Die Filmstarts der Woche:Welche Filme sich lohnen und welche nicht

Lesezeit: 6 min

Christian Schwochow warnt vor der Verführungskraft der neuen Rechten, Daniel Sager blickt den Reportern der SZ über die Schulter - alle Neustarts in Kurzrezensionen.

Von den SZ-Kritikern

A-ha - The Movie

Annett Scheffel: 50 Millionen verkaufte Platten und ein Welthit, um den in den Achtzigern niemand herumkam: Die Dokumentation von Thomas Robsahm und Aslaug Holm erzählt in Collagen aus akribisch zusammengetragenem Archivmaterial und ausführlichen Interviews von der norwegischen Pop-Sensation. Vielmehr als um die üblichen Lobpreisungen geht es hier aber um das Porträt einer Band, deren musikalisches Schaffen von privaten Streitigkeiten und Konflikten geprägt ist, die eine größere Geschichte erzählen: das Tauziehen zwischen künstlerischen Visionen und den Zwängen der Musikindustrie.

Atomkraft Forever

Anna Steinbauer: Mit dem Atomausstieg 2022 endet in Deutschland die Ära Kernenergie, doch der nukleare Albtraum beginnt erst. Wohin mit dem radioaktiven Müll, der mindestens eine Million Jahre gelagert werden muss? Carsten Raus kluger, desillusionierender Dokumentarfilm beleuchtet sämtliche Aspekte der umstrittenen Energiewende. Er begleitet die Revision einer Anlage in Greifswald, lässt in Gundremmingen die Menschen zu Wort kommen, für die dampfende Kühltürme Heimat bedeuten, und richtet den Blick nach Frankreich, das die meisten Atomkraftwerke Europas besitzt.

Bori

Anke Sterneborg: Als einzige Sprechende unter Gehörlosen fühlt sich die elfjährige Bori aus der eigenen Familie ausgeschlossen. Die Konstellationen des südkoreanischen Films gleichen denen des amerikanischen Indie-Hits "Coda", nur dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität in der kleinen Familie und der weiten Welt hier schon ein paar Jahre früher angestoßen wird. Behutsam ziehen Kim Jin-yu, der auch das Drehbuch geschrieben hat, und die wunderbar leise spielende Kinderdarstellerin Kim Ah-song den Zuschauer in die kindliche Wahrnehmung hinein und sensibilisieren damit auch für alltägliche Diskriminierungen aller Art.

Dune

Tobias Kniebe: Völker im Weltraum mit mächtigen Armeen, vereint in einem Rat, kontrolliert von einem Imperator. Ein uralter Kult, dessen Mitglieder die Gedanken ihrer Gegner manipulieren können. Und ein umkämpfter Wüstenplanet, auf dem ein Auserwählter zum neuen Herrscher der Galaxis heranreift ... Lang vor "Star Wars" war Frank Herbert mit seiner "Dune"-Romansaga da, der erste große, ewig einflussreiche Universen-Erbauer der Popkultur. Jetzt startet ein neuer Verfilmungszyklus mit Timothée Chalamet in der Hauptrolle. Der Ton ist Herbert treu, fast zu ernst für die heutige Marvel-Welt. Aber keiner filmt derzeit so herrlich dystopische Welten wie der Regisseur Denis Villeneuve.

Everyone's Talking About Jamie

Magdalena Pulz: Die Geschichte dieses Musical-Films, der auf einer wahren Begebenheit beruht, ist schnell erzählt: Jamie, ein 16-jähriger schwuler Brite mit wasserstoffblondem Haar, träumt davon ein Star zu sein, besser gesagt: eine Star-Drag-Queen. Mit seiner Drag-Persona will er ausgerechnet auf dem Abschlussball seines Schuljahrgangs debütieren. In den Wochen zuvor muss sich Jamie natürlich allerlei Vorurteilen und Anfeindungen stellen. Klingt düster, ist aber absoluter Pop-Fluff: Jonathan Butterells Film beruht auf einem erfolgreichen Musical und erhält sich dessen lockeren Ton. Die BBC-Dokumentation von 2011 über den echten Jamie ist allerdings bewegender: "Jamie: Drag Queen at 16" (beide Filme bei Amazon Prime Video).

