Architektur:Kunst statt Körner

ACHTUNG: S P E R R F R I S T: 23.09.2021, 12 Uhr
DAS NEUE MKM -
Eröffnung des Erweiterungsbaus von Herzog & de Meuron
und Neupräsentation der Sammlung Ströher

Eine Tate Modern an der Ruhr: die Küppersmühle in Duisburg.

(Foto: Simon Menges/MKM Duisburg/Herzog & de Meuron)

Nach langer Verzögerung öffnet der Erweiterungsbau des Museums Küppersmühle. Das Büro Herzog & de Meuron hat den Getreidesilos an der Ruhr einen neuen Sinn gegeben - einfach war das nicht.

Von Alexander Menden

Der Blick hinauf in den Silo-Turm ist schwindelerregend. Wo früher Getreide zur Weiterverarbeitung lagerte, gähnt nun ein stählerner, 45 Meter hoher, edel korrodierter Stahlschacht. Die sechs inneren Röhren wurden herausgenommen, der so entstandene Hohlraum bildet eine vertikale Verbindungslinie zwischen drei Ausstellungsgeschossen, horizontal vereinigt durch zwei anthrazitfarbene Stahlbrücken im ersten und zweiten Obergeschoss. Dieser Übergang vom Bestandsbau des Duisburger Museums Küppersmühle für Moderne Kunst (MKM) zu seinem neuen Erweiterungsbau hätte spektakulärer kaum ausfallen können.

Selten wohl wurde die Eröffnung eines so gelungenen Projektes von solch apokalyptischen Worten begleitet. Von einem "brutal gescheiterten" Versuch und "Pfusch am Bau" spricht der Schweizer Star-Architekt Jacques Herzog, als er über die Genese des neuen Anbaus berichtet. Von einer "ernsthaften Krise" spricht später, bei der Führung durch das Haus, auch Robert Hösl, der für die Umsetzung des Projektes verantwortliche Partner des Büros Herzog & de Meuron. Doch zum einen sind solche Begriffe angemessen für einiges von dem, was zwischen 2008 und 2011 beim ersten Anlauf zu dieser östlichen MKM-Erweiterung geschah, zum anderen machen sie das, was am Duisburger Innenhafen letztlich entstanden ist, umso bemerkenswerter.

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Eröffnung des Erweiterungsbaus von Herzog & de Meuron
und Neupräsentation der Sammlung Ströher

Vom Getreide- zum Kunstspeicher: Blick in die Silos.

(Foto: Simon Menges/MKM Duisburg/Herzog & de Meuron)

Herzog zieht immer wieder selbst den Vergleich zur Londoner Tate Modern. Nicht zu Unrecht, denn fundamental betrachtet handelt es sich bei beiden um backsteinerne Industriedenkmäler am Wasser, zu deren Erhaltung das Basler Büro durch Umbau in ein Museum beitrug. Schon von 1997 bis 1999 hatten Herzog & de Meuron sich der ein Vierteljahrhundert zuvor stillgelegten Getreidemühle gewidmet. Sie machten aus einer Gebäudesequenz mit mehreren Entstehungsphasen ein kohärentes Ganzes. Der Duisburger Sammler Hans Grothe hatte das Projekt initiiert, seit 1999 wurde in den Galerieräumen des Stammhauses seine umfassende Sammlung deutscher Nachkriegskunst gezeigt.

Diese Sammlung ging 2005 in den Besitz der Darmstädter Wella-Erbin Sylvia Ströher und ihres Mannes Ulrich über. Die Sammlung verdoppelte sich annähernd, von 800 auf 1500 Arbeiten. So ziemlich alle bedeutenden deutschen Künstlerinnen und Künstler seit 1945 sind mit Arbeiten vertreten, darunter Baselitz, Trockel, Höfer, Polke, Richter, Kiefer und Albers. Um dem gesteigerten Platzbedarf gerecht zu werden, leitete der Betreiber, die Bonner Stiftung Kunst und Kultur, 2008 eine neue Bauphase ein: Herzog und de Meuron wollten dem Siloturm - ästhetisch wiederum ähnlich wie bei der Tate Modern, aber auch der Hamburger Elbphilharmonie - einen leuchtenden Kubus aufsetzen.

