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Dürer-Ausstellung in Wien:Dürer nackt wikrt unmittelbar, aber auch fragil

Und als Zeichner mag ihn gereizt haben, welche Freiheiten das Medium bietet, wie weit sich Experimente mit Stift und Feder treiben lassen. Natürlich sind seine gemalten Selbstporträts großartige Erkundungen der eigenen Person und ihres öffentlichen Images. Intimer aber wirken die Zeichnungen seiner Person. Einmal hantiert er mit einem Handspiegel vor seinem nackten Körper, mannshohe Spiegel gibt es noch nicht. Das führt zu einigen Verrenkungen und am Ende zu einem Stückwerk: Dem nackten Dürer schauen Betrachter sowohl fast von oben auf die Schulter als auch von vorne auf das Geschlecht.

Perspektivisch mag das nicht aufgehen, der Gesamteindruck aber ist anrührend. Hier zeigt sich jemand, windet sich vor dem Spiegel, drängt nach vorne und steht doch nicht ganz stabil. Seine schönen Locken zähmt ein angedeutetes Haarnetz, er kommt wohl gerade aus dem Bad. Der Blick des Mannes ist eher forschend als wissend, sein Körper wohlgeformt, aber nicht heroisch. Fein moduliert und mit Deckweiß zum Leuchten gebracht, glänzt die Herzensbrust; Hände, Unterarme und -schenkel jedoch fehlen.

Wie die später in Stein gehauenen "Sklaven" Michelangelos dreht sich auch diese nicht vollendete Figur aus dem Bildgrund heraus, tritt ins Leben, bevor ihr Schöpfer seine Arbeit abschließen konnte. Unmittelbar wirkt das, aber auch fragil. Ein solches Experiment am eigenen, bloßen Leib zu wagen, ist auch für die Renaissance außergewöhnlich und wird erst wieder von Paula Modersohn-Beckers Selbstakt als schwangere Frau eingeholt.

Im Auge des Hasen spiegelt sich keine Wolke, sondern das Fensterkreuz des Ateliers

Der Realist Dürer trifft in der Wiener Ausstellung auf den Phantasten Dürer. Letzterer tobt sich vor allem in der Druckgrafik aus. Die "Apokalyptischen Reiter" - nein, man möchte nicht von ihnen angerempelt werden, so fanatisch, wie sie nach vorne stürmen. Auch "Das babylonische Weib" auf seinem vielköpfigen Monster macht der Offenbarung des Johannes alle Ehre, übertrifft den Text noch an Dramatik. Die 16 großen Holzschnitte zur Apokalypse publiziert Dürer 1498 im Eigenverlag, auf gut Glück.

Dem Publikum traut er einiges zu. In seinen überbordenden Druckgrafiken schert er sich kaum um den Harmoniewillen der italienischen Kollegen, eher schon interessiert ihn die archaischere Formenvielfalt Martin Schongauers. Um diesen Meister der Grafik zu treffen, reist Dürer nach Colmar, doch Schongauer war im Februar 1491 gerade gestorben. Seine Blätter aber scheinen Dürer zu ermutigen, der eigenen Vorstellungsgabe, dem eigenen Denken freien Lauf zu lassen. So nimmt in seinen Arbeiten bald eine nackte Venus einen Delfin zwischen die Schenkel, eine feine Dame hält sich den Tod als Schleppenträger, und zwei badende Herren tauschen innige Blicke und vielleicht ein Blümchen.

Das alles ist lang bekannt, und doch: In so einer vielseitigen Zusammenschau wie nun in Wien ist Dürer selten zu erleben. Die Ausstellung kommt leiser, klarer daher als ihre Vorgängerin im Jahr 2003, die der Grafik beinahe zu misstrauen schien. Ob allerdings vor lauter Euphorie über Dürer als Zeichner auch sein allzu liebliches "Veilchen" aus der ständigen Sammlung wieder zuerkannt werden muss, bleibt fraglich - gerade im Vergleich mit den herberen, sicher eigenhändigen Blumenstudien wirkt diese Entscheidung nicht überzeugend.

Aufschlussreich sind da schon eher die Überlegungen des Kurators zum Hasen: In dessen Augen, so Christof Metzger, spiegelt sich keine Wolke, sondern das Fensterkreuz aus Dürers Atelier. Das vermeintliche Naturwesen ist ein Kunstgeschöpf, und der Zeichner ist stolz darauf.

Albrecht Dürer, Albertina in Wien, bis 6. Januar. Katalog (Prestel Verlag): 34 Euro (im Museum).

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