Süddeutsche Zeitung

Drogen-Reichungen an Soldaten:Schlaflos in Battle

Kriege verlangen von Soldaten ewige Wachheit, Intelligenz, Fitness und hohe Ausdauer. Drogen erfüllen ihnen den Wunsch nach diesen Idealen, von denen auch die Zivilgesellschaft beherrscht ist.

Olaf Arndt

Krieg und Drogen: Das passt zusammen wie Waffe und Patronen. Als Treibladung und Projektil zugleich schleudert sich der Körper ins Gefecht. Die Grenze zur medizinischen Versorgung der Soldaten verschwimmt, wenn man von Experimenten mit dem Blutverdickungsmittel NovoSeven liest, das Wunden blitzschnell schließen soll. Wo endet ein Heilmittel? Wo beginnt Doping? In Berichten aus dem Irak wimmelt es von hoch wirksamen Durchhaltepillen und ihrem Gegenteil, dem "kleinen Schuss" (Heroin) für die schnelle Landung.

Aber ist die Tatsache, dass sich Soldaten auf Befehl mit Chemie vollpumpen, wirklich neu? Oder ist nur die Zusammensetzung der Supersoldaten-Drops neu? Haben Krieger nicht seit Anbeginn der Geschichte bekifft oder besoffen gefochten? Die Afghanen, die ihre Angst vor der Schlacht mit Opium betäubten, nannten das Gift "Honig der Krieger". Von den Türken im 16. Jahrhundert mit Kampfer zum "l'eau heroique", Heldenwasser, aufgekocht, machte die Mixtur mutig und wach. Bis zu 4,5 Kilo Rohmaterial pro Jahr gehörten im 13. Jahrhundert zum Sold, notierte der Maharadscha von Jaipur in seinen Erinnerungen.

Mitte September 2006 schrieb der britische Guardian: "Experimentelles Medikament an Soldaten verabreicht". Mancher Leser mag sich da an die Fünfziger erinnert haben. Drogen-Altmeister Timothy Leary forderte seinerzeit, das LSD direkt ins Trinkwasser einzuleiten und bekannte kurz vor seinem Tod, dass seine LSD-Trips Militärprojekte von der CIA mitfinanziert wurden.

Schlaflos in Battle

Mandrax, Koks und Speed, Dolatin und Zolpidem, Super Sensi, Angel Dust und XTC: Spätestens seit ein Basler Pharmakologe mit dem passenden Namen Staub vor mehr als 50 Jahren von "traumhaft schönen Dopingmitteln" für Polizei und Militär sprach, wurde der Körper selbst zum Schlachtfeld. Doping, der Einsatz von Drogen zur Verbesserung der "menschlichen Potentiale", führt allerdings bei fortgesetztem Missbrauch zu alptraumhaften Resultaten.

Staat als Dealer

Im Juni 2006 beklagten die Ehefrauen von US-Soldaten öffentlich, dass massiver Abusus von Drogen und Alkohol ihre Männer zerrüttet habe. "Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie auf Speed völlig wegflippten, als sie die Zivilisten ermordeten", sagte die Frau eines Staff Sergeant der Marines, die das Massaker von Haditha im November 2005 anrichteten, gegenüber dem Guardian.

Eine Armee gerät außer Kontrolle. Ganze Einheiten psychischer Wracks werden in die Heimat zurückgeschickt. Für die Verbliebenen werden "Auffrischungskurse in Schlachtfeld-Ethik" angeboten, so der Guardian. Dabei schleusen oft gerade Personen innerhalb der Befehlsstruktur die Drogen gezielt ein. Häufig werden sie als sportliches Doping verharmlost oder als Selbstmedikation in die Verantwortung der Soldaten gestellt. Die Söldner selbst achten darauf, sich fit zu halten. Ihre Gesundheit ist ihr Kapital. Das nennt man Wellness-Prophylaxe, vorbeugendes Wohlbefinden. Doch was, wenn es um Leben oder Tod von Dritten geht?

Moderne Armeen können auf die Anti-Stress- und Aufputschmittel gar nicht mehr verzichten. Das liegt nicht nur an der Komplexität der technischen Umgebungen. Es ist das erklärte Ziel der "chirurgisch sauberen" Operationen, mit äußerster Präzision zu arbeiten. Schließlich sollen die Bediener der Maschinen ja mindestens ebenso schnell und intelligent sein, wie die Bomben, die sie abfeuern.

Weil aber kein Mensch auf unbegrenzte Zeit zu leisten vermag, was die Apparate ihm abverlangen, passt man eben den Körper der Maschinenleistung biochemisch an. Und die Kommandanten ebnen ihren Kämpfern den Weg in den Hyper-Marché der Designerdrogen. Zumindest könnte man so jüngere Meldungen werten über eine zunehmend öffentliche, "freiwillige" Einnahme von leistungssteigernden Substanzen. Dabei produziert die Vermeidung eines Kollateralschadens (Präzisionsangriffe) gleich den nächsten (Gewalttaten von drogenabhängigen, desorientierten Soldaten).

Endsieg-Pillen der Blitzkrieger

Dabei tritt der Staat als Dealer auf. Als "tactical management tools", als Werkzeuge für die taktische Organisation, bezeichnet man die Stoffe gegen Müdigkeit in der Amtssprache. Ein Beispiel dafür ist das medizinische Handout der US Airforce vom 23. November 2003, 51st Fighter Wing Instruction 44-102, über so genannte Go-Pills, die das Amphetamin Dexedrin enthalten.

