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100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt:Wozu Mensch überhaupt?  

Friedrich Dürrenmatt with his cockatoo

Die Welt von oben: der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt.

(Foto: ullstein bild via Getty Images)

Vor 100 Jahren wurde Friedrich Dürrenmatt geboren. Die Nachwelt hat ihn als Schulbuchautor eingesargt. Dabei bleibt sein apokalyptisches Weltbewusstsein aktuell und eine Herausforderung.   

Von Martin Ebel

Wenn ein Autor in den Schulen gelesen wird, hat er es geschafft - aber er ist dann auch geschafft. Gewiss, er hinterlässt mehr oder weniger tiefe Leseeindrücke in jugendlichen Seelen, und die Theater spielen ihn (weil die jugendlichen Zuschauer klassenweise anrücken müssen), aber man ist auch fertig mit ihm.

Friedrich Dürrenmatt: Das sind Spurenelemente in Leserhirnen, eine rachsüchtige alte Dame und drei mehr oder weniger verrückte Physiker, dazu ein Richter und sein Henker, vielleicht noch jener Satz aus der Havel-Rede, dass die Schweiz ein Gefängnis sei, in der jeder Gefangene sein eigener Wärter sei, und die seltsame Zerfreundschaft mit Max Frisch. Ein moderner Klassiker, mehr Klassiker als modern.

Dabei ist Friedrich Dürrenmatt, der am 5. Januar 2021 seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte - wenn ihm, dem schweren Diabetiker, der schon mit 48 seinen ersten Herzinfarkt hatte, ein so langes Leben vergönnt gewesen wäre -, ist dieser Dürrenmatt immer noch eine Provokation. Er gehört, wie Kafka und Camus, zu den großen Infragestellern dieser Welt. Zu denen, die sich fragen, wie man in einer sinnlosen Welt sinnvoll, vernünftig, gar moralisch handeln kann.

"Die Schweiz stand Schmiere beim Weltverbrechen"

Ausgangspunkt dieser Frage war für den jungen Dürrenmatt paradoxerweise die Erfahrung, verschont zu sein. Während rings um die Schweiz der Zweite Weltkrieg tobte, Millionen auf den Schlachtfeldern starben oder in Lagern ermordet wurden, wartete das Land ängstlich auf einen Einmarsch, der nicht kam, weil es für Hitler unbesetzt viel nützlicher war.

"Die Schweiz stand Schmiere beim Weltverbrechen", formuliert Dürrenmatt rückblickend, und: "Unsere sauberen Hände sind unsere Schande." Allerdings, fährt er fort, "wurden wir damals von einer schändlichen Zeit zu einer schändlichen Unschuld gezwungen", im Gegensatz zu den aktuellen, freiwillig begangenen Schändlichkeiten - Waffengeschäfte, freudige Annahme von Diktatoren- und Verbrechergeldern.

So steht es in der "Mondfinsternis", einem Teil der "Stoffe", die viele für das eigentliche Hauptwerk Dürrenmatts halten und in denen er der Entstehung und Entwicklung seiner Themen nachgeht. Der Katastrophismus, der sein Werk prägt, entstand aus dem Auge des Sturms, in dem sich die Schweiz eingerichtet hatte: "Diese Groteske des Verschontseins stellte mich endlich vor eine Aufgabe: die Welt, die ich nicht zu erleben vermochte, wenigstens zu erdenken, der Welt Welten entgegenzusetzen."

Dürrenmatt war im Leben Epikureer, als Denker aber ein Apokalyptiker

Zum Beispiel den "Winterkrieg in Tibet", eine grauenhafte Vision des Dritten Weltkriegs, der in unterirdischen Stollen ausgekämpft wird, und in dem weibliche Söldner das Inferno noch steigern: "man tötet und fickt um die Wette, Blut, Spermien, Gedärme, Fruchtwasser, Gekröse, Embryos, Kotze, schreiende Neugeborene, Gehirne, Augen, Mutterkuchen schiessen in Strömen die riesigen Gletscher hinab, versickern in den abgrundtiefen Spalten". Und Dürrenmatts Sprache schießt hier gleichermaßen entfesselt und zügellos dahin.

Im Leben ein Epikureer - Liebhaber bester Rotweine, beim Essen nur von der Diabetes gebremst, das Rauchen schwerer Zigarren musste er schweren Herzens aufgeben - , war Dürrenmatt als Denker ein Apokalyptiker. Die Kenntnis der Weltgeschichte und der Einblick in Astronomie und Astrophysik ließen ihm keine Wahl.

