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Dürer-Ausstellung in Wien:Realist trifft auf Phantast

In der Wiener Albertina lassen sich Albrecht Dürers Meisterwerke bestaunen - und die große Nähe zu seinen Geschöpfen.

Er hat die berühmtesten, vielleicht auch die schönsten Ohren der Kunstgeschichte, lang, schmal, fein gestrichelt. Und doch wirkt es, steht man vor ihm, als könne er das nicht mehr hören: keine Komplimente bitte, und erst recht keine Ehrerbietungen in Form von Plakaten, Kaffeetassen, Radiergummis, Plagiaten. Lasst mich in Ruhe, scheint Dürers Hase in seinen Bart zu mümmeln, keiner von euch hat das Zeug, mich zu kopieren.

Das stimmt. Wie flauschig sein Winterfell ist, in allen Nuancen von Braun und Ocker hingetupft und mit etwas Deckweiß an den Spitzen zum Schimmern gebracht. Welche Freude es dem Zeichner gemacht haben muss, aus diesem weichen Pelz spitze Krallen herauswachsen zu lassen, die klarmachen: Kein Plüschtier präsentiert sich hier, sondern ein wilder Feldbewohner, der weiß, was er will. Seine dunklen Augen könnten uns erfassen, seine Nase mag uns erschnuppern, hier hockt nicht der nächste Braten, sondern ein eigenmächtiges Gegenüber auf Ohrenhöhe. Respekt verlangt der Zeichner, für seine Kunst und für sein Geschöpf. Mit seinen Aquarellfarben nährt er das Gedankenspiel, mit dem sich Kinder vergnügen: Was wäre, wenn ich als Igel, als Vogel oder eben als Hase auf die Welt gekommen wäre? Wie fühlen sich solche Hinterläufe an, wenn man mit ganzem Gewicht draufsitzt, wie weit lassen sich diese schlaksigen Ohren biegen?

Ganz gelehriger Schüler der italienischen Renaissancemeister, der Venezianer und noch mehr Leonardo da Vincis, lädt Albrecht Dürer zum Perspektivwechsel ein, zur unbedingten Empathie. Sein "Großes Rasenstück" ist deshalb ein so mächtiger Dschungel, weil das Gras aus der Blickhöhe eines Käfers und nicht aus der eines Menschen gesehen ist. Und dem frontalen "Maul eines Rindes" kommt wohl nicht einmal ein anderes Rind so nah wie der Mann mit dem Zeichenblock; man hat das Gefühl, das feucht atmende Vieh werde ihm und uns gleich das Gesicht ablecken.

Die Albertina in Wien präsentiert ihre Dürerwerke und zahlreiche Leihgaben dazu. Eine der besten Sammlungen des Franken befinden sich in dem Museum, und sie stammt größtenteils aus einem schon im 16. Jahrhundert zusammengestellten Konvolut. Mit dieser Schau besinnt das Haus sich auf seine eigentliche Stärke: Werke auf Papier und Pergament, Zeichnungen, entstanden mit Feder, Kreide oder Aquarellfarben, zudem Holzschnitte und Kupferstiche, die Drucke also, mit denen Dürer ein gutes Geschäft machte. Gemälde erklären hier die Grafiken, nicht andersherum. Dieser Fokus tut der Ausstellung gut, denn er verführt zum genauen Schauen.

Dem Publikum traut der Grafiker einiges zu. Und schenkt ihm Monster und Lebenslust

Nicht immer hat die Albertina sich so zu ihrem Charakter als Kupferstichkabinett bekannt, nach ihrer Wiedereröffnung 2003 protzten Ausstellungen mit großen Gemälde-Leihgaben. Seitdem aber hat sich vieles verändert, auch das Sehen - meinten Museumsleute damals noch, gegen die Reizüberflutung an digitalen Bildern nur mit der Farbenpracht ikonischer Malerei anzukommen, so setzt sich inzwischen die Einsicht durch, dass Besucherinnen und Besucher in Ausstellungen gerade nicht mehr auf den schnellen Blick aus sind, sondern endlich wieder in Ruhe hingucken möchten. Jedenfalls bei großen Namen funktioniert das bestens. Das Amsterdamer Rijksmuseum leistete sich im Jubiläumsjahr Rembrandts gerade eine Ausstellung seiner zigarettenschachtelgroßen Radierungen, und die Leute standen Schlange.

Bei Dürer dürfte das erst recht so kommen. Begreift er die Zeichnung doch, wie der Katalog überzeugend argumentiert, als Medium eigenen Rechts. Beispielsweise die hell auf dunkel gearbeiteten "Betenden Hände": Wie sich die Adern im Handrücken abzeichnen, wie die Spitze des rechten kleinen Fingers im Licht glänzt, das wäre übertrieben perfektionistisch ausgearbeitet, handelte es sich wirklich nur um eine Vorzeichnung für den Heller-Altar. Eher dienten solche Zeichnungen dazu, die Kunden in Dürers Werkstatt zu beeindrucken. Schon Kaiser Maximilian lobte den Künstler für seine Kunst auf Papier, nicht für seine Gemälde. Dürer selbst empfand die Malerei manchmal als umständlich im Vergleich zur Druckgrafik, mit der man schnell viele Blätter voller Detailfülle produzieren kann.