Dort heißt es: "Der Gebrauch von Go-Pills ist durch das Einsatzprogramm des HQ PACAF (Headquarters Pacific Air Forces) geregelt." Detailliert sind die Abgabemengen festgesetzt. Paragraph 2 beschreibt die Befehlskette bei der Nachfrage nach Drogen. Das Dokument schließt mit einem Beipackzettel zu den Nebenwirkungen und wurde von Brigadegeneral Maurice Forsyth unterzeichnet.

Das Interesse an der Abschaffung des Schlafes ist nicht neu. Seit vielen Jahren forscht die US-Militärbehörde Darpa an Substanzen, die Menschen bis zu einer Woche lang wach und aufmerksam halten sollen. Speed, also Amphetamin, ist das probate Mittel. Droge und Krieg haben sich daher auch in der Umgangssprache zum Blitzkrieg verwoben: "Blitz" steht als Synonym für das Aufputschmittel Speed sinnbildlich für das Tempo, mit dem Hitler 1939 Polen besetzte.

Das Bild der deutschen Blitzkrieger - vollgeknallt und ohne Erbarmen - wurde zur Ikone der teutonischen Unmenschlichkeit. Der Sinneswandel unter den deutschen Soldaten war angeblich das Ergebnis der flächendeckenden Verabreichung von "Panzerschokolade", aufgerüstet mit dem Produkt Pervetin, der "Endsieg-Droge", einem Methamphetamin, das oft auch "Hermann-Göring-Pille" genannt wurde. Amphetamin blieb weitere 50 Jahre populär: 2002 töteten US-Flieger unter dem Einfluss von Go-Pills ihre kanadischen Kollegen in Afghanistan. Die Haditha-Episode steht in einer langen Tradition von Speed-Desastern.

Der Soziologe Wolf-Reinhard Kemper von der Universität Lüneburg forscht seit 15 Jahren zum Thema Drogen und Militär und schreibt ein Buch, dass im nächsten Sommer erscheint (Verlag Grüne Kraft). Zum Beschleunigen (in den Einsatz hinein) oder Herunterbremsen (Entspannung danach) wurden Drogen schon immer eingesetzt. Um Mut zu machen, um den Schmerz zu vergessen oder auch nur, um die Unwilligen zur Schlacht zu "überreden". Und immer wurde der Drogenfluss von der Macht geregelt, portioniert, erwünscht.

Doch im Zeitalter von Schönheitsgymnastik und physischer Selbstverwaltung, so Kemper, komme der Aufrechterhaltung eines "gesunden Status Quo" immer größere Bedeutung zu. Mindestens während der Länge eines Einsatzes darf keine Schwäche eintreten. Diesen stillen Superzustand sollen die Drogen garantieren: hohe Intelligenz, hohe Fitness, hohe Ausdauer. Ideale, von denen auch die Zivilgesellschaft beherrscht ist. Deswegen kann die "zwingende Befolgung", von der das Go-Pills-Dokument der US Air Force spricht, von jedermann erwartet werden: Die Droge als Erfüllung fremder Wünsche.

Im militärischen Unternehmertum gehört der Körper der Armee. Seine Pflege ist eine Verpflichtung im Rahmen des Dienstvertrages. So wie der Soldat die Waffe wartet und für den Gebrauch präpariert, so kümmert er sich um seinen Körper wie um etwas Äußerliches: den Besitz der kriegführenden Firma.

Angriffsmedikamente

Der Militärforscher Chris Hables-Gray hat dies vor mehr als zehn Jahren vorhergesehen: "Heute wird der Soldat umgebaut, um lückenlos in die Waffensysteme zu passen. Die Grundeinheit jedes Krieges, der menschliche Körper, ist der Ort dieser Veränderungen, sei es der ,wetware', (des Kopfes und der Hormone), der ,software', (der Gewohnheiten, Fähigkeiten und Disziplin) oder der ,hardware', (des Körpers)...Der postmoderne gemeine Soldat ist entweder tatsächlich eine Maschine oder er wird durch Psychotechnologien wie Drogen, Disziplin und Führung dazu gebracht, wie eine Maschine zu handeln."

Beispiele dafür finden sich häufig: Der Einsatz von pharmakologischen Stoffen bei Geiselnahmen, wie etwa der Einsatz des Opiumderivats Fentanyl bei der Befreiung des Moskauer Musicaltheaters Nord-Ost. Oder das Interesse an CAR 301,060 als "nicht-tödlichem Wirkmittel" zur Niederschlagung von Unruhen. Ein weitere Indikator sind die Konferenzen des Fraunhofer Instituts für Chemische Technologie in Karlsruhe. Hier schmiedet die Elite der Militärtechniker Pläne für die Zukunft des Krieges.

Auf der jüngsten Tagung erfuhr man, wie sich etwa Prager Mediziner die Polizeitechnik vorstellen: Mit Betäubungsgewehren wollen Ladislav Hess und Jitka Schreiberova vom Universitätskrankenhaus dem Volk zu Leibe rücken. Der Militärarzt Patrick Barriot spricht sogar von "Angriffsmedikamenten". Er vermutet, man könne die "Chemiewaffen von morgen schon heute in einem Lexikon der Heilmittel" finden. In einem Lexikon klassifiziert er diese neuen Wirkmittel. Seine Mitherausgeberin Chantal Bismuth arbeitet als Ärztin für Wiederbelebungsmedizin. Eine solche Medizin werden wir in Zukunft offenbar bitter nötig haben.

Der Autor ist Mitglied der Künstlergruppe BBM. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Demonen. Zur Mythologie der Inneren Sicherheit" (Edition Nautilus).

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Quelle:
SZ v. 5.12.2006
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