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Dua-Lipa-Show "Studio 2054":Eine Performance ohne den Augenblick der Erschöpfung

"Es hat eine Weile gedauert, bis ich von alleine mein Zimmer aufräumte": Sängerin Dua Lipa ist mit 15 von zu Hause ausgezogen.

(Foto: Universal Music)

Dua Lipa gibt ein Online-Live-Konzert. Mit ihrem zugleich genauen, nostalgischen und futuristischen Stil trifft sie eigentlich einen Nerv. Doch was fehlt, ist ein bisschen Unvollkommenheit.

Von Juliane Liebert

Im Lichte der Pandemie entdeckt gerade eine alt-neue Kunstform das Licht der Welt - das Online-Live-Konzert. Das kann man wörtlich nehmen, im Moment steckt es noch zwischen den Beinen seiner Mutter, den Kopf schon draußen, der Rest noch drin.

Es gab natürlich schon ein Weilchen Online-Live-Konzerte, aber angesichts der Tatsache, dass voraussichtlich noch einige Zeit echte Konzerte unmöglich sein werden, beginnen die großen Popstars, das Konzept als ernsthafte Alternative zu behandeln. Allen voran: Dua Lipa.

Dua Lipa ist der Popstar des Jahres 2020. Die junge Britin hat in diesem Jahr mit ihren zweiten Album, "Future Nostalgia" den lang erwarteten Durchbruch erreicht, und dabei auch vorher schon bei ihrer Kampagne zum Album mit den technischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Pandemie gespielt. Gestern Abend veranstaltete sie nun Studio 2054, ein Konzert, das man für ungefähr zehn Euro live streamen konnte.

Mit dabei: Ein hochkarätiges Gastensemble: Elton John, Kylie Minogue, Miley Cyrus, FKA Twigs. Und das mitten im Lockdown! Also zur angekündigten Uhrzeit frisch eingewählt auf der Plattform LIVENow. Man sieht, von seiner Couch aus: Eine mit Tänzern nachgestellte Clubszene. Erster Gedanke: Die stehen aber dicht beieinander! Man weist sein Gehirn zurecht: Die dürfen das! Die sind auf jeden Fall getestet und stecken niemanden an!

Kamera und Szenen sind ein wenig zu elaboriert

In der Mitte der Tänzer: Dua Lipa im weißen Glitzerkleid. Jetzt kommt es drauf an - schafft es die Show, wenigstens Ansätze des Gefühl eines Livekonzertes zu geben?

Letzte Woche gab die Britin der SZ ein Videointerview, die Haare zurückgebunden, frisch aus dem "Tanz-Bootcamp", wie sie es nannte. Sie macht "Studio 2054" , erklärte sie da, weil sie bisher keinen der Songs von "Future Nostalgia" wirklich aufführen konnte. Touren sind normalerweise fester Bestandteil der Routine, wenn so ein Star ein neues Album veröffentlicht - nochmal mehr, wenn es so erfolgreich ist wie "Future Nostalgia".

Studio 2054 stellt sich dann nicht als wirkliches Livekonzert heraus, sondern als eine Mischform aus Performance und Musikvideo. Dua singt und tanzt sich in verschiedenen Outfits durch "Break My Heart", "Physical" und "New Rules". Die Kamera und die Szenen sind ein wenig zu elaboriert, als dass es sich wirklich live anfühlt.

Miley Cyrus ist nicht wirklich da, sondern es wird nur in Form eines schon bekannten Videos eingespielt. FKA Twigs tanzt im Bondageoutfit an einer Stange. Sie macht das sehr gut, trotzdem kurze Sorge von der Couch: Zerrt sie sich da sicher nichts bei den Verrenkungen? Kylie Minogue gesellt sich später dazu, Elton John spielt via Videoschalte Rocket Man.

Es fehlt der Mut zur Pause

Dua Lipa hat sich inzwischen zu einer Performerin entwickelt, die sich mit den Großen der Szene messen kann, aber dennoch fehlt - ja, was eigentlich? Das, was einem selbst aus der physischen Entfernung die Illusion von Intimität gegeben hätte. Zum Beispiel Ansagen. Und, so merkwürdig es klingt: Umbauten. Und das Warten. Warten, dass der Star vom einen Ende der Bühne zum anderen Ende der Bühne geht. Wer hätte gedacht, dass das Gewarte einem mal fehlen würde? Es fehlen Augenblicke der Erschöpfung. Dass der Star vielleicht mal aus einer Wasserflasche trinkt. Die Frau tanzt da eine Stunde zehn Minuten durch. Gebt ihr eine Wasserflasche!

Dabei trifft Dua Lipa natürlich eigentlich einen Nerv - ein gutes Popkonzert oder eine durchgefeierte Nacht erscheint einem inzwischen als eine fast nostalgische Fantasie, wozu gerade Dua Lipas Stil, der zugleich, genau, nostalgisch und futuristisch ist, perfekt passt. Und Studio 2054 hätte all das sein können, wenn es die Möglichkeiten von digitalen Events ein wenig konsequenter genutzt hätte. Eigentlich fehlt nicht viel: Der Mut zur Pause. Eine etwas weniger musikvideohafte Kamera. Ein bisschen Unvollkommenheit. Eine Bratwurst für zehn Euro und ein zwei Meter großer Fan, der das ganze Konzert vor einem steht. Okay okay, das nicht.

Der unerbittlichen Eingängigkeit von Dua Lipas Songs kann das alles im Übrigen so oder so nichts anhaben. Die belächeln uns, wie wir da seit Monaten in unseren Wohnzimmern sitzen, und erheben sich hinaus in die glitzende, wabernde, nicht kleinzukriegende Unsterblichkeit des Pops.

© SZ/saul
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