Im Nachhinein betrachtet war die Bruchlandung wohl Glück im Unglück

Doch dann erwies es sich aufgrund von Konstruktionsmängeln als unmöglich, das dafür notwendige Stahlskelett auf die Silos zu heben. Die beauftragte Stahlbaufirma ging Pleite, die Duisburger Wohnungsbaugesellschaft ächzte unter den mittlerweile auf mehr als 30 Millionen Euro angewachsenen Baukosten. Eine Bruchlandung, wie Herzog sagt. Die Ströhers fingen 2014 mit der Gründung der MKM-Stiftung die Kosten auf und bewiesen als entsprechend solvente, nunmehr alleinige Bauherren einen langen Atem.

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Mit Ziegelstaub rot gefärbt: die Sichtbetontreppe im Dreiecksbau.

(Foto: Simon Menges/MKM Duisburg/Herzog & de Meuron)

Betrachtet man das Ergebnis des 2017 in Angriff genommenen zweiten Versuchs, kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass die Bruchlandung wohl Glück im Unglück war. Denn statt Markenarchitektur ist nun eine Erweiterung entstanden, die sich weit organischer an den bisherigen Bestand anschließt, als der ausladende Leuchtquader es je vermocht hätte. Das Silo wurde von außen durch einen Betonaufbau mit begehbaren Dachterrassen ergänzt. Die Fassade des in drei Baukörper unterteilten Neubaus ist, die Optik des Stammhauses fortsetzend, in Backstein ausgeführt. Insgesamt 2 500 zusätzliche Quadratmeter an Ausstellungsfläche, verteilt auf 36 neue Galerieräume, sind in zwei Kuben untergebracht, hinzu kommt ein dreieckiger Bau für Versorgung und Transport. Dessen Spitze weist direkt auf die nur 40 Meter entfernte Autobahn A59. Für jeden dort Vorbeifahrenden ist der neue Riesenschriftzug "Küppersmühle" an der geschränkten Ostfassade nicht zu übersehen. Im Dreiecksbau windet sich auch die mit Ziegelstaub rot gefärbte Sichtbetontreppe nach oben. Sie wurde optisch jener im Bestandsbau angepasst.

Als die vielleicht attraktivsten, am wenigsten dem White-Cube-Standard entsprechenden Bereiche erweisen sich die Vorräume zwischen Silo und Galerien. Die äußeren Wölbungen der vernieteten Stahlröhren liegen frei, Brüstungen mit eingelassenen Sitzgelegenheiten machen aus einer Zone, die leicht zum ungemütlichen Unort hätte werden können, zusätzliche kleine Ausstellungsbereiche. Das stärkste Statement hingegen ist sicherlich der große Saal im dritten Stock mit 450 Quadratmetern Fläche. Beleuchtet durch ein lichtdurchlässiges Sheddach mit acht Lamellen sowie durch zwei langgestreckte, schmale Fenster (noch eine Anlehnung an die Tate Modern), ist dieser Raum zur Eröffnung einer Sonderschau der Arbeiten Erwin Bechtholds zu sehen.

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Hell dank Sheddach: der Saal im dritten Stock.

(Foto: Simon Menges/MKM Duisburg/Herzog & de Meuron/© Erwin Bechtold/Anselm Kiefer)

Vor allem das Silo hat das Zeug zum neuen Wahrzeichen des MKM. Mit seinen langgestreckten Dimensionen, wird es eine komplexe, aber wunderbare Herausforderung für jeden Künstler sein, der es zukünftig bespielt. "Wir sind Duisburg, es braucht gute Gründe, hierherzukommen", konzediert MKM-Direktor Walter Smerling. Die erweiterte Küppersmühle ist sicher nicht der schlechteste.

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