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"Der Duft von wildem Thymian" auf DVD:Ist das schon Satire?

Der Duft von wildem Thymian

Was Emily Blunt und Jamie Dornan als zwei irische Farmer voneinander fernhält, weiß allein Regisseur John Patrick Shanley.

(Foto: Capelight)

Die Irland-Schmonzette "Der Duft von wildem Thymian" jagt Emily Blunt, Christopher Walken und Jon Hamm in einen Tiefpunkt ihrer Karrieren hinein.

Von Susan Vahabzadeh

Es ist wahnsinnig schwierig, "Der Duft von wilder Thymian" zu hassen, dabei hat der irischstämmige Regisseur und Drehbuchautor John Patrick Shanley sein Bestes getan, es einem leicht zu machen. Sein Film sieht aus, als hätte ihn das irische Tourismus-Ministerium gesponsert, die Geschichte ließe Nicholas Sparks in ihrer Schmonzettenhaftigkeit vor Neid erblassen, er hat ein paar richtig gute Schauspieler in Tiefpunkte ihrer Karriere hineingejagt und mit seiner Aneinanderreihung von Stereotypen über die Bewohner der irischen Republik sogar die Klischee-Toleranz der Koboldhüter des irischen Leprechaun-Museums überfordert. Aber das Ergebnis dieser Mixtur ist so irre, dass es schon wieder charmant ist.

Fangen wir mal am Anfang an - da sagt eine Stimme aus dem Off: "Willkommen in Irland, mein Name ist Tom Reilly und ich bin tot." Damit ist der Ton gesetzt. Subtilität ist nicht mehr zu erwarten. Diesen Reilly, den toten Erzähler, der über weite Strecken des Films dann doch noch am Leben ist, spielt Christopher Walken, der von zwei Kindern erzählt, seinem Sohn Anthony und der Nachbarstochter Rosemary. Die beiden sind füreinander gemacht, das erkennt man schon daran, dass sie offenkundig aus demselben Paralleluniversum der schlecht erfundenen Kinder stammen: "Mutter Natur, warum hast Du mich so geschaffen?" befragt der kleine Anthony mit großen Augen den Sternenhimmel, während Rosemary, kaum groß genug, um über den Tisch zu gucken, etwas von ihrer "Bestimmung im Leben" faselt.

Die beiden werden dann erwachsen und von Jamie Dornan und Emily Blunt gespielt. Sie schleichen von ihren nebeneinanderliegenden Farmen aus umeinander herum, finden aber nicht zueinander, bis eine sehr unplausible Story um eine Enterbung ausgestanden ist. Was sie ansonsten voneinander fernhält, weiß John Patrick Shanley allein. Shanley hat beispielsweise das Drehbuch zu Norman Jewisons wunderbarem "Moonstruck" geschrieben - aber hier hat ihm die Muse wohl den Kuss verweigert. Rosemary und Anthony sprechen Dialoge wie von einem Computerprogramm nach dem Kriterium größtmöglicher Beliebigkeit generiert - "Lass uns die Sonne ausnutzen." - "Sie scheint doch gar nicht." - "Ich glaube doch, dass sie scheint."

Im Original kommen noch ein paar irritierende falsche irische Akzente dazu

Ansonsten hört man fast immer, wenn nicht plötzlich Schwanensee ertönt, irisches Folk-Gedudel, die Menschen ziehen sich merkwürdig an und tun so, als seien die letzten fünfzig Jahre spurlos an Irland vorübergezogen. Das ist ein bisschen so, als würde ein Filmemacher für einen Blick auf die Schönheit Oberbayerns verlangen, ihm zeitgenössische Alpenbewohner abzukaufen, die abends am Kachelofen in Lederhosen Blaskapellenmusik vom Grammophon lauschen.

Aber John Patrick Shanley macht auch vor geschlechtsspezifischen Stereotypen nicht halt. Noch eine Dialogperle, da hat Rosemary schon einen schicken New Yorker kennengelernt: "Warum solltest Du mich wollen, wenn er doch nach Lilien riecht?" Darauf Rosemary: "Männer müssen stinken, so wie Du." Ist das schon Satire oder kann das weg? Ach, übrigens: Es gibt Filme, die sollte man sich unbedingt nicht im Original anschauen, und "Der Duft von wildem Thymian" gehört dazu, denn dann kämen noch ein paar ganz irritierende falsche irische Akzente dazu. Schlechten Filmen kann man ja übel mitspielen, indem man ihr Ende verrät - aber das wäre in diesem Fall so gut wie unmöglich. Die spektakuläre Erklärung für Anthonys Nöte am Ende von "Der Duft von wildem Thymian" spottet jeder Beschreibung..

Wild Mountain Thyme, USA 2020 - Regie und Buch: John Patrick Shanley. Kamera: Stephen Goldblatt. Mit: Emily Blunt, Jamie Dornan, Christopher Walken, Jon Hamm. Auf DVD. Capelight, 102 Minuten.

© SZ/khil
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