Garagenvolk

Ana Maria Michel: Sie schnitzen Ikonen, spielen Soldaten oder heben nur mit Spaten und Eimer ein Leben lang unterirdische Stockwerke aus. Für das Debüt der Regisseurin Natalija Yefimkina haben einige Männer im russischen Norden die Tore ihrer Garagen geöffnet. Die Dokumentation erlaubt einen Einblick in diese Rückzugsorte, wo geträumt, gewerkelt, aber auch gesoffen wird. Und wofür das alles eigentlich? "Das Leben ist so lang, wie man Pläne hat", sagt einer der Männer. Also machen sie welche, solange sie noch können.

Geschlechterkrise

Philipp Stadelmaier: Macht verleihendes Haar wechselt den Besitzer in dieser deutschen Stummfilmkomödie von Malte Wirtz. Die antiquierte Geschlechterkriegsvorstellung passt ebenso zur Stummfilmära wie die absurde Handlung, die schöne Klavierbegleitmusik und die Ironie der Zwischentitel. Ein sympathischer Film, der nicht mehr will, als etwas Vergnügen zu bereiten, um der Gegenwart, in der er spielt, kurz zu entkommen. Seine Seltsamkeit ist sein größter Trumpf.

Herr Bachmann und seine Klasse

Alex Rühle: Klar, Englisch, Mathe und Grammatik sind wichtig. Trotzdem sieht dieser Lehrer seine Hauptaufgabe darin, Zeit zu haben für jedes einzelne Kind, jeden Tag von Neuem. So ist es nur konsequent, dass sich die Dokumentarfilmerin Maria Speth ebenfalls Zeit nimmt: Herr Bachmann und seine Klasse werden dreieinhalb Stunden lang dabei gezeigt, wie sie innerhalb eines Schuljahres zu einer engen Gemeinschaft zusammenwachsen. Der Film, der auf der Berlinale den Preis der Jury gewann, ist trotz seiner rein beobachtenden Zurückhaltung eine so anrührende wie packende Feier der gelungenen Pädagogik. Und mit seinen zwanzig Kindern aus zwölf Nationen zugleich eine Art Idealversion eines integrativen Zukunftslabors.

Hinter den Schlagzeilen

Fritz Göttler: Journalisten haben das Kino schon immer fasziniert, je investigativer, desto aufregender. Daniel Sager folgt nun in seinem Dokfilm einigen Journalisten der SZ, Bastian Obermayer, Frederik Obermaier und ihren Kollegen, die nach akribischen Nachforschungen spektakuläre Fälle in Politik und Wirtschaft in die Zeitung brachten. Es beginnt melancholisch, mit Recherchen zum Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia auf Malta im Oktober 2017, im zweiten Teil steigert sich dann die Spannung, wenn es darum geht, ob und wie man das Ibiza-Video mit dem österreichischen Vizekanzler Hans-Christian Strache publik machen soll und darf. Sager ist mit der Kamera nah dran am Geschehen, so nah es eben möglich ist, denn die Investigativreporter müssen in die gleichen Schatten tauchen, in denen die Personen, denen sie auf der Spur sind, oder Informanten sich bewegen.

Ivie wie Ivie

Anke Sterneborg: Ivie (Haley Louise Jones) ist eine gut integrierte Afrodeutsche, deren Weltbild durcheinandergewirbelt wird, als sie mit ihrer Halbschwester Naomi (Lorna Ishema) konfrontiert ist, die mit ihr zur Beerdigung des für beide unbekannten Vaters nach Senegal reisen möchte. Vieles, was sie bisher selbstverständlich hingenommen hat, wie den Spitznamen Schoko, die Fragen nach ihrer Herkunft oder die Absagen nach Bewerbungsgesprächen, liegt plötzlich quer. In ihrem Spielfilmdebüt verarbeitet Sarah Blaßkiewitz ihre eigenen Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus und regt ganz ohne Zeigefinger dazu an, ungute Muster zu hinterfragen.

