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"Drive"-Regisseur Winding Refn:Mit einer Million Schulden zurück zum Gangsterkino

"Ich teile mein Leben, meine Karriere in zwei Hälften", sagt er, "die vor und die nach ,Fear X'. Ja, ich hatte katastrophale Schulden danach. Aber zugleich schien mir, als hätte Gott einen Plan. Denn ich musste fallen. Wenn ich nicht gefallen wäre, hätte ich nichts gelernt. Ja, ich habe einiges gelernt. Alles. Als ich zusammenbrach und in das schwarze Loch sah, musste ich alles neu denken. Ich war klüger. Ich lernte es auf die harte Weise, was sowieso die beste ist. In der Geschäftswelt gibt es einen Spruch: Wenn du nicht wenigstens einmal Bankrott gemacht hast, bist du kein richtiger Geschäftsmann."

Der Filmemacher, der vom Businessman nicht zu trennen ist, für Refn ist das eine Selbstverständlichkeit. Als Vorbild hat er da den großen Orson Welles, der so viele Projekte anleierte und in den Sand setzte wie kein anderer Filmemacher und dessen Filme in "Drive" mächtig herumspuken, "Touch of Evil" und "Lady from Shanghai". "Orson Welles is the coolest. Cool sein heißt, du kämpfst deine Schlachten, manche hast du verloren, aber du hast es auf deine Weise gemacht. Etwas, was keiner dir nehmen kann. Ich liebe die Schlachten ... Und: Es ist nicht das Resultat, das zählt, hat mein Freund Hubert Selby Jr. gesagt, sondern wie du es kriegst, wie du handelst. Noch mal: Ich musste fürchterlich eins draufkriegen. Aber ich war jung genug, um mich neu zu erfinden." Als er eine Million Dollar Schulden hatte, ging Refn zu dem zurück, was Erfolg brachte - zum Gangsterkino. Und gleich mit zwei Filmen, in einem besonderen Deal, die "With Blood on My Hands" und "I'm the Angel of Death" hießen und als Pusher II und III in die Kinos kamen. Beide sehr viel härter, anarchischer, blutiger, trostloser als der erste.

Der Businessman, den Refn uns so scharf zuschiebt, ist sicher mehr als Koketterie - und doch spürt man eine zweite Seele in seiner Brust, da fühlt er sich den gequälten Cineasten-Seelen eng verwandt, Fassbinder zum Beispiel oder Andy Milligan. Vor einigen Jahren ist er auf die Filme des Londoner Trashfilmers der Siebziger gestoßen, dann hat er dessen Biografen getroffen, der ihm massenweise Material von Milligan-Filmen anbot. Refn machte ein Commercial und kaufte von der Gage das Material. Spinnst du, meinte seine Frau, 25.000 Dollar für Sachen, die niemanden interessieren! Natürlich ist Refn bei aller Coolness auch Familienmensch - beim Dreh von "Drive" hat die ganze Familie in einem Haus im Beachwood Canyon gewohnt, nah am berühmten Hollywood-Zeichen, und der Cutter und der Drehbuchautor dazu. Und auch beim neuen Film war die Familie dabei, "Only God Forgives", in Bangkok gedreht, wieder mit Ryan Gosling, ist gerade in der Postproduction.

Nein, einen American Independent würde er sich nicht nennen, lacht Nicolas Winding Refn, er sei ja kein Amerikaner. Aber auch als europäischer Filmemacher will er nicht dastehen. Er mag Lars von Trier, aber von ihm und seiner Dogma-Truppe hat er sich ferngehalten. "Ich will doch nicht zu etwas dazugehören. Dafür bin ich zu amerikanisch. Zu individualistisch."

Winding Refn ist durchaus Moralist

Das Schweben zwischen den Genres und den Filmkulturen wird ein wenig stabilisiert von einer Liebe zum Phantastischen, zur Fantasy. "Drive" ist von Grimms Märchen inspiriert, und der Film davor, "Valhalla Rising" ist Science Fiction ohne Science. "Ich verkaufte es als Wikingerfilm mit Mads Mikkelsen, und das war es ja auch. Und dann änderten wir es im Verlauf der Arbeit. Ich hab's einfach gemacht, und wir hatten backers, Leute, die uns machen ließen. Und sie haben dann eine Menge Geld damit gemacht. Es war der erfolgreichste Film, den ich je machte. Und es hat mich voll auf den kommerziellen Markt platziert. Bis 'Drive' kam, natürlich ..."

Seit Langem dreht Refn seine Filme chronologisch, und hat keine Probleme damit, logistisch, ästhetisch: Filmemachen als Erfahrungsprozess. Es klingt nach einer uramerikanischen Vision, aber vielleicht hat sie doch europäische Wurzeln: Als er nach "Fear X" zusammenbrach, beschloss, keine Filme mehr zu machen auf Bedeutungshaftigkeit hin. "Nur noch wie ein Pornograf, Filme, die mich erregten."

Das filmische Erbe, das er mit sich rumschleppt, belastet ihn nicht. "Du stiehlst einfach von den Besten. Jeder stiehlt. Wer sagt, er stehle nicht, lügt, und das ist das Schlimmste." Dieses Wort - lügt - sagt er mit wirklich schwer erträglicher Verachtung. Ja, Nicolas Winding Refn ist durchaus Moralist, auch was seine Kunst angeht. "Jeder große Maler stahl von jedem Maler. Das ist normal. Man darf bloß nicht plagiieren. Ein Plagiat ist eine Kopie von etwas, aber ohne deine Seele. Stehlen heißt, du nimmst die Technik eines anderen, aber du legst deine Seele hinein."

"And from nature we should learn", heißt es in dem Lied am Ende von "Drive", "that all can start again ... As the stars must fade away to give a bright new day."

© SZ vom 03.07.2012/ihe
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