Bevor die Sonne sich einmal so weit ausdehnen würde, dass alles Leben auf der Erde unmöglich wäre, würden die Menschen das Geschäft schon allein erledigen, dazu müsse man bloß das bisher Geschehene fortschreiben. In "Das Hirn", dem fulminanten Abschlusstext der "Stoffe", stellt Dürrenmatt sich einmal eine andere Weltgeschichte vor, anders, aber "ebenso blutig wie zufällig".

Etwa so: "Ein Sklavenaufstand verhindert den Bau der Pyramiden, Hannibal zerstört Rom, Mohammed II. erobert Europa, der Erste und Zweite Weltkrieg spielen sich zwischen China und dem amerikanischen Inkareich ab", aber, da das Hirn alle Möglichkeiten durchspielt, kommt es schließlich doch so, wie es gekommen ist.

Kein Künstler hätte sich die Welt ausdenken können

Ist der Mensch eine Fehlkonstruktion? "Die Natur, so stur sie ist, wird die Dummheit, Primaten zu schaffen, kaum wiederholen", heißt es an anderer Stelle, und "wozu Mensch überhaupt?" Aber das ist eine sinnlose Frage in einer Welt, die allein auf Zufall aufgebaut ist. Dass sich aus den Gasnebeln, die aus dem Urknall entstanden sind, ein Planet mit einer Atmosphäre entwickelt, die Leben ermöglicht und schließlich ein Wesen hervorbringt, das über ein Bewusstsein seiner selbst verfügt: Das ist so unwahrscheinlich, dass es kein Künstler hätte erfinden können. Nur eine unzählige Summe von Zufällen.

Ist, mit diesem kosmologischen Blick betrachtet, nicht alles egal? So denken manche Dürrenmatt'sche Figuren, etwa der ehemalige KZ-Arzt Emmenberger (in "Der Verdacht", einem jener Krimis, in denen Dürrenmatt "Kunst macht, wo niemand Kunst erwartet"). Für Emmenberger ist auch Moral Zufall: "Das Böse und das Gute fällt einem wie bei einer Lotterie als Zufallslos in den Schoß." Und tatsächlich hat niemand den Institutionen, die vermeintlich die Gerechtigkeit verwalten, die Selbstgewissheit unter den Füßen so brutal weggezogen wie Dürrenmatt in Krimis, Romanen und Erzählungen, von der "Panne" bis zu "Justiz".

Die Herrschaft des Zufalls ermöglicht indes, der Wirklichkeit Möglichkeiten entgegenzustellen, die diese nicht realisiert hat, die der Künstler in seinen fiktiven Welten aber sehr wohl durchspielen kann. Gerade weil diese Möglichkeiten nicht definitiv sind, nicht fixierbar, hat Dürrenmatt an seinen Stoffen immer wieder gearbeitet, wie ein Bildhauer an einem Stein, der nachwächst, wenn etwas abgeschlagen ist.

Auschwitz sei undenkbar und habe keinen Sinn

Deshalb sind viele Stoffe, die ihn lebenslang beschäftigten, im Stadium der Vorform geblieben, deshalb auch haben seine Stücke so viele Versionen und Varianten - bis zu den fremdbestimmten (dem Happy End der "Alten Dame" in der Hollywood-Verfilmung oder der konventionellen Krimi-Lösung im verfilmten "Versprechen").

Die Möglichkeit, die der Dichter der Wirklichkeit entgegensetzt, stößt da an ihre Grenze, wo diese Wirklichkeit unfassbar wird. Das widerfährt Dürrenmatt in seinem letzten Lebensjahr bei seinem Besuch in Auschwitz, und das bewegt ihn, dem "Hirn" - und damit den "Stoffen" - einen neuen Schluss zu geben. Einen Schluss, der nicht spektakulär ist wie ein Weltuntergang. Es ist eher eine Apokalypse nach innen, eine Kapitulation des Denkens.

Der Ort Auschwitz, schreibt Dürrenmatt, "ist undenkbar, und was undenkbar ist, kann auch nicht möglich sein, weil es keinen Sinn hat. Es ist, als ob der Ort sich selbst erdacht hätte. Er ist nur. Sinnlos wie die Wirklichkeit und unbegreiflich wie sie und ohne Grund". Der Mann mit dem unendlichen Möglichkeitssinn muss vor dem Undenkbaren kapitulieren.

© SZ/fxs/masc
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