Je suis Karl

Fritz Göttler: Ein Lehrstück aus der finsteren Welt der politischen Verführungen und Verschwörungen. Luna Wedler ist das Mädchen Maxi, das durch eine (islamistische?) Paketbombe Mutter und Brüder verliert, Jannis Niewöhner ist der smarte Karl, der mit anderen Studenten Europa vor dem Chaos retten will, bei Großveranstaltungen in Prag oder Straßburg. Ihr Plan für die Manipulation der öffentlichen Meinung ist simpel und wird mit fanatischem Einsatz ausgeführt. (Der Titel spielt auf den Satz "Je suis Charlie" an, in Reaktion auf den Terrorangriff auf die Redaktion von Charlie Hebdo.) Mit Intrigen kennt das Kino sich aus, aber Christian Schwochow hat die coole Inszenierung immer wieder mit melodramatischem Pathos beschwert.

Madison - ungebremste Girlpower

Ana Maria Michel: Die junge Radrennfahrerin Madison (Felice Ahrens) will Profi werden, genau wie ihr Vater. Nach einem Zwischenfall darf die Zwölfjährige die Ferien jedoch nicht mehr im Trainingscamp verbringen, sondern muss in die Tiroler Alpen. Dort merkt sie nicht nur, dass sie auf dem Mountainbike mehr Spaß hat als auf dem Rennrad. Kim Strobl zeigt vor schöner Bergkulisse, dass Freundschaft wichtiger sein kann als Gewinnen und dass es Kinder glücklich macht, wenn sie ihre Entscheidungen selbst treffen dürfen.

Paolo Conte - Via con me

Philipp Stadelmaier: Seine von unzähligen Zigaretten sanft und dunkel gerauchte Stimme, die umhüllt und tief in die Seele dringt. Seine Welthits - "Azzurro", "Gelato al limon", "Sparring Partner" - voller Eleganz, Zärtlichkeit und Poesie. Giorgio Verdelli verneigt sich in seiner (zu) nostalgischen Doku vor dem piemontesischen Anwalt und Cantautore Paolo Conte, der "das Wesen der Lieder verteidigt" und von Roberto Benigni als "Fürst der italienischen Musik" verehrt wird.

Saw: Spiral

Helena Zacher: Viel hätte man aus der Thematik Korruption bei der NYPD machen können. Auch die namhaften Schauspieler lassen zunächst auf einen wenigstens mittelmäßigen Film hoffen. Doch das vorhandene Potenzial wurde mit vollen Händen verschenkt - stattdessen zeigt Regisseur Darren Lynn Bousman einen überdrehten Chris Rock sowie einen fehlplatzierten Samuel L. Jackson in einem wenig tiefsinnigen, schon gar nicht witzigen, nur ermüdenden Reigen der Grausamkeit.

Schumacher

Philipp Schneider: Diese Dokumentation ist nicht bloß eine Geschichte über Michael Schumacher, den siebenmaligen Weltmeister der Formel 1. Sie ist eine Familiengeschichte. Die Filmemacher Hanns-Bruno Kammertöns, Vanessa Nöcker und Michael Wech lassen Bilder sprechen an den Stellen, an denen die Schumachers weiter schweigen. Wer sich aber emotional einlässt auf diese handwerklich exzellente Dokumentation, erhält ein Verständnis dafür, wie der Clan, geführt von Corinna (der heimlichen Protagonistin), eine Festung um Michael errichtet hat, die bis heute niemand schleifen kann (auf Netflix).

Small World

Anna Steinbauer: Als die vierjährige Ola verschwindet, beginnt die endlose, blutige Odyssee des polnischen Polizisten Robert Goc (Piotr Adamczyk) auf den Spuren eines pädophilen Kinderhandel-Rings quer durch Russland, Großbritannien und bis nach Thailand. Regisseur Patryk Vega inszeniert die jahrelange hoffnungslose Suche des Polizisten zwischen russischer Mafia, perversen Menschenhändlern und sexuell ausgebeuteten Minderjährigen als brutalen, etwas zu überladenen Rachefeldzug-Krimi.

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