sexueller Belästigung, Charlize Theron und Nicole Kidman sind im Film seine Gegenspielerinnen, cool wie Hitchcockblondinen. (EuroVideo)

Nochmal Charlize Theron im MeToo-Umfeld: Long Shot, von Jonathan Levine, den fülligen schleimigen Medienmogul gibt hier Andy Serkis. Theron ist Charlotte, die in der Jugend von Fred Flarsky angegangen wurde, plötzlich hat er ihr einen Kuss aufgedrückt und eine Erektion gekriegt. Er war dreizehn, sie hat als seine Babysitterin fungiert. Nun ist sie die US-Außenministerin, soll Präsidentin werden. Seth Rogen ist Fred Flarsky. Gemeinsam stemmen sie ein internationales Projekt zur Umweltrettung, gemeinsam erleben sie die Aurora borealis. Sie habe sich immer für die Underdogs eingesetzt, sagt Charlotte, und die Erde ist der größte Underdog von allen. (Studiocanal)

Noch ein Amerikaner in London, Don Siegel und sein Agententhriller Die schwarze Windmühle, aus dem gleichen Jahr wie Tamarind Seed. Kein reiner Genrefilm, es geht um kriminelle Motive, Diamanten im Wert von 517 075 Pfund. Der Sohn von Michael Caine, der Mitarbeiter im britischen Geheimdienst ist, wird gekidnappt. Caine soll die Diamanten nach Paris bringen, er lebt getrennt von seiner Frau, nun finden sie wieder zusammen. Die Liebe macht sie zum Team, oder umgekehrt, die Erinnerung an einen Film, den sie gemeinsam anschauten. Hier ist Mr. Trapp, stellt Caine sich doppelsinnig am Telefon vor, und später singt sie leise das Lied: The hills are alive with the sound of music ... (Koch Films)

© SZ vom 29.06.2020

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