Duisburg und die Loveparade Der Fluch des Events

Die Toten von Duisburg sind nicht nur Schicksalsschläge, sie sind auch Opfer von Großmannssucht: Die Städte gehen im Zuge der um sich greifenden Eventisierung ganz bewusst Risiken ein.

Von Gerhard Matzig

Am Pranger stehen - als "Schuldige von Duisburg" (Bild) - vor allem Menschen: Politiker, Veranstalter oder sonstige Funktionäre jener Geschehnisse, die nun zur "Todesparade" verdichtet werden. Als lägen die Dinge nicht komplizierter. Natürlich: Wer irgend Schuld trägt an den Toten der Loveparade, soll dafür zur Verantwortung gezogen werden. Aber welche Strafe steht auf "Großmannssucht"? Ist das ein Tatbestand?

Ob Fanmeile oder Parks und Plätze, die immer öfter als Marathonstrecken, Christkindlmärkte oder eben als Partyzonen fungieren: In der Internet-Ära muss die Sehnsucht nach realer gesellschaftlicher Begegnung und Teilhabe, mag sie einem auch noch so abstrus erscheinen, gestillt werden.

(Foto: afp)

Nein - und doch kommt man im Bemühen, den Fall Duisburg in seiner ganzen illustrativen Dimension zu begreifen, um diesen weichen, denkwürdig konturlosen Begriff nicht mehr herum. All die Kommentare und Analysen, die uns mittlerweile die Zusammenhänge von Inkompetenz, Fahrlässigkeit, Gewinnstreben und politischem Druck auseinandersetzen (und nach Verantwortlichkeit rufen), scheuen auf sonderbare Weise vor dem Begriff, den sie selbst andauernd ins Spiel bringen. Tatsächlich kommt man in der Motivsuche weiter, wenn man die nun so oft behauptete, dabei irgendwie schon wieder harmlos klingende Großmannssucht der Stadt Duisburg ernst nimmt.

Womöglich ist es wirklich ein Bild, das mehr sagt als tausend Leitartikel: das Bild, welches ein Duisburger Stadtoberhaupt zeigt - mit Blick auf Düsseldorf. Es ist das Bild der Städte-Konkurrenz inmitten eines urbanistischen Millenniums. Allerdings kommen in diesem Bild nicht nur ein singulärer Skandal und singuläre Verantwortlichkeit zum Vorschein - sondern das zwangsläufige Ineinandergreifen eines ganzen Systems. Und es zeigt sich, dass die Toten von Duisburg nicht nur Schicksalsschläge sind - sondern auch die Opfer systemimmanenter Risiken, die auch anderswo eingegangen werden. Duisburg ist daher kein Einzelfall - sondern es ist nur verblüffend, dass nicht woanders schon längst Ähnliches geschehen ist.

Denn die Stadt der Gegenwart geht im Zuge ihrer um sich greifenden Eventisierung ganz bewusst Risiken ein. Masse als quantitatives und zugleich qualitatives, also emotionalisiertes Phänomen: Das ist nie ohne Risiken und tendenziellen Kontrollverlust zu haben. Die Masse ist aber eine der wichtigsten Währungen der modernen Stadtgesellschaft. Verhandelt wird jetzt also weniger ein sicherheitstechnisches, popkulturelles oder demographisches Thema. Sondern eines der Urbanität. Es ist ja auch zeichenhaft, dass in den Städten Stadien, Arenen, Messen, Konzerthallen, Erlebnisparks oder temporär umgewidmete Brachen (wie in Duisburg) die archaischen Versammlungs-Bautypologien von Kirche, Rathaus oder Marktplatz längst abgelöst haben.

Die Fanmeile kann man ebenso subsumieren wie die Parks oder Plätze, die immer öfter als Marathonstrecken, Fisch- oder Christkindlmärkte oder eben als Partyzonen fungieren - es ist eine Frage des Maßstabs. Der Furor raumgreifender Öffentlichkeit entfaltet sich ebenfalls nicht zufällig jetzt: Öffentlichkeit ist das Wesen der Internet-Ära - und zugleich ist die Virtualität nicht in der Lage, die Sehnsucht nach realer gesellschaftlicher Begegnung und Teilhabe, mag sie einem auch noch so abstrus erscheinen, zu stillen. Zu dieser gesellschaftlichen Entwicklung aber kommt das Renditeversprechen des Stadtmarketings. Und es ist dieser Kurzschluss von Stadtgesellschaft und Event, der den Fall Duisburg als so illustrativ und zugleich als mahnend erscheinen lässt.

Städte sind längst schon Getriebene. Zuletzt hatte eine Studie der Bertelsmann Stiftung zum demographischen Wandel und zu den entsprechenden Auswirkungen auf die Städte in Deutschland darauf hingewiesen: In einer Zeit, da weltweit erstmals mehr Menschen in städtisch definierten Agglomerationen als auf dem Land oder in ländlichen Siedlungsstrukturen leben, kann es nur noch Sieger und Verlierer geben unter den Städten. Nun kennt man die Konkurrenz der Standorte schon seit der Antike. Und in der Renaissance suchten sich Städte in den Disziplinen Ökonomie, Kultur und Wissen gegenseitig zu übertrumpfen. Die Folgen waren und sind: einzigartige Architekturen, die Blüte von Wissenschaft und Kunst, prosperierende Städte. Die europäische Zivilgesellschaft wäre ohne diese Konkurrenz undenkbar.

Es ist aber eine weitere Disziplin in diesem Wettbewerb hinzugekommen: das Event als Abdruck einer Stadt inmitten der zeitgenössisch interpretierten "Ökonomie der Aufmerksamkeit" (Georg Franck). Zwei Mittel stehen den Städten derzeit außerhalb tradierter Profilierungsmöglichkeiten zur Verfügung: die emblematische Architektur global herumgereichter "Signature Buildings" - oder das Mega-Event. Städte buhlen darum wie früher um Universitäten und Industrien. Es geht daher auch nicht mehr um die Berliner Loveparade, sondern eben auch um die von Bochum (die klugerweise nicht zustande gekommen ist) oder Duisburg. So wie die Frankfurter Buchmesse auch eine Münchner Buchmesse sein könnte - und die Winterspiele zwar in München / Garmisch, aber natürlich auch in Pyeongchang stattfinden können. Der Druck auf die Städte ist enorm in der Konkurrenz um Profile, Standorte und Images.

Das entschuldigt den Wahnsinn unzulänglicher, ja völlig verfehlter Planung unter Umgehung der Sicherheitsstandards keineswegs. Es ist aber auch klar, dass die Städte in ihrer so öffentlichen wie privatwirtschaftlichen Sehnsucht nach Zeichenhaftigkeit, in ihrem Buhlen um immer größere Massenmobilisierungen, immer neue Risiken schaffen oder eingehen werden - weil die Events nicht nur angeboten, sondern auch nachgefragt werden.

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